Angriff auf die Demokratie – Eine Intervention

Sind wir alle auf Droge? Warum die „Intervention“ von Angriff auf die Demokratie nötig ist, hört man im Kinosaal.

Angriff auf die Demokratie  1

Nimmt man die Worte des Filmtitels auseinander und prüft sie auf ihre Subtexte, drängen sich gleich eine ganze Reihe von Fragen auf. Wer greift an? Welches Demokratieverständnis liegt hier zugrunde? Und was bedeutet es eigentlich, zu intervenieren? Nach der Premiere – die Diskussion über den Film soll hier als Teil des Films verstanden werden – saßen nebeneinander acht der zehn Redner, deren Vorträge in Romuald Karmakars „Montage-Film“ zuvor in voller Länge zu sehen waren. Leicht lässt sich da die Parallele ziehen zur Intervention, wie sie vornehmlich in amerikanischen Dramen stattfindet, wenn das drogenabhängige Familienmitglied mit der Wahrheit seiner Sucht und den Auswirkungen auf sein Umfeld konfrontiert wird. Nicht selten stürmt es dabei aus dem Raum. Das war bei der Vorführung von Angriff auf die Demokratie – Eine Intervention anders, das Publikum blieb. Aber war die Intervention denn an uns dort Sitzende gerichtet?

Der Film ist ein Dokument, das eine Veranstaltung abbildet und verfügbar macht. Erklärtes Ziel dieser Matinee im Berliner Haus der Kulturen der Welt im vergangenen Dezember war es, zehn Autoren, Künstler, Akademiker, Intellektuelle zu Wort kommen zu lassen. Anlass ist die aktuelle Eurokrise, die von den Initiatoren Harald Welzer und Roger Willemsen als Angriff auf die Demokratie wahrgenommen wird: In den supranationalen Entscheidungsprozessen verschärfe sich die allgemeinere Tendenz der Aushöhlung der Demokratie in Europa noch, weil immer seltener um Legitimation bemühte Volksvertreter die Entscheidungen träfen. Stattdessen huldigten die sich zusammenschließenden Staatschefs und EU-Kommissare den Gesetzen des Marktes, dem „Heiligen Geist“, wie Franziska Augstein scharfzüngig beobachtet:

Die Märkte werden uns dargestellt, als wären sie der Heilige Geist: Allgegenwärtig, allwissend. Leider scheint dieser Heilige Geist manchmal ziemlich schlecht beieinander zu sein. Und eine Telefonnummer hat er auch nicht. Deshalb wird uns mitgeteilt: Zur gegenwärtigen Politik gebe es keine Alternative.

An wen richtet sich so eine umfassende Kritik? Sowohl das Diffuse des Adressaten als auch das Allgemein-Vage der Kritik beanspruchen die Redner für sich. Das sei gerade deshalb wichtig, weil ihre Intervention grundsätzlicher Natur sei und zu konkrete Kritikpunkte gleich mit „Sachzwängen“ wegdiskutiert würden. Nachdem bei der ursprünglichen Veranstaltung keine Diskussion stattfand, haben sich die Macher in Verknüpfung mit der Filmprojektion für sie geöffnet. Symptomatisch für die Logik, die nicht nur in den Köpfen der europäischen Regierungsvertreter vorzuherrschen scheint, war insofern genau diese erste Frage aus dem Publikum, die wissen wollte, für wen der Film gemacht sei und ob man nicht auf zugänglichere Art mehr Leute erreichen könnte. Gemeint war, dass der Film mit seinen langen Statements, mit der kargen Anordnung, der (fast) alphabetischen Reihenfolge der Redner, dem Verzicht auf eine zusätzliche Zuspitzung jenseits der von den Vortragenden selbst gewählten Dramaturgie, dass ein solch ungestalteter Film schwierig sei. Klar, dass ein Regisseur wie Romuald Karmakar – man denke nur an die nachgestellten Reden in Das Himmler-Projekt (2000) oder Hamburger Lektionen (2007) – darauf eine Antwort hat. Klar, dass er sich für Zielgruppen-Fragen nicht interessiert, klar auch, dass er aus so einer Logik heraus „keinen einzigen Film“ gemacht hätte. Das klingt trivial, wenn man die Arbeitsweise von Karmakar kennt und sein Interesse dafür, „ethnografische“ Filme zu realisieren, die sich mit unserer Gesellschaft und ihren Dokumenten beschäftigen. Für die Rezeption von Angriff auf die Demokratie – Eine Intervention ist es dennoch zentral. Weil der Film nicht versucht, Thesen zur Verfassung Europas in eine konsumierbare Form zu drängen, sondern weil er jedes Statement für sich offenlegt. Von Vergleichen, von der Beobachtung, wer nervös ist, wer selbstsicher auftritt, wer in den Bann zieht, wer sich selbst in den Vordergrund stellt und wer hinter den Worten verschwindet, von all diesen performativen Aspekten kann man sich nicht freimachen. Dennoch treten sie vergleichsweise in den Hintergrund, denn die spartanische Form lädt dazu ein, die Argumente zu hören, nachzuvollziehen und mit der eigenen Lebenshaltung abzugleichen.

