Anderland
Kafka goes Norwegen. Das kann klappen, muss es aber nicht.
Ein junges Paar gibt sich an einem U-Bahn-Steig einen reichlich intimen, aufdringlichen und ausdauernden Zungenkuss. Andreas, Zeuge des Lustspiels, wirft einen letzten Blick auf das Geschehen und dann sich vor die Bahn. Szenenwechsel. Andreas erreicht per Bus einen Ort im Nirgendwo und erinnert an Sam Shepard in Paris, Texas (1984). Erst ein Plakat, dann ein Fremder heißen ihn Willkommen. Willkommen in einem Leben, das einen Job als Buchhalter in einer Baufirma für ihn vorsieht. Seine Wohnung, sein Büro, ja, die ganze Innenstadt – alles wirkt seltsam steril und eintönig. Einsilbig ist auch der unverbindliche Chef.
Wem all dies noch nicht zu denken gibt – es hängt schon mal ein Toter auf einer Zaunspitze.
Wer immer den deutschen Titel für Jens Liens norwegischen Film Den Brysomme Mannen auserkoren hat – er hat sich etwas dabei gedacht. Denn Anderland erzählt von einem Ort, an dem alles anders ist und präsentiert sich selbst als ein Film, der anders sein will. All dies ist so offensichtlich, dass man es ruhig in den Titel setzen kann. Überraschungen gibt es ohnehin keine. Nur Drehbucheinfälle, denen auf der Leinwand kein Leben eingehaucht wird, die auch dort wie Konstrukte wirken.
Andreas schneidet sich den Finger an einer Brotmaschine ab, wird von zwei seltsamen Gesellen in einem grauen Lieferwagen abtransportiert und findet sich mit angenähtem Finger vor dem Spiegel wieder. Eine leichte Affinität zum Splatter ist Regisseur Lienen anzumerken, sie äußert sich auch an anderer Stelle. Dann nämlich, wenn sich der Beginn des Films als Vorgriff auf die Geschichte erweist und der Zuschauer en detail erfährt wie es einem so zwischen Schienen und Bahn ergeht. In diesem Moment verfällt der Film endgültig ins Groteske. Und ganz nebenbei auch seine Struktur. Die Assoziation es gäbe einen Link zwischen dem U-Bahn-Zwischenfall und der Ankunft in „Anderland“ erweist sich als Täuschung. Vielleicht sollte sie die Ankunft noch rätselhafter machen, aber dann bräuchte man am Ende nicht so bemüht eine vermeintliche Kreisstruktur inszenieren.
Was zwischen Andreas’ Ankunft und Abfahrt noch geschieht: Er beginnt eine Beziehung und schon bald darauf eine Affäre. Doch beide Frauen sind auf unterschiedliche Arten indifferent. „Anderland“ entpuppt sich zunehmend als normatives und emotionales Gefängnis, ehe ein Loch in der Wand Hoffnung auf ein Entkommen schenkt.
Betrachtet man Andreas’ Ankunft in „Anderland“, sind Parallelen zu Franz Kafkas Roman-Fragment „Das Schloss“ unübersehbar. Liens Film ist jedoch weder eine freie Literaturadaption, wie man zu Beginn noch vermuten mag, noch eine konsequente Variation der kafkaschen Motive. Vielmehr, und darin scheint die Krux des Films begründet, begnügt sich Anderland mit dem Etikett kafkaesk. Achtzig Jahre nach Kafka ist die Isolation des Individuums in der modernen Zivilisation natürlich noch immer ein Thema – nur kein von Haus aus originelles mehr. Vor allem aber ist Kafka ein Meister der Form. Und hier hapert es bei Anderland gewaltig. Denn neben dem literarischen Vorbild gibt es natürlich auch ein großes filmisches – wo Kafka in den Köpfen der Leute spukt, ist Lynch meist nicht fern. Ein Regisseur, der immer wieder wie kaum ein anderer seit Buñuel beweist, dass Alptraumwelten im Kino einen beunruhigenden Platz finden können.
Zu beunruhigen vermag Anderland allerdings nicht, zu deutlich sind die Metaphern, zu einfallslos die Filmsprache. Der norwegische Festivalexport gehört zu jener Sorte von Filmen, bei denen man als Zuschauer ununterbrochen Autor und Regisseur zunicken möchte: „Ja, ich habe es verstanden“. Was zur Folge hat, dass man sich zum einen schnell nach irgendeiner Form von Abwechslung sehnt und zum anderen nicht wirklich ernst genommen fühlt. Und das bei einem Film, der doch gerade anders sein möchte als ein Großteil der zu recht als infantil verschriebenen amerikanischen Großproduktionen. Da ist irgendwas schief gelaufen.
