Another Glorious Day

1963 provozierte das legendäre Living Theatre mit einem Stück über die alltäglichen Erniedrigungen in einem Marinegefängnis einen Skandal. Karin Kaper und Dirk Szuszies dokumentieren die Wiederaufführung des Stücks 2008 in Berlin.

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Das Living Theatre ist während seines fast 60-jährigen Bestehens zunehmend zum Mythos eines Theaters geworden, in dem soziale Utopien ebenso ihren Platz finden wie Widerstand gegen Krieg und jegliche Form von Autorität. Um dem flüchtigen Charakter der Aufführungen entgegen zu wirken, versuchten schon mehrmals Filmemacher, wie etwa Sheldon Rochlin (Paradise Now, 1970; Signals Through The Flames, 1984), die Arbeit der Truppe zu archivieren. Mit Resist!: To be with the Living setzten die Regisseure Karin Kaper und Dirk Szuszies 2004 dem Living Theatre ein Denkmal.

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In Another Glorious Day widmen sich Kaper und Szuszies erneut dem Living Theatre und konzentrieren sich auf eines ihrer legendärsten Stücke. „The Brig“ – zu Deutsch der Bau – feierte seine Uraufführung 1963 und behandelt die menschenverachtenden Zustände in einem Marinegefängnis. In seinem Heimatland führte das von Kenneth H. Brown nach Erlebnisberichten verfasste Stück zur Schließung des Theaters, während es bei internationalen Gastspielen gefeiert wurde. Vor zwei Jahren, als dem Thema der Gefangenenmisshandlung durch die Ereignisse in Guantánamo und Abu Ghraib neue Aktualität verliehen wurde, entschied sich Judith Malina, die Gründerin und Regisseurin der Truppe, das Stück in neuer Besetzung wieder auf die Bühne zu bringen. Der Film gibt die Berliner Wiederaufführung in komprimierter Form wieder und bezieht gleichzeitig Entstehungsgeschichte und Hintergründe des Stücks mit ein.

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Obwohl das Living Theatre gerne mit einer Verschmelzung von Kunst und Leben in Verbindung gebracht wird – ein Aspekt, der in Another Glorious Day etwa deutlich wird, wenn die Darsteller Passagen aus dem Stück vor Berliner Passanten aufführen –, folgt „The Brig“ der klassischen Aufteilung zwischen Bühne, auf der sich zehn Gefangene in einem Käfig sowie fünf sie drangsalierende Wärter befinden, und Zuschauerraum. Dramaturgisch widersetzt sich das Stück dagegen einem konventionellen Theaterbegriff: Ohne Handlung, Psychologisierung oder eine Identifikationsfigur als Anhaltspunkt konfrontiert „The Brig“ den Zuschauer mit einer Aneinanderreihung ritualisierter Demütigungen im Laufe eines ganz normalen Tages.

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Die Spielszenen in Another Glorious Day funktionieren ästhetisch wie die herkömmliche Fernsehübertragung eines Theaterstücks: Neben Totalen, in denen auch die Bühne sichtbar wird, ist die Inszenierung vor allem mit einer Handkamera aufgenommen, die sich mitten im Geschehen befindet. Diese Vorgehensweise unterstützt die durch die Abwesenheit einer Dramatisierung hervorgerufene Authentizität, lässt aber andererseits auch das mitunter stilisierende Spiel der Darsteller, etwa den parodistisch überzeichneten Gang, mit dem die Gefangenen immer wieder aufmarschieren müssen, als störenden Faktor hervortreten. Die Schwäche von „The Brig“ – soweit man das über das Medium Video beurteilen kann – scheint darin zu liegen, dass das Stück zwar auf eine Enthüllung unerhörter Zustände und eine Betroffenheitshaltung abzielt, gleichzeitig dem Zuschauer aber jegliche Anteilnahme verweigert.

Neben der Aufzeichnung der Inszenierung wechselt Another Glorious Day immer wieder zu einer zweiten, das Stück reflektierenden Ebene. Hier sieht man wie Brown den Darstellern die passende Mimik lehrt, wenn sie geschlagen werden, wie das Bühnenbild aufgebaut wird oder Beteiligte einen Einblick in Regelwerk und Ablauf der Inszenierung gewähren. Diese produktionstechnische Seite ergänzt die Inszenierung um Hintergrundinformationen, ohne sie in ihrer Wirkung zu behindern.

Wenn dagegen Judith Malina, Kenneth H. Brown oder der Theaterleiter Frank Burkner, der „The Brig“ schon in den 60er Jahren nach Berlin brachte, in Interviews zu Wort kommen, überwiegt ein nostalgischer Tonfall. Plötzlich ergibt sich die soziale Relevanz des Stücks nicht mehr aus der Inszenierung, sondern durch Anekdoten von früher. Dabei hätte sich Another Glorious Day einfach nur auf seine grundlegenden Qualitäten, ein durchaus interessantes Theaterexperiment zu konservieren, verlassen können.

Filmkritik von Michael Kienzl

Veröffentlicht am 17.10.2009

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Fotos: © Bernd Uhlig; Peter Müller

 

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