Amour Fou

Jessica Hausner dreht eine staubtrockene Komödie, um ein bisschen im deutschsprachigen Literaturhimmel aufzuräumen.

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Jessica Hausner stellt in Amour Fou den Kleist vom Kopf auf die Füße. Vielleicht lässt sich das am besten mit einem Zitat des Schriftstellers verdeutlichen. Im Michael Kohlhaas – man erinnere sich, der Pferdehändler Kohlhaas wird von willkürlichen Steuern gegen die herrschenden Adelssippen aufgebracht und läuft zuletzt in heiliger Rechthaberei Amok – steht ein berühmter Satz, an dem sich der Umschlagpunkt von Vernunftkritik in -terror kristallisiert: „Mitten durch den Schmerz, die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken, zuckte die innerliche Zufriedenheit empor, seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen.“

Die Seelen, ihre Körper und die Gesellschaft

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In Amour Fou sind die Verhältnisse nun einfach umgekehrt. Da ist die Welt in allerbester, spätabsolutistischer Ordentlichkeit erfroren, aber was eigentlich in den Brüsten der stocksteif in luftdicht abgeschlossenen Sets herumstehenden Menschen vorgeht, das ist durchaus mysteriös. Vor allem, wenn es sich um reizbare Künstler- und Frauenseelen handelt.

Die Doktoren von der preußischen Charité sind ratlos, woran die zarte Henriette Vogel (Birte Schnöink) erkrankt sein mag: Ob wohl das Körper und Seele verbindende „Fluidum“ beunruhigt ist? Oder sind es doch bösartige „Geschwulste und Geschwüre“ in den Unterleibsregionen? Aderlass hilft nicht, magnetischer Schlaf auch nicht, die Ärzteschaft räumt ein, dass man schlicht „im Dunkeln tappe“.

Vielleicht ist alles ganz offensichtlich

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Doch Hausner lässt die nächstliegenden Ursachen für Henriettes Leiden ebenso spöttisch wie erbarmungslos ins Helle treten: Wer würde denn nicht durchdrehen in diesen wie mit Millimeterpapier durchgerechneten Schaukastenwelten, eingemauert zwischen pastellgemusterten Tapeten, umstellt von standesdünkeligen Wachsfiguren, die sich eher zum Hindernislauf als zur Kommunikation eignen? Im Preußen des frühen 19. Jahrhunderts diskutiert man aber lieber über die neue Steuer für alle Stände als über die tiefen Qualen des menschlichen Lebens. Alle müssen sterben? Firlefanz, viel schlimmer, dass alle Steuern zahlen müssen. Kohlhaas würde toben.

Vielleicht war der Krankheitsauslöser daher wohl doch Henriettes Begegnung mit „dem Dichter“ (Christian Friedel, der Name Kleist wird in Amour Fou tunlichst verschwiegen), der in der Berliner Aristokratenschicht nach einer Gefährtin für einen romantischen Doppelselbstmord Ausschau hält. „Möchten Sie mit mir sterben?“, fragt er gleich zweimal seine pikiert abwärts blickende Cousine (Sandra Hüller), und zweimal bekommt er einen Laufpass. Da kommt ihm die dem Tod entgegen gleitende Henriette gar recht, und ihren sich abzeichnenden Zweifeln zum Trotz verabredet man sich zum Freitod am Kleinen Wannsee. Der Rest ist (Literatur-)Geschichte. Aber die lässt Hausner nicht unangetastet.

Lustige Gefängnisse

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Die Regisseurin hat wieder einen Film gedreht, in dem Räumlichkeiten mächtig mit den in ihnen eingeschlossenen Menschen spielen. Das war ja auch in ihrer österreichischen Shining-Variation Hotel (2004) Leitmotiv, wie sich Dunkelstellen im menschlichen Miteinander quasi direkt in lichtfressende Korridorfluchten übersetzen lassen. Amour Fou ist demgegenüber ein Film unerbittlichen Lichts. Verstecken scheint unmöglich in den dominierenden Innenraumtotalen, wo die Körper von Menschen (und Hunden) wie Schmetterlinge an die Wände geheftet scheinen. Der Dichter trägt die Todespistolen in einem kleinen Lederköfferchen umher, sagt auf Herrn Vogels Nachfrage aber, darin seien Utensilien zum Schmetterlingsfangen. „Im November?“, hakt Henriettes Angetrauter noch nach. Aber mehr Initiative lässt die Etikette, lassen die sich allseitiger Beobachtung darbietenden Zimmerfluchten leider nicht zu, und so antwortet der Selbstmordkandidat mit einem lapidaren „ja“ und (ent-)führt die Dame in Richtung Ende.