Filmkritik von Sascha Keilholz
Veröffentlicht am 04.10.2007
Kommentare zu Anderland
Ferry 19.10.2008 03:24
Ich finde ihn Großartig . . .
maria 18.02.2009 11:33
es war doch keine Brotmaschine, es war eine Papierschneidemaschiene. Icg finde ihn auch großartig.
Quatsch 17.06.2009 04:09
Schade, da hat sich jemand nicht die Mühe gemacht, dem Film zu folgen. Hier bemüht sich jemand vergebens, mit blasiertem Kritiker-Deutsch einen tiefgehenden und stilistisch weitgehend gut konzipierten Film zu verreißen. Anderland orientiert sich stark an dem noch immer aktuellen skandinavischen Diskurs zum verbleib des Individuums in einer vermeintlich gut geregelten Gesellschaft, durchsetzt ist der Film vor allem von Zitaten großer skandinavischer Autoren und Filme. KAfka und Lynch, als Filmkritiker sollte man vielleicht auch mal davon ausgehen, dass die Säulenheiligen der modernen Dystopie nicht immer nur die einzigen sind, derer sich junge Regisseure bedienen.
Sascha Keilholz 17.06.2009 19:05
Unsere Kommentarfunktion soll einen konstruktiven Austausch ermöglichen, anderen Meinungen und Anregungen Raum bieten. Anregend könnte der konkrete Hinweis auf skandinavische Filme und Literatur sein, die für Anderland von Relevanz sind. Einen Unterschied in der Beurteilung des Films macht er nicht. Dass es um Verweisstrukturen geht, ist offensichtlich und geht auch aus der Kritik hervor.
Bedauernswert finde ich, dass immer mal wieder Kommentatoren den anonymen Raum, gerade im Internet, nutzen, um persönlich und beleidigend oder diffamierend zu werden.
Schade, wenn Einzelne sich mit Scheinkompetenz über Bereiche äußern, die sie offensichtlich weder neutral noch geschult beurteilen können. Ein solches Unterfangen hat häufig etwas sich selbst Erhöhendes und andere Niedersetzendes. Eigentlich hat so etwas hier nichts zu suchen, denn es hat nichts mit Filmkritik, noch nicht einmal mit Filmbewertung zu tun. Es entspringt meistens dem schlicht enttäuscht-beleidigten Gefühl des Lesers, der von ihm so hoch geschätzte Film sei abgewertet worden und damit er selbst.
Darum geht es bei Filmkritik nicht. Wenn man aber solche Kommentare liest, denkt man sich, dass manche Filme vielleicht genau das Publikum bekommen, das sie verdienen. Insofern fühle ich mich durch den Kommentar sehr bestätigt und wünsche allen selbsternannten Tiefdenkern und Tiefschlägern eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dieser Perle skandinavischer Kultur!
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Anderland. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Anderland
Originaltitel: Den Brysomme Mannen
Norwegen 2006
Laufzeit: 95 Minuten
Regie: Jens Lien
Drehbuch: Per Schreiner
Produktion: Jørgen Storm Rosenberg
Bildgestaltung: John Christian Rosenlund
Montage: Vidar Flataukan
Musik: Ginge Anvik
Darsteller: Trond Fausa Aurvaag, Petronella Barker, Birgitte Larsen, Per Schaaning
Kinostart: 04.10.2007
DVD-Angaben
Titel: Anderland
Vertrieb: Indigo
Bild: Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an.
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/DS), Norwegisch (DD 2.0/DS)
Untertitel: k.A.
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 96 Minuten
Extras: Trailer; Deleted Scenes; Behind the Scenes
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 16.05.2008
Copyright Anderland
Fotos: © Zorro Film
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - schon jetzt mit Trailern und Vorab-Infos zu den Filmen! www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Christoph Terhechte: abhängig, ohne Verpflichtungen
Interview mit Christoph Terhechte. weiter
Aktuelle Filme
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
The Firm
R: Alan Clarke
Neu im Kino
09.02.2012
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
02.02.2012
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Demnächst im Kino
Don 2
R: Farhan Akhtar
Gefährten
R: Steven Spielberg
Take Shelter
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Young Adult
R: Jason Reitman
Der Preis
R: Elke Hauck
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Spur der Steine
Fr 10.02, 22:25 Uhr, 3sat
Requiem
Fr 10.02, 22:40 Uhr, Festival (ARD digital)
Mulholland Drive
Sa 11.02, 21:45 Uhr, EinsExtra (ARD digital)
Waltz with Bashir
Nacht von Sa auf So, 11.02-12.02., 02:35 Uhr, arte
Cincinnati Kid
So 12.02, 20:15 Uhr, arte
Neandertal
So 12.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)













4 Kommentare