American Translation

Das eingespielte Regie-Duo Jean-Marc Barr und Pascal Arnold übersetzt Natural Born Killers ins Französische.

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Es ist Liebe auf den ersten Blick. Oder doch zumindest Leidenschaft. Sie ist eine Kindfrau mit großen Augen, er ein wuschelköpfiger Macho. Sie kommt aus reichem Hause, ist gebildet und jettet zwischen ihren zwei Wohnsitzen Paris und Los Angeles hin und her – er ist mittelose Waise, hat weder einen Job noch ein Zuhause, kann nicht lesen und spricht kein Wort Englisch. Sie, Aurore (Lizzie Brocheré), verfällt ihm, Chris (Pierre Perrier) – doch wie fou diese amour wirklich ist, merkt die naive Protagonistin von American Translation erst spät. Das Problem mit ihrem neuen Liebhaber ist nicht so sehr, dass er kontrollierend, eifersüchtig und launisch ist, auch mit seinen Lügen, seiner pseudo-philosophischen Dekadenz und seinen homosexuellen Seitensprüngen könnte Aurore leben. Doch Chris ist ein Serienmörder, der Stricher aufliest und sie während des Sexualakts umbringt. In seiner gestörten Psyche werden Eros und Thanatos, Lust und Gewalt ununterscheidbar – die Gefahr des brutalen Kontrollverlusts verstärkt seine sexuelle Erregung noch zusätzlich.

Eindringen in die Psyche eines Mörders

„Ich halte das nicht mehr lange aus“, sagt Aurore einmal. Aber Chris hat ihr den Kopf so sehr verdreht, dass sie ihm alles verzeiht – obwohl sie nicht sicher sein kann, dass sich seine destruktiven Triebe, die ihn zu einer tickenden Zeitbombe machen, nicht auch einmal gegen sie richten werden.. „Du verwandelst mich in jemand anderen“, stellt Aurore angesichts ihrer Selbstverleugnung fest. Leichtfertig und übereilt heiraten die beiden, sie beginnt zu seiner Komplizin zu werden und schaut bei einem Mord zu, um ihren Geliebten zu verstehen. „Ich werde dir helfen“, verspricht sie und offenbart damit das ganze Ausmaß ihrer Naivität. Sein bestialischer Drang zu morden hat nichts mit einer traumatischen Kindheit, Schlägen im Heim oder Bettnässerei zu tun, wie sie an einer Stelle vermutet, sondern ist irreduzibler Bestandteil von Chris’ Wesen.

American Translation 02

Pascal Arnolds Drehbuch, das auf Statements von und psychologischen Untersuchungen zu Serienmördern aufbaut, transferiert eine dem Plot von Natural Born Killers (1994) ähnelnde Geschichte ins zeitgenössische Frankreich. American Translation stellt den Versuch des Eindringens in die Psyche eines Mörders (und das notwendige Scheitern dieses Versuchs, das Unerklärliche zu erklären) ins Zentrum. Die Gewalttaten selbst werden, wenn überhaupt, nur kurz und nüchtern gezeigt – zumeist sind lediglich die Resultate zu sehen. Immer wieder arbeitet der Film mit Jump Cuts und erinnert nicht nur damit an zentrale Filme der Nouvelle Vague – auch Godard und Truffaut erhoben ja mehrfach scheinbar simple Kriminalgeschichten zu Kunstwerken. Verglichen mit den vorherigen Gemeinschaftsproduktionen Barrs und Arnolds setzt American Translation recht viel Musik ein, zumeist Indie-Pop – ihrem alten Stil treu bleiben die französischen Filmemacher hingegen mit dem Überschreiten von Landesgrenzen innerhalb des Plots und mit der natürlichen, nicht effekthaschenden Inszenierung nackter Körper. Statt Élodie Bouchez, die in mehreren vorherigen Filmen von Barr und Arnold diesen Part übernahm, ist es hier vor allem Pierre Perrier in seiner Rolle als selbstverliebter Chris, der viel nackte Haut zeigt, womit American Translation den erotischen Fokus auf eine männliche Figur verschiebt, was auch im heutigen Kino noch erstaunlich selten passiert.

Kein verständnisvoller Metrosexueller, sondern ein Platzhirsch

Die Figur des abgebrühten, impulsiven und unberechenbaren Chris, der sein Geld nicht zufällig mit Pokerturnieren statt regulärer Arbeit verdient, führt den Film auch zu einer Betrachtung verschiedener gesellschaftlicher Männlichkeitsvorstellungen. Der Protagonist mag einen rasierten Oberkörper haben und ménages à trois liberal gegenüberstehen, tatsächlich aber ist er ein rücksichtsloser, dominanter Mann der alten Schule. Gerade das scheint es jedoch zu sein, was Aurore so magisch anzieht – sie verfällt schließlich nicht etwa einem sensiblen, verständnisvollen Metrosexuellen, sondern einem Platzhirsch, dessen Zuneigung stets die Möglichkeit von Gefahr und Gewalt beinhaltet. Hier untersucht American Translation mit feiner Ironie die Veränderung von Maskulinität im oft konfliktreichen Zusammenspiel von kulturellen Einflüssen und natürlichen Veranlagungen.

American Translation 01

Wie Mickey und Mallory aus Natural Born Killers reist das wilde, freie Pärchen in American Translation durch das Land. Dass Chris in seiner ehemaligen Heimat nicht willkommen ist, ja regelrecht verbrannte Erde hinterlassen zu haben scheint, deutet an, wie lange die Wirkkraft seiner dunklen Triebe zurückreicht, wie unauflösbar sie also mit ihm verbunden sind. Es ist eine schöne, wenn auch sehr schwarzhumorige Auflockerung, wenn er sich einmal stolz damit brüstet, der Verlockung des Mordens soeben widerstanden zu haben.

Kurz vor Schluss kommt es noch zu einem kurzen Intermezzo, bei dem Aurores Vater (Jean-Marc Barr) und sein exzentrischer Schwiegersohn erstmals – und ziemlich konfrontativ – aufeinander treffen. Mit der Rolle des wohlhabenden, aber distanzierten Vaters, der finanzielle Unterstützung mit Fürsorge verwechselt, findet der Film, wie schon in der Betrachtung widersprüchlicher Männlichkeitsbilder, zu einer sozialanalytischen Note. Ähnlich klug zeigt sich American Translation auch an seinem unspektakulären, dafür aber umso realistischeren Ende.

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