andiamo!

Schönes Wetter und die malerische Mittelmeerküste reichen nicht unbedingt aus, um glücklich zu werden. andiamo! dokumentiert die kritische Heimatverbundenheit einer Gruppe von Abiturienten in der sizilianischen Stadt Noto, kurz bevor einige von ihnen zum Studieren von Zuhause weggehen müssen. Der Film beschränkt sich dabei nicht auf die Rolle des distanzierten Beobachters, sondern inszeniert eine Dokumentation.

andiamo!

Schöner als jedes gutgemeinte Urlaubsfoto erscheint die sizilianische Stadt Noto durch die Linse des renommierten Kameramannes Jürgen Jürges (Fassbinder Angst essen Seele auf, 1974; Wenders In weiter Ferne, so nah, 1993 und Haneke Funny Games, 1997). Die verspielten Fassaden der Barockgebäude leuchten ockergelb unter der Mittelmeersonne, in den schattigen Gassen tummeln sich Jugendliche auf Vespas, alte Männer sinnieren gemütlich in Cafés über den Gang der Welt, Großmütter häkeln stumm auf Stühlen vor dem Haus, der Bäcker formt fleißig seine Teilchen und auf der heimischen Terrasse werden saftige Tomaten getrocknet. Noto ist gleichzeitig geschäftigt und verschlafen, wunderschön und abschnittsweise ziemlich verfallen. Die Bilder machen Lust auf Ferien. Idyllisch, sonnig, pittoresk und charmant stellt sich die Stadt dar. Die Bewohner sind gleichsam fröhlich, gewitzt und energisch. Jürgen Jürges dokumentiert Noto wie für einen Hochglanzreisekatalog und Dokumentarfilm-Regisseur Thomas Crecelius inszeniert die passenden Szenen dazu.

„Los geht’s!“ heißt andiamo! ins Deutsche übersetzt und losgehen soll es nun endlich mit dem Leben und der Zukunft. Die frischgebackene Abiturientin Carmela und ihre Freunde machen sich Gedanken darüber, was nach der Schule kommt, denn Noto bietet jungen Leuten weder besonders viele Ausbildungsmöglichkeiten noch verlockende Berufsperspektiven. Für Carmela ist ein Studium im entfernten Norden Italiens die einzige Chance, den Traum einer Managerkarriere zu verfolgen, aber gerne tut die überzeugte Sizilianierin diesen Schritt natürlich nicht. Die geliebte Heimat zu verlassen löse nämlich nicht die Probleme, nur mit Eigeninitiative könne man ein besseres Noto gestalten, rät der alte Corrado den Jugendlichen immer wieder und erzählt über den ganzen Film hinweg häppchenweise davon, wie er seine Geschichte mit der von Noto erfolgreich verknüpft hat.

andiamo!

andiamo! will durch eine Reihe von Gesprächen zwischen den Protagonisten und Carmelas Briefen an eine Freundin, die gleich einem inneren Monolog aus dem Off verlesen werden, die Einwohner von Noto porträtieren, einen Einblick in ihre Wünsche, Hoffnungen, Sorgen und Nöte geben, kritisch die beruflich notgedrungene Abwanderung aus Sizilien beleuchten sowie die Trägheit der Daheimgebliebenen anprangern.

Was ein interessantes Thema sein könnte, verkommt unter Crecelius’ Leitung zu einer belanglosen Replikensammlung. Es wimmelt nur so von mehr als zufälligen Zusammentreffen und Diskussionen. Die vielen Großaufnahmen der Sprechenden und die Schlagabtausche im Schuss-Gegenschuss-Verfahren weisen darauf hin, dass die Gespräche eingeübt und die Situationen vorbereitet wurden. Auch die technische Planung lässt keine Zweifel an der offensichtlichen Gestelltheit der Szenen aufkommen: Die Tonqualität ist einwandfrei, die Fotografien sind teilweise nachkoloriert, perfekt ausgeleuchtet und immer scharf, ganz gleich welche Tages- oder Nachtzeit gerade herrscht. Nichts bleibt hier dem Zufall überlassen, sondern es entsteht eine Art Fiktion bestehend aus realistischen Situationen, gespielt von den Personen, welche diese Situationen momentan auch im wirklichen Leben erleben. andiamo! entfernt sich somit stilistisch als auch inhaltlich gänzlich vom dokumentarischen Filmen, das versucht, sich den tatsächlichen Geschehnissen anzunähern, indem man diesen auflauert, anstatt sie zu inszenieren.

andiamo!

Damit ein Spielfilm gefällt, muss er erzählerisch reizvoll sein. Ein Dokumentarfilm steht ebenfalls vor der Aufgabe, den Zuschauer für seinen Inhalt zu interessieren, aber lebt darüber hinaus von dessen Glauben an die Authentizität des Gezeigten. andiamo! beschreitet einen Zwitterweg, der hier nicht gelingen kann. Die Gedanken und Reflexionen der Protagonisten verlieren in dem Moment ihren Reiz für den Zuschauer, in dem sie nur noch als völlig überinszenierte Worthülsen in den Raum geworfen werden. Die Mätzchen von Abiturienten sind schließlich nur interessant, wenn sie aus dem Rahmen fallen oder die eigenen sind. Noto ist vielleicht viel schöner und Sizilien insgesamt von der Abwanderung mehr getroffen als andere Orte, aber die gewöhnlichen Probleme der Jugendlichen dort sind dieselben wie in jeder beliebigen Kleinstadt Europas. Vielleicht kommt der Film deshalb mit so prächtigen Bildern und so künstlichen Situationen daher, weil es sonst nichts zu erzählen gäbe.

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