Another Earth

Das Ende der Welt ist ihre identische Dopplung. Im apokalyptischen Setting sucht ein Mädchen nach Sühne für ihre Schuld, freier Wille hin oder her.

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Die Dichte der Eindrücke, mit denen man auf Filmfestivals rechnen kann, sind ihr Segen und Fluch zugleich. Filme geraten in einen Kontext, der ihnen genauso gut helfen wie schaden kann. Another Earth gehört zu denen, die davon profitieren. Das Spielfilmdebüt von Mike Cahill, das gerade seine internationale Premiere in Locarno feierte, ist genau das, was sich ein erwartungsvoller, aber fast filmgesättigter Zuschauer erhofft. Denn trotz geringer Mittel sucht der Film das Wagnis. Und das schon in der titelgebenden Idee: Es gibt eine zweite Erde, die zunächst fern am Firmament entdeckt wird und über die Jahre immer näher rückt. Die allgemeine Verunsicherung wächst zusätzlich, als die Kommunikationsversuche glücken und herauskommt, dass „Erde 2“ identisch mit der ersten zu sein scheint: dort finden sich dieselben Menschen mit denselben Biographien.

Inmitten der Science-Fiction fokussiert der Film aber eine ganz private Geschichte: die eines Mädchens, Rhoda (Brit Marling), das nach Erlösung für ihr Verbrechen sucht. Sie hat in einem Autounfall zwei Menschen getötet und schleicht sich nun, nach abgesessener Gefängnisstrafe, in das Leben des aus dem Koma erwachten Familienvaters ohne Familie (William Mapother) ein, als Haushaltshilfe. Eingefangen wird das apokalyptische Szenario in einer disparaten Mischung aus metaphorisch durchtränkten Affektbildern, überhöht und entrückt, und an Homevideos gemahnenden Aufnahmen, schlecht ausgeleuchtet und dreckig vertont.

Another Earth 01

Die unterschiedlichen Stile des Films sind konzeptionell alles andere als logisch angeordnet und lassen sich nicht sauber einer Bedeutungsebene zuordnen. Ihre Kombination, die sich sicherlich produktionstechnisch erklären lässt, verleiht dem Film aber – gerade inmitten durchkalkulierter Werke, die auch das Festivalkino oft dominieren – einen sympathischen Charakter, holt ihn zurück zur profanen Realität der Figuren. Diese einander widerstrebenden Teile, und die Todes-, ja Jenseitssehnsucht der Protagonistin, erinnern sehr deutlich an einen anderen aktuellen Film: Ohne es zu wissen, hat Mike Cahill mit Another Earth einen Gegenentwurf zu Lars von Triers Melancholia (2011) geschaffen, in dem ein Stern auf Kollisionskurs mit der Erde gerät, während die Protagonistin dem großen Knall geradezu entgegen fiebert. Es ist ein Gegenentwurf, weil Cahill die Möglichkeit einer zwischenmenschlichen Kommunikation stets offen hält, weil die Melancholie mit dem Unfall einem vermeidbaren irdischen Ursprung zugeordnet werden kann – und weil der Film trotz aller deterministischen Science-Fiction nicht von der Idee des freien Willens und der mit ihr verbundenen Hoffnung lassen kann. Überraschend ist vor allem, dass Another Earth seinen schönen Sci-Fi-Plot in philosophischer Perspektive nicht stärker ausreizt. Der Fatalismus eines von Trier ist dem gegenüber mythologisch sehr viel intensiver aufgeladen.

Another Earth 02

Sein geringes Budget hemmt Another Earth zwar ein ums andere Mal, größere, auch mit mehr Bedeutung aufgeladene Bilder zu schaffen, stattdessen kommuniziert der Film viel über kleine Fernsehbilder und Radiosendungen, verweilt oft in Halbnahen und Großaufnahmen. Aber man ist geneigt, diese Zwänge als produktiv zu empfinden. Sie schützen den Film jedenfalls davor, in allzu ausgetretenen Pfaden zu wandeln und geben dem entrückten Szenario ein intimes Wirkungsfeld. Dort gelingt es Cahill, seine schlichte irdische Geschichte konzentriert zu erzählen, und darin findet er für sie auch einen würdigen Abschluss - weit weg vom apokalyptischen Bombast Melancholias. So sehr sie sich stilistisch unterscheiden, so nah sind sich die beiden Filme aber zugleich in der sehr persönlichen Dimension, die die Konfrontation mit der jenseitigen Welt annimmt. Den Mittelpunkt nimmt die je eigene Vorstellungskraft ein, die Imagination vom menschlichen Ende: Es ist der bittersüße Zauber der Endzeitphantasie.

Trailer zu „Another Earth“


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Kommentare


Seppel karli

Samstag Abend und mir ist langweilig. In Fernsehen und video on demand nur der ewig alte Käse. Weil ich unlängst wieder Geld für einen totalen Unsinnsfilm ausgegeben habe, lese ich nun lieber vorab die Kritiken.
Und die, ja die sind fast besser als die Filme. Ich jedenfalls hatte meinen Spaß...






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