And-Ek Ghes...

Philip Scheffner und Colorado Velcu haben in ihrem gemeinsamen Film nach einem Weg gesucht, drei Roma-Familien ihr eigenes Leben träumen zu lassen – und ihn mithilfe von Digicams gefunden.

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Die bange Euphorie des Weiterziehens ist der Mittelpunkt von Colorado Velcus Leben. Er inszeniert und erzählt seine Geschichte, mit jedem Wort seiner Tagebücher fixiert er eine Existenz, die kaum Sicherheit kennt. Colorado und seine Familie ziehen aus Krajowa in Rumänien nach Essen und später Berlin, auf der Suche nach Arbeit und Bildung für die Kinder. Die Velcus sind Roma. Und Vater Colorado eine schillernde Figur: alleinerziehender Vater und auf dem Bau schuftender Poet. Dass die Mutter seiner Kinder in Rumänien in Haft sitzt, wird uns nach und nach bewusst. Die Gründe erfahren wir nicht. Colorados Tagebücher werden in Philip Scheffners und Velcus gemeinsamem Film And-Ek Ghes zu einem audiovisuellen Experiment: Die erzwungene Rastlosigkeit Colorados und seiner Familie wird verbildlicht, lebhaft, in ihren Dimensionen vorstellbar. Die stetige Möglichkeit, vielleicht wieder gehen zu müssen, wird zur zentralen inhaltlichen Achse, an der sich Scheffners und Velcus filmische Reise von Anfang an ausrichtet.

Befreiende mise en scène

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Vor bald 60 Jahren drehte Jean Rouch in Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste, den Film Moi, un Noir. Erfolglose Arbeitsmigranten aus dem Niger, die in Abidjan ihr Glück suchen, erfinden sich in ein Leben voller Glanz, Ruhm und Wohlbefinden hinein. Und werden durch den Film lebendig: ein Akt der Befreiung. Als gehe es stets darum, denen eine Stimme zu geben, die sonst nicht gehört werden. And-Ek Ghes geht in eine ähnliche Richtung, arbeitet er doch stark mit Selbstinszenierungen: Die Digicams machen die Runde, jeder gibt seine Sicht der Dinge preis, erzählt irgendwo zwischen den Tatsachen und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Stets eingebettet in den europaweiten, familiären Zusammenhalt. So entsteht ein Film über die Realität der größten Minderheit in Europa, der diese Realität aber nicht einfach nur porträtiert, sondern ihr auch immer wieder entflieht. Die Freunde und Verwandte der Velcus träumen sich in ein anderes Leben: Sie inszenieren sich als Stars, Superhelden, die den Lauf der Welt an sich reißen. Allein die Vornamen sprechen Bände: Emporio, Armani, Ecstasy, Eldorado, Jeckiechan. Das liest sich wie ein aberwitziges Kompendium globaler Verheißungen. Ein weltgewandtes Sammelsurium von Stimmen, Eindrücken und Gefühlen entsteht mit der Zeit und macht noch einmal bewusst, dass And-Ek Ghes eine filmische Kollaboration ist: eine gemeinsame Collage von Scheffner und Velcu, die verschiedene Geschichten ineinander montiert.

Ein neues Leben im Land der Täter

And-Ek Ghes ist nicht die erste Begegnung der beiden: Schon Scheffners Film Revision (2012) handelt vom Tod der zwei rumänischen Roma Grigore Velcu und Eudache Calderar an der deutsch-polnischen Grenze im Jahr 1992. Zwei Jäger hatten die beiden angeblich in der Dämmerung für Wildschweine gehalten und erschossen. Im Strafprozess wurden sie Jahre später aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Revision rekonstruiert das Versagen der Justiz und enthüllt das allgegenwärtige Schweigen über dem Fall. Grigore Velcu war Colorados Vater. So wird And-Ek Ghes umso mehr zu einem befreienden Film. In Deutschland, im Land der Täter also, beginnt Colorado sein neues Leben und erzählt davon: von den Problemen, den schönen Momenten, dem Alltag. Durch das Self-Empowerment der Familienmitglieder gerät der Film gar nicht erst in Versuchung, Bilder des Mitleids oder der Empörung zu erschaffen.

Neue Sicht-Weisen

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Natürlich ist der Film auch ein politisches Statement: Er zeigt, dass das nomadische Leben der Familie ein Ergebnis knallharter ökonomischer Zwänge und systematischer Ausgrenzung ist. Ein Kampf ums Überleben im Hier und Jetzt, dessen Ende nicht abzusehen ist. Aber wie auch mit Havarie (2016),der ebenso wie And-Ek Ghes auf der diesjährigen Berlinale lief, beweist Scheffner, dass er bereit ist, die Allgegenwart der Migration auf gänzlich unkonventionelle Art und Weise darzustellen und die aktuellen Debatten um neue Sicht-Weisen zu erweitern. Ein Film wie And-Ek Ghes hätte leicht ein anklagender Film werden können, eine Empörung über die alternativlose Prekarität der Roma. Letztlich ist es auch der Humor, der den Film davor bewahrt: Selbst im hoffnungslosesten Moment gibt es immer ironische Zwischentöne. Colorado sitzt der Schalk im Nacken – auch das ein Grund, warum man sich And-Ek Ghes nicht entziehen kann.

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