Symptomatisch ist insofern nicht nur der Automatismus der Markt-Fragen nach Zielgruppe und Erfolgsmaximierung durch ein größeres Publikum, sondern auch, dass die Diskussion im Gegensatz zu üblichen Q&As, wie man sie von Festivals kennt, um die Form kreiste. Als müssten die Zuschauer den Film erst mal von sich weisen, um ihn nicht zu nah an sich heranzulassen. Ist das schon ein Beweis für die geglückte Intervention? Angriff auf die Demokratie ist auch ein Projekt des schlechten Gewissens. Weil die Protagonisten selbst den Angriff verschlafen haben und wissen, dass sie zurückkehren sollten zur „pubertären Intelligenz“, mit der Harald Welzer schon als junger Mann wusste, dass wenige Firmenkonglomerate die Welt beherrschen (laut einer Studie wisse er nun, es seien tatsächlich 147). Ein jugendliches Bewusstsein für Ungerechtigkeit, das in der differenzierenden Distanz von Intellektuellen allzu leicht verschütt geht.

Hier stehen also zehn Menschen dazu, dass sie bislang zu wenig getan haben, und sind somit auch selbst Adressaten des Projekts. Sie wollen zu einer gemeinsamen Basis finden, bei aller Segmentierung ihrer Intellektuellen-Kreise. Nach innen und außen wollen sie wirken. Nach außen besonders Karmakar, der nicht nur den gesamten Film montiert, sondern auch statt einer Rede einen Kurzfilm beigesteuert hat, nämlich eine Allegorie auf Marktbewegungen in Form einer langen Einstellung einer Ziegenherde. Auch das ist eine Antwort auf das avisierte Publikum: Karmakar möchte gerne Freunde und Verwandte im Ausland erreichen – nicht zuletzt seinen Stiefvater in Griechenland –, um zu zeigen, wie heute gerade in Deutschland die Eurokrise auch auf andere Weise als nur im Verhältnis zur Gefährdung des eigenen Wohlstands begriffen wird. Auch das ist der Film: ein Akt der Solidarität. Und vielleicht sollte damit die Kritik enden: Ganz am Schluss der Diskussion wurden auch noch konkrete Maßnahmen zur Beeinflussung der Politik etwa von Banken in den Raum geworfen. Den ersten, wichtigen Schritt sollten wir aber darüber nicht aus den Augen verlieren: Bei aller Produktzentriertheit des Kapitalismus, die Macht der Worte kann gar nicht überschätzt werden.

Kommentare


Brigitte

Das Thema hat auch nach 2 Jahren nichts an Aktualität verloren. Die Vorträge sind eingehend und drücken aus, was politisch interessierte Bürger vermissen. Ein Jammer, dass keine funktionierende Opposition im Staat vorhanden ist. Man kann der Tagespolitik und der Berichterstattung kaum folgen, völlig durchsetzt von Unlogik und einem so direkten Fokus auf wirtschaftliche Interessen, dass es einem Angst und Bange werden kann. Mehr und mehr stellt sich das Gefühl ein, nichts ändern zu können. Kritische Stimmen muss man suchen, eine echte mediale Diskussion vermisse ich.






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