Anonymus

Shakespeare für die Massen, Teil X. Viel Spaß!

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Roland Emmerich hat die Zeichen der Zeit erkannt. Wohin hätte er auch noch gehen sollen in seinem Trademark-Gebiet, dem grobschlächtigen und nuancenarmen Weltzerstörungs- und Actionkino? Aber dass auf 2012 (2009) nun mit Anonymus ein Film über Shakespeare folgt, ist schon ein Karriereschwenk der unvorhersehbaren Sorte. Vom CGI-Inferno zur heiligen Kuh der Weltliteratur, da muss man erst einmal schlucken. Dass dieses Unterfangen dann auch noch glückt, damit wäre wohl wirklich nicht zu rechnen gewesen.

Doch Emmerich war schon immer ein Klassizist, der seine Scripts recht schnörkellos und ohne große ästhetisierende Überformungen auf die Leinwand brachte. Dass sich diese Qualitäten nun einmal voll auszahlen, hat er denn auch einem starken Drehbuch und einem hingebungsvollen Cast zu verdanken. Autor John Orloff wildert mit Verve in den ungeklärten Gefilden der historischen Figur „William Shakespeare“, um die sich bis heute Debatten ranken, ob er denn nun wirklich Autor all der gefeierten Stücke und Sonette gewesen ist oder doch ein Hochstapler, hinter dem sich ein anderer, ein Anonymus eben, verbarg.

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Die im Film propagierten Thesen sind der Literaturwissenschaft dabei spätestens seit J.T. Looneys 1920 erschienenem Buch Shakespeare Identified vertraut. Seitdem spaltet sich die Shakespeareforschung in Lager wie die Stratfordianer (die an den „echten“ William aus Stratford-upon-Avon glauben) und die Oxfordianer (die der Ansicht sind, Edward de Vere, 17th Earl of Oxford, sei der „wahre“ Autor).

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Dunkle Verschwörungen also im elisabethanischen Britannien, komplett mit höfischen Intrigen und Liebschaften, politischer Ränkeschmiede und Volksaufständen. Es gibt sogar eine handfeste, wenn auch vollkommen unnötige Inzeststory, mit der Emmerich/Orloff direkt durch Shakespeares Texte hin zu Sophokles brechen. Hier wird gewildert, wo gewildert werden kann. Die Bürgerlichen kommen dabei durch die Bank schlecht weg in Anonymus: nicht nur die Grundthese, dass ein Commoner niemals so kenntnisreich über die Irrungen und Wirrungen der Noblemen hätte schreiben können, trägt diese aristokratiefreundlichen Züge; auch sind die Lower Classes hier durch die Bank Säufer, Analphabeten, Philister und Verleumder, ganz allgemein von ziemlich ehr- und rückgratlosem Gemüt.

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Aber der Cast trägt alles mit Bravour. Rhys Evans als unbekanntes Genie und Vanessa Redgrave als exzentrische, romantische Monarchin Elizabeth (die erste wirklich starke Frauenfigur aller Emmerich-Filme) sind dabei die wohl herausragenden Figuren. Sie finden eine wunderbar lockere, spielerische Balance zwischen den heftigen Kostüm- und Schminkexzessen und den aufgekratzten emotionalen Entladungen, die sich gerade zum Ende hin quasi ununterbrochen ereignen. Denn wenn Emmerich neben der ein oder anderen eher unnötigen Kranfahrt Anonymous einen eigenen Stempel verleiht, dann vor allem durch die an Drag-Shows erinnernden Materialschlachten der Inszenierung. Mit wie viel Lust er der Königin beim An- und Ausziehen ihrer voluminösen Gewänder zuschauen kann, wie viel Zeit die Männer (die alle Jack-Sparrow-Fans zu sein scheinen, und sie reden auch alle sehr piratenhaft mit rauchig-dunkler Stimme) mit Pudern und Kajalauftragen verbringen, zeigt eine wahre Freude am Mummenschanz und an Verkleidungsspielchen.

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Was Emmerichs Film jedoch wirklich charmant macht, ist seine augenzwinkernde Dreistigkeit. Shakespeares Globe-Bühne geht gleich zu Beginn in Flammen auf, und mit ihr wird jedes ernsthafte Theaterverständnis dem Brandopfer anheimgegeben, zur Lobpreisung des Götzen Kino. Okay, eine Rahmenhandlung verankert die Erzählung im heutigen New Yorker Broadway, dem Grenzposten zwischen einem europäischen Theaterbild und dem US-Blockbusterkino. Aber der große William Shakespeare als Broadway-Ware? Ach, man stelle sich nur die schreckensweiten Augen und empört aufgerissenen Münder der Anglistikprofessoren und Shakespeare-Devoten vor, angesichts Emmerichs und Orloffs unterhaltungssüchtigem Raubzug durch die innersten Heiligtümer der englischsprachigen Seele. Erinnern sie in der Fantasie nicht ein wenig an die ungläubigen Gesichter der Weltuntergangszaungäste in Emmerichs bekanntesten Werken? Dan Brown wäre stolz.

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Warum das alles aber so gut, so viel besser als Browns eigene, pseudo-kunsthistorische Verschwörungstheorien, funktioniert? Vielleicht, weil Emmerichs Aneignung von Shakespeares vermeintlichem Leben mehr mit dessen eigener Verwendung von Fremdmaterial zu tun hat, als auf den ersten Blick ersichtlich sein mag. Lange vor Zeiten des allmächtigen Historismus, der die Vergangenheit stets „getreulich“ zu erfassen und beschreiben versucht („Wie es wirklich war“), nahm der gute William uralte Stoffe skandinavischen Ursprungs für seinen Hamlet und schoss eine dicke Portion tagesaktueller politischer Kommentare und gleichsam protestantischer Glaubenszweifel (in eine Welt lange vor Luther!) hinein. Eine solche Dramatisierung konzentriert sich nicht auf historische Akkuratesse, sondern auf mögliche Effekte. Klar mag es einmal um tiefschürfende philosophische und theologische Grübeleien, ein andermal um Kommerz und Entertainment gehen, aber die Mechanik ist so unterschiedlich nicht.

Wenn also im Film zweimal der Prolog aus Henry V. die magischen Potenziale der Bühne beschwört („Diese Hahnengrube / Fasst sie die Ebnen Frankreichs?“), dann wird damit natürlich auch über das Kino gesprochen. Beide, Theater und Film, vermögen aus trockenem Historikerstoff und einem dunklen Zimmer Geschichten zu weben, die ebenso hanebüchen sind wie faszinierend. Und William wird sich mit Sicherheit in seinem Grab umdrehen. Die Frage bleibt allein: aus Freude oder Ärger?

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Kommentare


Sebastian

...schon irgendwie Emmerichs bester Film, nur eben lange nicht so massenkompartibel, wie seine Vorgänger.






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