Ananas Express
Im bekifften Zustand werden sogar laue Filme unterhaltsam: Ob jene Behauptung der Hauptfigur von Ananas Express als Anleitung für die Zuschauer dieser Kifferposse gemeint war?
Dale (Seth Rogen), ein etwas bulliger Mittzwanziger, scheint von seinem Job als Zusteller richterlicher Vorladungen nicht viel zu erwarten und lebt in den Tag hinein. Er kifft bevorzugt im Auto auf dem Weg zu den Empfängern der Gerichtspapiere und hat zudem eine Freundin, die noch zur Highschool geht. Dale ist ein Losertyp und eine typische Figur aus dem Universum Judd Apatows.
Der bewies in den letzten Jahren wiederholt ein gutes Händchen, wenn es darum ging, ein kreatives Team vor und hinter der Kamera zusammenzustellen. Dabei bedient sich Apatow bevorzug des Stabs der High-School-Serie Freaks and Geeks (1999-2000), deren ausführender Produzent er war und zu deren Darstellern auch Seth Rogen und James Franco gehörten, die nun in Ananas Express (Pineapple Express) ein chaotisches Duo bilden. Mit seiner nach ihm benannten Firma zeichnete Apatow verantwortlich für Filme wie Jungfrau (40), männlich, sucht (The 40 Year Old Virgin, 2005), den er zusammen mit Hauptdarsteller Steve Carell schrieb, Beim ersten Mal (Knocked Up, 2007), in dem Rogen als trotteliger Teddybärliebhaber erstmals eine Hauptrolle übernahm, und zuletzt Stiefbrüder (Stepbrothers, 2008), der die erfolgreiche Zusammenarbeit Apatows mit Will Ferrell und John C. Reilly fortsetzte.
Irgendwo zwischen Woody-Allen-Komödie und Ivan-Reitman-Klamotte hat der Produzent eine Nische des Comedy-Genres für sich erobert, die er bis heute behaupten kann. „Apatow“ gilt inzwischen nicht nur als eigene Marke, sondern kann im Bereich der Hollywoodkomödie getrost als Gütesiegel verstanden werden.
Für Ananas Express wühlt Apatow tief in der Mottenkiste gestriger Nischenfilme und befördert ein fast vergessenes Genre zu Tage, an dem sich zuletzt die Adam-Sandler-Produktion Grandma’s Boy (2006) nur halbherzig versuchte: die Kifferkomödie. Cheech Marin und Tommy Chong machten mit Viel Rauch um nichts (Up in Smoke, 1978) vor, wie mit diesem Sujet ein großes Publikum zu begeistern ist. Als Hauptdarsteller und Drehbuchautoren bauten sie ihre Kifferpossen um die Figuren Pedro de Paces und „Man“ Stoner in zahlreichen Fortsetzungen zu einem Franchise aus, das als perfektes Bild für das Aussterben der Hippiekultur gelten kann: Die banalen Abenteuer der Kiffer gingen Mitte der 80er im wahrsten Sinne des Wortes in Rauch auf.
An der Konstellation des trotteligen und – verständlicherweise – auch etwas langsam denkenden Buddy-Duos knüpft auch Ananas Express an, indem Dale der verplante Dealer Saul (James Franco) zur Seite gestellt wird. Gemeinsam müssen sie vor den großen Fischen der Szene flüchten, da Dale versehentlich Zeuge eines Mordes unter hochrangigen Mitgliedern konkurrierender Drogenkartelle wurde. In der Prämisse ist bereits das zweite Genrevorbild dieser Apatow-Produktion angelegt: die Actionkomödie der 80er Jahre. In einem unverblümten Recyclingprozess geht Ananas Express in die Vollen und nimmt eine Symbiose beider Genres vor, von denen letzteres die Zeit deutlich besser überstanden hat. Das Vorbild der zweiten Genrekategorie steht dann auch schnell fest. Ananas Express gibt sich als Hommage an Midnight Run (1988), jene Actionkomödie, die Robert De Niro von dem Scorsese-Label befreite und Charles Grodin lange Zeit zum heimlichen Großverdiener Hollywoods machte.
Der Glanz des Vorbilds ließ sich auf seinen Epigonen jedoch nur zum Teil übertragen. War Midnight Run seinerseits eine so geistreiche wie brutale Umdeutung des Kramerschen Flucht in Ketten-Motivs (The Defiant Ones, 1958), gerät Ananas Express genau dann ins Stocken, als sich Dale und Saul auf die Flucht begeben müssen. Wenn auch der Film dank einer Reihe gewitzter Dialogszenen, die nach Apatow-Methode Improvisationen enthalten, für Unterhaltung sorgt, fällt das alte Schreckgespenst aus der Drehbuchschule bereits nach 40 der 112 Minuten ein: Second Act Trouble. Zu lange tritt Ananas Express auf der Stelle, bis rasante Verfolgungsjagden mit Buster-Keaton-Touch und absurde Einfälle, wie ein Katzenfreund, der buchstäblich über neun Leben verfügt, dem Film letztlich eine individuelle Note verleihen können.
Leider kann sich Ananas Express aber nicht gänzlich von den Durchhängern erholen und bleibt so bis zuletzt eine unausgegorene Mischung, irgendwo zwischen belanglos und recht unterhaltsam. Hoffentlich stellt dies nicht eine neue Nische dar, die Apatow für sich beanspruchen möchte. Dann zumindest hätte der Komödienspezialist deutlich mehr Konkurrenz.
Filmkritik von David Gaertner
Veröffentlicht am 19.09.2008
Kommentare zu Ananas Express
Johnny 27.08.2009 11:10
Also ehrlich gesagt, hab ich mich von vorne bis hinten fast ununterbrochen schlapp gelacht.
Einer Lücke nach 40 Minuten kann ich nur eingeschränkt zustimmen, da ja nicht ständig irgendwas passiern kann, die Handlung muss sich schließlich auch weiterentwickeln. Viele kleine Dummheiten überspielen jedoch auch das (z.B. "sieht aus als wenn mein Daumen meim Schwanz wäre")
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Film-Angaben
Titel: Ananas Express
Originaltitel: Pineapple Express
USA 2008
Laufzeit: 112 Minuten
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Regie: David Gordon Green
Drehbuch: Seth Rogen, Evan Goldberg, Judd Apatow
Produktion: Judd Apatow, Shauna Robertson
Bildgestaltung: Tim Orr
Montage: Craig Alpert
Musik: Graeme Revell
Darsteller: Seth Rogen, James Franco, Danny McBride, Kevin Corrigan, Craig Robinson, Gary Cole, Rosie Perez, Ed Begley Jr., Amber Heard
Kinostart: 23.10.2008
DVD-Angaben
Titel: Ananas Express - Superbreit Edition
Vertrieb: Sony Pictures
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 113 Minuten
Extras: Audiokommentar mit Filmemacher & Besetzung, Erweiterte & alternative Szenen, Die besten Versprecher, Making of Ananas Express, Kratzer & Prellungen
Verleih ab: 05.03.2009
Verkauf ab: 02.04.2009
Copyright Ananas Express
Foto : © Sony Pictures
BERLINALE 2012

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