The Woman Who Left

Wie kann man an einen Gott glauben, der so viel Leid zulässt? In seiner in Venedig mit dem Hauptpreis prämierten Tolstoi-Adaption lässt Lav Diaz seine Heldin an die Grenzen ihrer Barmherzigkeit kommen.

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Hollanda (John Lloyd Cruz) will weitersingen. Immerhin hat sie sich extra hübsch gemacht; ein wenig Make-up aufgelegt und das Nachthemd glatt gestrichen. Und nun steht die transsexuelle Prostituierte im Wohnzimmer ihrer mütterlichen Gastgeberin und erlebt während ihrer schweren Depression einen kurzen Lichtblick. Aber mit dem Musikwunsch von Horacia (Charo Santos-Concio) ist sie nicht einverstanden. Die beginnt das Lied deshalb selbst anzustimmen: „There’s a place for us, somewhere a place for us“. Hollanda windet sich zwar und schaut bockig, aber ihre bestimmt lächelnde Freundin besteht darauf, dass es doch ihr Lied sei – und fährt fort: „Peace and quiet and open air, wait for us, somewhere.“

Philippinisch-russische Allianzen

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Wenn Lav Diaz in seinem neuen Film das immer wieder herzzerreißende „Somewhere“ aus der West Side Story einsetzt, lässt er seine gepeinigten Figuren für einen kurzen Moment in ihrer Sehnsucht nach einer sorglosen Welt aufgehen. Dass es nämlich irgendwo und irgendwann einmal besser wird, ist der einzige Trost, den Hollanda und Horacia noch haben. Während Erstere ständig ihr – in ihren Augen ohnehin recht wertloses – Leben aufs Spiel setzt, weil sie für die jungen Männer auf der Straße Freiwild ist, saß Letztere gerade für 30 Jahre unschuldig im Gefängnis. Horacia und ihr innerer Kampf bilden das unverrückbare Zentrum des Films. Obwohl sie aufrichtig versucht, ein guter Mensch zu sein, der sich derer annimmt, die sonst jedem egal sind, wird sie immer wieder von ihrem unstillbaren Wunsch nach Rache eingeholt – Rache an dem Mann, der sie einst ins Gefängnis gebracht hat. Nachdem Diaz sich in Norte, the End of History von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ inspirieren ließ, nimmt er sich diesmal eine Erzählung Leo Tolstois vor, die sich mit nicht weniger existenziellen Fragen auseinandersetzt. Der deutsche Titel des Buchs verrät bereits die Stoßrichtung des Films: „Gott sieht die Wahrheit, aber sagt sie nicht sogleich“. In The Woman Who Left dreht sich alles um eine christliche Zuversicht, die immer wieder auf die Probe gestellt wird, und damit auch um die Frage, wie man an einen Gott glauben kann, von dessen Gutmütigkeit man nichts zu spüren bekommt.

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Der Großteil des Films ist in einer ländlich wirkenden Stadt auf der westphilippinischen Insel Mindoro angesiedelt – der Stadt, in der auch Horacias Opfer lebt. Ein unübersehbarer Schnitt geht hier durch die Gesellschaft. Die Armen hausen zwischen Müllhaufen in windigen Holzhütten und die Reichen in palastähnlichen Villen, die inmitten des Elends thronen. Wie in all seinen Arbeiten bleibt Diaz auch diesmal wieder bei den Systemverlierern und lässt sich geduldig auf ein Milieu ein, das von Verwahrlosung ebenso geprägt ist wie von kurzen Momenten gegenseitiger Solidarität. Schon in der Sprache der Bewohner drückt sich aus, wie sehr das Leben von extremen Gegensätzen bestimmt wird. Während eine verwirrte Streunerin überall Dämonen vermutet, bezeichnet der Eierverkäufer die Mächtigen als Götter. Obwohl die Reichen kaum auftauchen, besteht kein Zweifel daran, dass sie über die Stadt herrschen. Fast über die gesamte erste Hälfte des Films gibt es etwa keine funktionierende Straßenbeleuchtung. Die Außenaufnahmen versinken dabei bis auf ein paar vereinzelte Schimmer in der Dunkelheit – und eines Tages lassen es die da oben dann plötzlich wieder Licht werden. Aber auch wenn die Gesellschaft eine streng hierarchische ist, gibt es doch einen Ort, an dem alle mit ihrer Hoffnung und ihren Zweifeln zusammenkommen: die Dorfkirche.

Unberechenbares Schattenwesen

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Lav Diaz hat mittlerweile alle großen Festivals durch. Nur ein halbes Jahr, nachdem sein monumentales Historienepos A Lullaby to the Sorrowful Mystery bei der Berlinale gezeigt wurde, hat er mit The Woman Who Left den Hauptpreis in Venedig abgeräumt. Beide Filme gehören demselben Themenkomplex an, greifen Motive wie Klassenunterschiede, christliche Erlösungssymbolik und die bewegte Vergangenheit der Philippinen auf. Und doch könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Denn seine neueste Regiearbeit ist mit ihren vier Stunden Laufzeit für Diaz’ Verhältnisse nicht nur ungewöhnlich kurz, sondern auch betont schmucklos inszeniert und dafür stärker an einer linearen Erzählung interessiert. Mit Handlungsökonomie hat das aber trotzdem recht wenig zu tun. Der Film besteht überwiegend aus langen, statischen Totalen, in denen sich die Zeit ausdehnt. Statt seine Bilder auf einen narrativen Kern zu reduzieren, berücksichtigt er auch alles, was scheinbar unwichtig ist, sich wiederholt und ins Leere läuft, und staffiert damit ein waberndes Tableau aus, in dem ein Wendepunkt kaum noch als solcher wahrnehmbar ist. Oft sind es nur ein Kopfschütteln oder ein unscheinbarer Satz, die enorme dramaturgische Bedeutung besitzen.

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Obwohl The Woman Who Left strenggenommen ein weiter Historienfilm in Diaz’ Schaffen ist – die Handlung spielt in den späten 1990er Jahren – und die Geschichte durch immer wieder eingeblendete Radiomeldungen in einen konkreten sozialen Kontext einbettet wird, verschiebt sich der Fokus diesmal stärker von der nationalen zur persönlichen Tragödie. Vor allem geht es um Horacias Ringen mit sich selbst. Die zwei Seelen, die in ihrer Brust wohnen, spiegeln sich in einem Doppelleben wider, das sie den gesamten Film über führt. Während sie tagsüber mit kurzem Rock und Schleier fester Bestandteil der Gemeinde ist, schweift sie nachts in Männerkleidung wie ein Schattenwesen durch die leeren Straßen. Doch die vielen kleinen, ähnlich zwiegespaltenen Nebenfiguren legen nahe, dass es dabei nicht nur um Horacia geht. Diaz zeigt, dass das moralische Dilemma des Menschen nicht in seinem blinden Gottvertrauen liegt. Die Welt ist so kompliziert, weil sie sich nicht so einfach in gut und böse unterteilen lässt, weil wir alle beide Seiten in uns tragen. Aus diesem Grund ist es auch konsequent, dass der Film seiner Hauptfigur schließlich keine Erlösung bietet, sondern sie stattdessen ins Fegefeuer schickt.

Trailer zu „The Woman Who Left “


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