Angèle und Tony

Vor der rauen Kulisse der Normandie erzählt Alix Delaporte eine romantische Geschichte ganz ohne Kitsch.

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Es ist ein weiter Weg von der schnellen Nummer mit einem Fremden, im Stehen an der Hauswand, bis zur Patchworkfamilienidylle am Strand der Normandie, knapp eineinhalb Stunden Filmzeit später. Oder doch nicht? Alix Delaporte erzählt diese Geschichte in ihrem Debütfilm jedenfalls so schlicht und nachvollziehbar, dass man sie sofort glaubt.

Mit dem casual sex an der Hauswand beginnt Angèle und Tony (Angèle et Tony); aber es stellt sich sofort heraus, dass er so casual gar nicht ist. Angèle erhält für die Dienstleistung eine Plastik-Actionfigur, eine Art von Bezahlung, die in einem einzigen Bild mehrere Ebenen in das soeben abgeschlossene Geschäft Sex-gegen-Ware zieht. Die Künstlichkeit der modernen Warenwelt im Allgemeinen (und im Speziellen die Plastifizierung des Körpers in diesem besonderen Fall von kapitalistischer Transaktion); es klingt aber auch, und das sogar noch viel mehr, etwas vollkommen unpassend Kindlich-Verspieltes plötzlich in der Szene an, als Angèle ihren Lohn entgegennimmt. Man ist verwirrt, und doch ist die Lösung ganz einfach. Die Spielfigur soll ein Geschenk für ihren Sohn sein, der bei einer Pflegefamilie lebt.

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Sex ist die Währung, in der Angèle bezahlt und mit der sie versucht, den biederen Fischer Tony zu ködern, den sie in der nächsten Szene als Kontaktanzeigen-Date in einer Kneipe trifft. Sie ist jung und hübsch, er ist mittelalt und dicklich, ihre erste Begegnung steht unter keinem guten Stern. Sie ist nicht an Romantik interessiert, sondern sucht einen seriösen Mann zum Heiraten, um ihren sozialen Status zu verbessern. Nur so hat die Streunerin eine Chance, ihr Kind zurückzubekommen. Aber Tony wehrt ihre sexuellen Angebote ab, er ist nicht so ein Typ.

Es geht also um ein ungleiches Paar. Alix Delaporte lässt die Eigenschaften ihrer beiden Protagonisten aber nicht in plakativer Gegensätzlichkeit erstarren oder in leicht verpuffenden Effekten aufeinanderprallen. Wenn Tony sie einmal fragt, ob sie kein anderes Wort „dafür“ habe als „bumsen“, ist das eben keine Zurschaustellung von Angèles sorgloser Promiskuität, sondern der erste zaghafte Schritt einer Annäherung.

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Angèle und Tony spielt in einem sehr spezifischen Milieu, das mit wenigen Strichen genau gezeichnet wird; Delaporte kommt aus dem Journalismus. Die Fischer, stur, misstrauisch, schweigsam und mit wirtschaftlich schwierigen Zeiten hadernd, geraten immer wieder in Auseinandersetzungen mit der Polizei; Tonys aufbrausender Bruder spielt dabei die Rolle eines Anführers. Ihre Frauen, allesamt No-Nonsense-Ladys mit herbem Charme, gehen mit zupackenden Händen ihrer Arbeit auf dem Markt nach. Eine wie Angèle kommt ihnen vor wie eine Figur aus einer anderen Welt. Und doch nistet sie sich in dieser Umgebung ein, nicht aus Liebe, sondern aus Kalkül. Und lernt einigermaßen geschickt, unter misstrauischen Blicken, wie man Fische ausnimmt.

Das ist der dramaturgische Kniff des Films, mit dem er eine Klippe umschifft, an der andere Geschichten ähnlichen Typs zerschellen: nämlich das Problem, wie man erklären soll, dass die beiden Hauptfiguren, die so gar nichts miteinander anfangen können, nicht einfach getrennte Wege gehen. Angèles Motivation ist hier sonnenklar auf ihren Sohn ausgerichtet und sorgt, weil sie nur Schritt für Schritt enthüllt wird, für eine gewisse Spannung.

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Tony, (zunächst) nur Mittel zum Zweck, ist von der Andersartigkeit seiner Zufallsbekanntschaft angezogen und sieht in ihr vielleicht auch eine Möglichkeit, den Erstarrungen seines Lebens mit Mutter und Bruder (der Vater ist kürzlich beim Fischzug ertrunken, seine Leiche noch nicht gefunden) zu entkommen. Die Voraussetzungen für eine widerborstige Romanze sind also gelegt, es ist dann sehr erfrischend zuzusehen, wie sie sich unter dem Einsatz von sehr stringenten, kein Aufsehen erregenden filmischen Mitteln entwickelt.

Die Hauptdarsteller leisten dabei ganz Außerordentliches. Clotilde Hesme gibt der von Anfang an undurchschaubaren und scheinbar sozial gestörten Angèle eine Präsenz mit, die umgehend für sie einnimmt. Grégory Gadebois, ein Angehöriger der Comédie-Française, hat auf den ersten Blick ein Allerweltsgesicht, kann aber mit wenig Mienenspiel große Wirkung erzielen. „Er ist die Wand, gegen die sie anrennt“, schreibt die Regisseurin treffenderweise. Das mit einer geradezu befreienden Kamerabewegung gefilmte Happy End am Strand ist dann auch deshalb so befriedigend, weil man spürt, dass diese beiden zusammengehören.

Trailer zu „Angèle und Tony“


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