Americano

Americano vereint Kino-Mystik mit dem Universum der Familie Demy-Varda.

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Gerade hat Martin (Mathieu Demy), ein Enddreißiger, der in Paris in einer losen Beziehung mit Claire (Chiara Mastroianni) lebt, erfahren, dass seine Mutter in Los Angeles verstorben ist. Um den Nachlass zu regeln, begibt er sich nur widerwillig in die Stadt, in der er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Nach einigen Jahren ging er damals zu seinem Vater nach Paris, seine Mutter blieb im Exil in den USA.

Trauer und Erbe reißen alte Wunden auf, von denen wir auf seiner Reise Stück für Stück erfahren. Der Film bleibt dabei jedoch betont vage. Der Protagonist will sich zuerst nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, lieber wirft er den gesamten Hausrat seiner Mutter auf den Müll. Übrig bleibt eine Identitätskrise, ein wenig Midlife Crisis und ein Hin- und Hergerissensein, nicht nur zwischen Mutter und Vater, sondern auch zwischen den Ländern USA und Frankreich. Wehrt sich Martin gegenüber seinem Vater noch, US-amerikanischer Staatsbürger zu sein,

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siegt am Immigrations-Schalter des Flughafens doch die Verlockung einer unverzüglichen Einreise ohne Warteschlange mit amerikanischem Reisepass. Das lakonische „Welcome Home“ des Beamten erscheint in seinem Falle jedoch unangebracht.

Die Kamera übermittelt dabei Martins innere Unruhe und Zerrissenheit durch unaufhörliche Bewegungen. In wackeligen Bildern ahmt sie seine hektischen Bewegungen nach oder folgt seinen nervösen Blicken mit Schwenks. Eingeholt von der eigenen Vergangenheit, ist Martin selbst in ruhigen Augenblicken von Mikrobewegungen der Kamera begleitet –  ein fast nicht wahrnehmbares Wackeln, das die momentane Erschütterung seines Lebens suggeriert.

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Aufgrund von Kleinigkeiten steigen Erinnerungen aus Martins Unterbewusstsein in Rückblenden an die Oberfläche: die Nachbarschaft in Venice Beach. Das Türschloss eben jenes Apartments, das er als kleiner Junge nicht öffnen konnte. Der Mann an der Schreibmaschine, den er daraufhin wegen der Abwesenheit seiner Mutter Emilie (Sabine Mamou) um Hilfe bat. Flashbacks, die aus Menschengesichter (Documenteur, 1981) von Mathieu Demys Mutter Agnès Varda stammen. In beiden Filmen der Darsteller des Sohns Martin, führt dieser die filmischen Verschlingungen seiner Mutter mit seinem Spielfilmdebüt Americano in eine neue Runde.

Bereits durch das Wortspiel des Titels aus Dokumentarfilm und Lügner als Schein-Dokument bezeichnet, stellt Documenteur ein Spiel mit Realitäts- und Fiktionsebenen dar. In die fiktionale Geschichte von Martin und seiner Mutter, die von ihrem Mann verlassen im Exil lebt, bindet Varda dokumentarische Bilder von L.A. und seinen Einwohnern ein. Noch dazu wiederholt sie hier das Motiv der im Mittelpunkt von ihrem Vorgängerfilm Mauerbilder (Mur murs, 1980) stehenden Wandgemälde von L.A. Zur Klavierbegleitung aus Documenteur gibt sich der erwachsen gewordene Mathieu Demy in Americano ein wenig wehmütig seinen Leinwanderinnerungen an seine Kindheit hin. Motive, Musik und Orte verweben Film- und Lebensgeschichte(n) miteinander.

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Wie seine Mutter in Documenteur, kann auch der erwachsene Martin seine Gefühle nicht selbstständig äußern. Seine Trauer veranschaulichen indirekt die Weggefährten seiner Mutter, die ihm begegnen. Wie die Französin Linda (Geraldine Chaplin), die ihrem Verlust durch kontinuierliches Weinen und Klagen theatralisch Ausdruck verleiht. Sie wirkt als gealterte Lady mit Rückständen von Schönheits-OPs und patriotischer Baseball-Mütze in ihrem roten Mustang wie der Prototyp der angepassten Einwanderin.

Autofahrten im strahlenden Sonnenschein machen Anleihen an das Genre des amerikanischen Roadmovies der 1960er Jahre: Mit Wind in den Haaren und musikalischer Begleitung von „L.A. Woman“ der Doors macht sich Martin in Lindas Cabriolet über kalifornische Highways auf in Richtung Süden. Solche klischeebeladenen Bilder von den USA als Land der unbegrenzten Möglichkeiten relativiert der Regisseur beiläufig mit Lindas Berichten über die schmerzliche Exilerfahrung seiner Mutter oder dem Thema der illegalen Immigration aus Lateinamerika.

Die Erkundung seiner Vergangenheit führt Martin in die mexikanische Grenzstadt Tijuana zu Lola (Salma Hayek): einst selbst illegale Einwanderin und Freundin seiner Kindheit, heute Nachtclubtänzerin und alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Ganz wie die Lola aus dem Film seines Vaters Jacques Demy (Lola, das Mädchen aus dem Hafen, 1961) verführt sie Martin mit einer Tanzeinlage. Americano ist gespickt mit solchen Anspielungen, vor allem an die Filmografie der Eltern des Regisseurs.

Schon mit seiner Besetzung verinnerlicht Americano indirekt die Höhepunkte der Filmgeschichte: Geraldine Chaplin, die Tochter von Charlie Chaplin, Chiara Mastroianni, die Tochter von Catherine Deneuve und Marcello Mastroianni, und Carlos Bardem, der aus einer ganzen Schauspieler-Dynastie entstammt, dessen bekanntester Sprössling gerade sein Bruder Javier Bardem ist. Diese Schauspieler haben das Kino sozusagen im Blut.

Agnès Varda hat einmal gesagt, Documenteur sei der Schatten von Mauerbilder. Americano ist deren nächste Generation. Ein Spiel aus Zitaten für den Zuschauer. Er funktioniert nach dem Prinzip der Matroschka-Puppen. Geheimnisvoll verbirgt Mathieu Demy in seinem Inneren Schicht für Schicht Kino- und Familiengeschichte.

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