Angst essen Seele auf – Kritik

In einem seiner größten Erfolge erzählt Fassbinder die tragische Liebesgeschichte zwischen der Putzfrau Emmi und dem Gastarbeiter Ali sowie der Intoleranz von außen, mit der sie konfrontiert werden.

Angst essen Seele auf

Die erste Berührung mit den Filmen des amerikanischen Regisseurs Douglas Sirk wurde für Rainer Werner Fassbinder zum bedeutenden und folgenreichen Erlebnis. Nachdem Fassbinder in seinen frühen Filmen noch Elemente aus Western und Gangsterfilmen mit theatralen Mitteln stilisierte, nahm das Melodram einen immer wichtigeren Stellenwert in seiner Arbeit ein. Was vor allem die Faszination seiner Melodramen ausmacht, ist die Verschmelzung eines typisch amerikanischen Genres, das besonders zur damaligen Zeit noch als Kitsch abgewertet wurde, mit einem schonungslosen und pessimistischen Blick auf das eigene Land. Mit seinem Faible für gesellschaftliche Außenseiter, die letztendlich an ihrem Status zerbrechen, steht neben Werken wie Faustrecht der Freiheit (1975) und Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972) vor allem ein Film exemplarisch für die Bedeutung des Melodrams in seinem Schaffen.

Angst essen Seele auf (1974) beginnt mit dem Satz „Das Glück ist nicht immer lustig“, einer These, die Fassbinder in den folgenden neunzig Minuten untermauert. Inspiriert von Sirks Was der Himmel erlaubt (All that Heaven allows, 1955), der von der gesellschaftlich geächteten Liebe zwischen einer reichen Witwe und einem weitaus jüngeren Gärtner erzählt, handelt der Film von der Liebe zwischen der verwitweten Putzfrau Emmi und dem zwanzig Jahre jüngeren Gastarbeiter Ali, die schon bald den Anfeindungen durch Nachbarn, Kollegen und der eigenen Familie ausgesetzt ist.

Angst essen Seele auf

Abgesehen von dem Gastarbeiter-Motiv, das schon in Katzelmacher (1969) auf ähnliche Weise behandelt wurde und der Übertragung der Geschichte in das kleinbürgerliche München der siebziger Jahre, macht es sich Fassbinder vor allem zur Aufgabe, eine allgemeingültige Geschichte zu erzählen. So dienen auch Ali und Emmi eher als Folien für den typischen Gastarbeiter und die vereinsamte ältere Frau, als dass sie individuelle Charaktere darstellen. Dabei bleibt Fassbinder dem Melodram und dessen Künstlichkeit treu, was sich vor allem darin zeigt, dass  Angst essen Seele auf wie die meisten von Fassbinders Filmen nachsynchronisiert ist und das Spiel der Darsteller geradezu mechanisch wirkt. Mit Einstellungen, in denen Emmi wie eine unbeholfen dreinblickende Heiligenerscheinung inszeniert ist, gibt es dann auch noch eine Verbeugung vor der kitschigen Ästhetik des Genres.

Vom klassischen Melodram unterscheiden sich Fassbinders Interpretationen vor allem durch den mitleidslosen Blick auf die Protagonisten und das Überschreiten von Genregrenzen. Als Emmi und Ali plötzlich von ihrem Umfeld akzeptiert werden, auch wenn es sich dabei nur um eine scheinheilige Toleranz handelt, die vor allem durch eigene Interessen motiviert ist, haben die beiden dafür schon bald mit einer Beziehungskrise zu kämpfen. Wie so häufig bei Fassbinder wird diese Krise durch das Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit verursacht. Nachdem Emmi beginnt Ali wie einen Dienstboten zu behandeln und ihn beim Treffen mit Arbeitskollegen vorzuführen, revanchiert dieser sich mit einer Affäre. Selbst als sich beide wieder versöhnen und in der Kneipe zu ihrem Lied tanzen, hält das Schicksal noch einige Tiefschläge bereit.

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