Animals – Kritik

Wenn der Teddybär gehen muss.

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Eine der vielen Fragen zu Animals, die sich nur unbefriedigend beantworten lassen, ist die nach dem Titel. In der Exposition wird zwar gleich eine Reihe von Tieren gezeigt. Dabei ist auffällig, dass sich in ihrem Umfeld stets menschliche Artefakte befinden: ein Wolf vor den Lichtern einer Stadt, eine Eule auf einem Hausdach oder ein Dachs auf einem leeren Parkplatz. Tiere also, die sich in einer Umwelt zurechtfinden müssen, die nicht ihrer urspünglichen entspricht. Auch spielen verschiedene Tiere im Laufe der Handlung gelegentlich eine kleine Rolle. Und schließlich ist eines der wichtigsten Elemente in Marçal Forés’ Spielfilmdebüt ein sprechender Teddybär. Völlig willkürlich scheint der Name also nicht zu sein, Ansatzpunkte lassen sich finden. Nur das Gewicht, das ein Titel seinem Film verleiht, scheinen sie nicht tragen zu können. Ähnlich verhält es sich mit der zentraleren Frage nach der Einordnung von Animals. Die nächstliegende Möglichkeit wäre wohl ein Coming-of-Age-Drama. Um Jugendliche, die in einer neuen Welt, dem Übergang zwischen Kind- und Erwachsensein, ihren Weg finden müssen, scheint es hier zu gehen. Dazu bietet sich der Prolog als passendes Sinnbild an. Doch vollständig kann der Film damit nicht begriffen werden. Etwas Unfassbares, das dieses Etikett übersteigt, haftet ihm an.

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Pol (Oriol Pla) jedenfalls ist zunächst mal ein prototypischer Protagonist. Verschlossen, unsicher, ein wenig zornig, ohne genau zu wissen warum. Er lebt bei seinem großen Bruder Llorenç (Javier Beltrán), was mit seinen Eltern ist, bleibt ungeklärt. So unauffällig und stoisch er sich selbst inmitten unmittelbarer Lebensgefahr auch gibt, in seinem Herzen tobt es, wie er mittels Songtext in einer Jamsession mit seinem Teddybär Deerhoof an dem Drums verrät. Dieser Bär ist die einzige „Person“, mit der sich der seiner Mitwelt hermetisch verschlossene Siebzehnjährige ungezwungen austauschen kann. Dem Problem, dass dieser leider nicht real ist, ist er sich dabei sehr wohl bewusst.

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Animals ruft Erinnerungen an ähnlich enigmatische Werke hervor, unter denen zwei besonders hervorstechen. Zum einen Gus van Sants Elephant (2003), nicht nur wegen der dem Titel geschuldeten Verknüpfung von Jugend- und Tierwelten. Auch das Thema Tod spielt hier eine wesentliche Rolle und wird auf rätselhafte, manchmal spielerische Weise mit dem Beginn eines neuen Lebensabschnitts in Beziehung gesetzt. Innerhalb der ersten halben Stunde muss Deerhoof gleich dreimal „sterben“: Er wird von einem Hund zerrissen und vom besorgten, teilweise eifersüchtig erscheinenden Llorenç vergraben. Nachdem Pol den drolligen Plüschgefährten zweimal gerettet hat, versenkt er ihn schließlich selbst unter Tränen in einer anrührenden Szene im See. Nun scheint er sich dem Abenteuer, erwachsen zu werden, stellen zu können: Er bemüht sich, die Gefühle seiner besten Freundin Laia (Roser Tapias) zu erwidern, fühlt sich jedoch dem ihm ähnlich unnahbaren neuen Mitschüler Ikari (Augustus Prew) wesentlich mehr zugeneigt. Der Plotpoint des symbolischen Loslassens der Kindheit fungiert allerdings nicht als narrative Katharsis. Die Todesthematik bleibt zentraler Aspekt der Handlung, und die Entfaltung von Pols homosexuellem Begehren ist weiterhin von Unsicherheit gekennzeichnet. Unter anderem inszeniert Forés die Annäherungen der beiden Jungen in lustvoll-schmerzhafter Ambivalenz durch gemeinsames Armritzen.

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Der andere große Jugendfilm, der sichtbar Pate stand, ist Richard Kellys Donnie Darko (2001). Nicht nur inhaltliche Parallelen finden sich (zum Beispiel ereignet sich der Höhepunkt während einer Halloweenfeier), auch atmosphärisch sind sich die beiden Filme sehr nahe. Oriol Pla verkörpert seine durch äußere Apathie und inneren Aufruhr charakterisierte Figur ähnlich faszinierend wie einst Jake Gyllenhaal seinen Donnie. Die Handlung scheint sich ebenfalls in einem der normalen Welt entrückten „Tangentenuniversum“ abzuspielen, was besonders in der Anreicherung des Plots durch Mystery-Elemente deutlich wird, deren Klärung meist versagt bleibt. Während sich die Geschichte bei Donnie Darko jedoch auf ein angekündigtes Ziel hinbewegt, gestaltet sie sich hier offener und verzweigter.

Auf der reinen Handlungsebene gibt sich Forés’ Erstlingswerk recht zurückhaltend. Oftmals agieren die Figuren, ohne dass ihre Motivation ersichtlich ist. Viele Szenen wirken mit ihren ruhigen Bildern beiläufig eingeflochten und bleiben in ihrer Bedeutung für einen Gesamtkontext im Vagen. Dennoch haben sie durchaus ihre Berechtigung, da der Reiz von Animals weniger in seinem Plot als gerade im Zauber dieser unaufgeregten, dennoch vereinnahmend in Szene gesetzten Momentaufnahmen liegt. Dies funktioniert nicht zuletzt aufgrund der Rahmung durch äußerst stimmungsvolle Landschaftsbilder, die in ihrer Schönheit niemals zu aufdringlich werden. Wie bereits in The Awakening (2011) bleiben Eduard Graus Aufnahmen, selbst die, die bei strahlenden Sonnenschein spielen, seltsam trübe und verleihen den Szenerien etwas durchgängig Geheimnisvolles.

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Die Erzählung wird zunehmend durch düstere und neblige Bilder geprägt, und die Musik, die Pol hört, wird immer lärmender. Es kündigt sich eine Eskalation an, deren Ursachen undurchsichtig bleiben und die den Film einem kryptisch-tragischen Ende und einem wundervoll-poetischen und zugleich obskur-optimistischen Schlussbild zuführt. So hinterlässt Animals viele Fragen, mit denen man sich nach der Sichtung auch im Wissen, sie niemals völlig klären zu können, gerne noch eine Weile auseinandersetzt.

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