Angel - Ein Leben wie im Traum
François Ozon inszeniert in seinem neuen Film das Porträt einer aufstrebenden Kitschroman-Schriftstellerin in England zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit liebevoller Distanz und verstörender Künstlichkeit.

Nach Die Zeit die bleibt (Le temps qui reste, 2005) und einem Exkurs zum Kurzfilm realisiert François Ozon mit Angel - Ein Leben wie im Traum (Angel) sein erstes englischsprachiges Werk, greift in die historische Filmkiste und setzt eine Adaption des gleichnamigen Romans von Elizabeth Taylor aus dem Jahre 1957 in Szene. Der Film erzählt vom Aufstieg der resoluten Angel Deverell (Romola Garai), die ihrem langweiligen Leben in einer englischen Kleinstadt um jeden Preis entfliehen will. Dies tut sie anfangs vor allem in ihrer Phantasie und schreibt auf, was sich ihr jugendliches Herz den lieben langen Tag erträumt. Ganze Nächte verbringt sie allein und zufrieden mit sich und ihren Träumereien über das Papier gebeugt, fiebernd schreibend und den Rest der Welt zum Teufel schickend. Die Realität ist bereits zu diesem Zeitpunkt für Angel keine relevante Bezugsgröße, ihrer Einbildungskraft freien Raum lassend erschafft sie sich in ihren Geschichten eine eigene Welt, bunt schillernd und sehr romantisch. Und das ergibt in dieser Kombination: Kitsch. Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, und so haben Angels Phantasieprodukte enormen Erfolg vor allem bei Leserinnen dieser Epoche. Sie findet trotz ihres jungen Alters einen Verleger, der bereit ist, ihr Erstlingswerk zu publizieren. Binnen kürzester Zeit führen ihre Romane die Bestsellerlisten an, und Angel kann sich endlich all ihre materiellen Herzenswünsche erfüllen. In ihrem übertrieben ausstaffierten Schloss mit dem bezeichnenden Namen Paradies, dem ersehnten Ort ihrer Kindheitsträume, zelebriert sie nun ihr neues Leben als Dame der Gesellschaft, die sich zwar weigern kann, der Presse Auskunft über ihre Herkunft zu erteilen, sich aber durch ihren Geschmack in Kleidung und Raumausstattung jeden Moment selbst entblößt.
Die Ambiguität und Komplexität seiner Hauptfigur in Angel zu vermitteln und zugleich den Zuschauer in deren Bann zu ziehen, war die zu meisternde Herausforderung für Ozon. Der einfühlende Betrachter ist im Verlauf des Filmes wahrlich hin und her gerissen: zwischen Beeindrucktsein von der Willensstärke und Durchsetzungskraft einer Frau, die ihre Träume nicht nur heimlich im Kämmerlein auslebt, sondern energisch zu verwirklichen weiß, sowie einem Ekel vor ihrer nervenden Ignoranz gegenüber allem, was die künstliche Idylle in ihrem Refugium beschädigen könnte, sowie ihren grotesken Versuchen, eine vornehme Dame zu mimen. Als wenig später der erste Weltkrieg ausbricht und Angels Gatte (Michael Fassbender), ein erfolgloser Maler, sich als Freiwilliger meldet, wird jene Diskrepanz der Hauptfigur am augenscheinlichsten: Im Gefühlsrausch schreit Angel ihrem Mann Tiraden entgegen, denen jeder Pazifist applaudierend zustimmen würde, die jedoch in dem hier vorgetragenen, egozentrischen Einsatz jegliches subversives Potenzial zugleich wieder zunichte machen.

Die Ambiguität der Hauptfigur scheint sich nach und nach auf die gesamte Machart des Filmes zu übertragen. Die ersten ausgestellt theatralen Schauspielleistungen versucht man anfangs noch mit einem Räuspern zu ignorieren, doch spätestens beim Anblick Angels und ihres Verlegers in der Pferdekutsche, vor einem offensichtlich gemalten Hintergrund vorbeifahrend, argwöhnt man, dass der Film eine Karikatur seines Sujets sein soll. In Anbetracht von Angel stellt sich das eigentlich folgerichtige und schlüssige Lachen jedoch von Seiten des Zuschauers nur leidlich ein. Anstelle dessen erträgt man die überspitzte Zurschaustellung einer unverhohlenen Künstlichkeit übersteigerter Gefühle bis zum bitteren Ende und verlässt leicht entnervt den Kinosaal. Per expliziter filmhistorischer Bezugnahme auf Ikonographie und Farbgebung der Melodramen eines Douglas Sirk oder George Cukor, sowie durch Unmengen an tradierten Bildklischees, führt uns Ozon in seinem Film die Welt der Geschichten der Angel Deverell markant vor Augen, einer Frau, deren Kunst und Leben eine verstörend homogene Einheit zu bilden scheinen. Jedoch in dem Ausmaß, mit dem Ozon diese Welt kreiert und zugleich zelebriert, wirkt sie zuweilen unerträglich.
Filmkritik von Andrea Wildt
Veröffentlicht am 06.05.2007
Kommentare zu Angel - Ein Leben wie im Traum
Martin Z. 06.04.2010 17:06
Es ist schon ein heftiger Kostümschinken. Dabei sollte es doch um den Aufstieg und Niedergang einer Trivialschriftstellerin (Romola Garai) gehen, die aus bescheidenen Verhältnissen kommt und sich in einen nicht anerkannten Maler quasi als Antipode verliebt, der sie später betrügt. Viele Themen werden angesprochen: die Weltkriegsproblematik: Held oder Pazifist. Macht der Wohlstand satt und träge? Kann man Glück kaufen oder es wenigstens festhalten? Ein außereheliches Kind taucht auf. Krankheit und Selbstmord lassen sich nicht verhindern, ebenso wenig wie Einsamkeit. Alles bleibt letztlich doch an der Oberfläche der monomentalen Ausstattung hängen und hinterlässt einen herben Geschmack. Man pilchert von Event zu Event. Immerhin war ja ganz schön was los in diesem tristen Leben in einem Dornröschen-Schloss, das ’Paradies’ heißt. Vielleicht leben ja Schriftsteller so abgehoben von der Realität, leiden am schuldlos selbstverschuldeten Unglück.
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Film-Angaben
Titel: Angel - Ein Leben wie im Traum
Originaltitel: Angel
Frankreich 2007
Laufzeit: 134 Minuten
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, Martin Crimp
Produktion: Olivier Delbosc, Marc Missonnier
Darsteller: Romola Garai, Lucy Russell, Michael Fassbender, Sam Neill, Charlotte Rampling
Kinostart: 09.08.2007
DVD-Angaben
Titel: Angel - Ein Leben wie im Traum
Vertrieb: Eurovideo
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 114 Minuten
Extras: kein Bonusmaterial
Verleih ab: 03.01.2008
Verkauf ab: 30.01.2008
Copyright Angel - Ein Leben wie im Traum
Fotos: © Concorde
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