Hausner setzt das alles mit selten konkret werdender, aber beständig mitklingender Ironie in Szene. Kalkuliert fies ist ihr Humor, vielleicht beschreibbar als Zwitter des staubtrockenen Kinos Straub-Huillets (das stocksteif gerade Schauspiel, die beim ersten Hinhören dilettantische, beim zweiten sinnvoll verfremdende Diktion) und Monty Python (die ausgestellte Lächerlichkeit des Upper-Class-Lebens). Das mag manchem auch als prinzipielles Problem des Film erscheinen, denn seinen Modus variiert er eigentlich nie. Geradlinig kann das genannt werden, allerdings auch rigide. Ein bisschen denkt man vielleicht an Puppenhäuser oder Schuhkartons, in denen ein mit diabolischer Scharfsicht begabtes Mädel böse kleine Schauspiele aufführt. Wie Hausner beispielsweise die Betten des Ehepaars Vogel über Eck aneinanderkeilt, ein Öllämpchen auf einem Schemel in der Mitte, das ist schon ziemlich genial in der schlichten, schlicht witzigen Verwendung seiner Mittel. Komödiantische Wohnungseinrichtung, sozusagen.

Wie man entkommen könnte

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Obwohl man den Film insgesamt als Farce begreifen muss, bleibt Amour Fou dennoch stets seiner Hauptfigur Henriette verbunden. Es ist eine triste, ausweglose Welt, in der sie sich befindet, und erst mal scheint eine Flucht um jeden Preis ziemlich verständlich. Aber Hausner arbeitet ganz deutlich heraus, wie sich in des Dichters scheinbarer Radikalität nur eine andere Form der (männlichen) Diktatur versteckt. „Endgültig“ wolle er Henriette „aus den Konventionen befreien, in denen sie gefangen ist“, schreibt er einem Verwandten. Die darin anklingende Lösung nimmt Hausner ganz wörtlich. Im Kontrast dazu dämmert der zum Tode Auserwählten allmählich und ganz zart ein alternativer Ausweg zwischen der totalen Unterwerfung und der totalen Ablehnung entgegen, ein Weg, der etwas mit Zwischenmenschlichkeit, Liebe und ganz emphatisch: Familie zu tun hat. Aber der Dichter ist seinem Geschöpf Kohlhaas da schon viel zu nahe gekommen und sieht nur noch Abgründe.

Das ist wahrscheinlich die cleverste Nuance auf den zunächst einmal störrischen Oberflächen von Amour Fou: Hausner wendet Kleists Poetik der Umstülpung etablierter Wertbilder zuletzt gegen ihn selbst. Mit Zitaten und Anspielungen auf seine Werke (vor allem auf den vergewaltigenden Retter der Marquise von O...) hält ihr Film beständig Kontakt zur Kleist’schen Denkwelt, um diese quasi von innen heraus zu entlarven. So wird Amour Fou zu einem gewitzten (durchaus feministisch zu nennenden) Einspruch, der sich ganz unverblümt anachronistisch in die vergangenen Männersachen einmischt und Ordnung stiftet, wo zuvor Unordnung war.

Trailer zu „Amour Fou“


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Kommentare


Helmut Schiestl

Im Film wird der Obduktionsbefund von Henriette zittiert und dabei erwähnt, dass bei ihrem Leichnam gar kein Geschwür gefunden worden sei, an dem sie dann laut den Ärzten ohnehin dem Tod geweiht gewesen sei. Stimmt das? In Wikipedia steht das genaue Gegenteil davon: Nämlich dass Henriette sehr wohl an einem Geschwür gelitten hätte und dieses schließlich zu ihrem Tod geführt hätte. Leider wird in den Kritiken darauf nicht eingegangen. Es scheint mir aber doch mehr als ein biografisches Detail zu sein, weil es dem Film eine ganz andere Wendung gibt: Eine Frau entzieht sich dem Leben, das für sie ohnehin nur mehr einen qualvollen Tod bedeuten würde, denn vor der Diagnose will sie ja nicht mit Kleist in den Tod gehen. Nachher eben schon. Nun wie weit ist es zulässig, Biograohien von real existierenden Personen filmisch umzuschreiben? Das wäre doch eine spannende Frage. Vielleicht kann sie jemand beantworten.






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