American Sniper – Kritik

Chris Kyle und wie er die Welt sah: Clint Eastwood adaptiert ungerührt den Blick seines treffsicheren Titelhelden.

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Tut er es, oder tut er es nicht? Der schmächtige Junge kann den Raketenwerfer kaum halten, den er neben dem gerade erschossenen Kämpfer – seinem Vater, vielleicht – aus dem Schutt aufgehoben hat, und man kann förmlich spüren, wie Angriffs- und Fluchtimpuls den kleinen Körper hin- und herzerren, auf den unser Blick durchs Zielfernrohr des Scharfschützen fest gerichtet ist. „Wirf das Ding weg, verdammt“, brummt der Mann am Gewehr, den Finger schon am Abzug.

Ein Kind zu töten

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Diese Szene, recht spät im Film, greift das Setting der Anfangssequenz wieder auf, in der ebenfalls ein bewaffnetes Kind in Chris Kyles Fadenkreuz gerät. Doch wo es dort noch um ein moralisches Dilemma geht, ein „Soll ich, oder soll ich nicht?“ in Bradley Coopers Augen- und Mundwinkeln arbeitet, da sind Schütze und Film in der zweiten Szene längst beim „Muss ich, oder muss ich nicht?“ angekommen: Ob es sterben wird, hängt nur noch vom Verhalten des Kindes ab – dass der Mann mit dem rötlichen Vollbart und den eisblauen Augen schießen wird, wenn er muss, daran besteht kein Zweifel mehr.

Vor Kyles ersten Schuss auf ein Kind schneidet Clint Eastwood per Rückblende die gesamte Initiationsgeschichte des Helden, um die Logik und Moral zu entwickeln, aus der heraus dieser Schuss zwingend nötig scheint. Einem Schuss, dem 160 weitere folgen, viele davon werden in American Sniper zu sehen sein. Nicht wenige Freunde und Feinde des Films sehen in ihm daher ein Denkmal für den 2013 verstorbenen Rekord-Killer. Seth Rogen (The Interview) verglich ihn gar mit Tarantinos Fake-Nazi-Propaganda Stolz der Nation, was ihm aus dem konservativen Fanlager um Sarah Palin einen bösen Anschiss bescherte.

Heldenverehrung vs. personales Erzählen

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Dabei ist Heldenverehrung dem nüchternen Filmerzähler Clint Eastwood als Gestus eher fremd. Richtig ist, dass der Film keine Anstalten macht, sich vor solcher Indienstnahme zu schützen oder gar davor zu warnen – zumindest bis zu einem gewissen Punkt legt er sie aber auch nicht unbedingt nahe, er bleibt gegenüber dieser Möglichkeit schlicht ungerührt. Eastwood erzählt ihn eben ganz und gar aus dem Selbstverständnis seiner streitbaren Figur heraus – nichts außerhalb ihres Horizonts erblickt das Licht der Leinwand, was bedeutet, dass die Hintergründe des völkerrechtswidrigen Irakkrieges 2003 schlicht kein Thema sind in American Sniper. Der Wertekosmos des Texaners ist fest etabliert, seit sein Vater am Esstisch die Menschen in sheep, sheepdogs und wolves einteilt (die strukturell übrigens exakt den pussies, dicks and assholes aus der 2004er-Satire Team America entsprechen). Ein Blick auf brennende US-Botschaften im Fernsehen genügt dem jungen Rodeo-Reiter, um zum sheepdog fürs geliebte Vaterland zu werden. Und Kyles Einschätzung, in den zerbombten Ruinen des Irak einen gerechten Verteidigungskampf gegen savages zu führen, findet im Film kein Korrektiv. Was ebenso provozierend ist wie in der Logik des personalen Erzählens konsequent.

Wachsende Unübersichtlichkeit

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Distanz schafft Eastwood durch seinen ruhigen, gemessenen Erzählstil, den größtmögliche Ungerührtheit bei größtmöglicher Nähe kennzeichnet, eine sein gesamtes Spätwerk prägende Tugend. Aus dieser Gemessenheit heraus treibt der Regisseur seinen Helden in mitreißende Häuserkampfszenen, die zunächst einmal großartig inszeniertes Actionkino sind, mit einer wohltuend kontrollierten Kameraführung, die Räume, Distanzen und Relationen erfahrbar macht und die spannungstreibende Balance zwischen Orientierung und Desorientierung hält. Sodass man es sich auch gerne gefallen lässt, wenn Eastwood mit der Einführung eines mysteriösen Gegen-Snipers und dem sich anbahnenden Duell über den Dächern in lupenreines Genrekino ausschert. Faszinierend ist zudem, wie sich die Settings über vier Kriegseinsätze hinweg parallel zu Kyles wachsender Traumatisierung in eine immer größere Unübersichtlichkeit entwickeln und schließlich in einem Sandsturm münden, der die Leinwand in dunkel leuchtendes, von Silhouetten durchstreiftes Orange hüllt.

Ein gebeutelter, kein gebrochener Held

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Auch Kyles Privatleben gestaltet sich nach Wertvorstellungen, die von keinem Hauch Liberalität angekränkelt sind (das bruchlose Abbilden der vierköpfigen US-Musterfamilie geht vor allem zu Lasten von Siena Millers Rolle als Kyles Frau Taya). Dabei parallelisiert die Montage die Welten an Heimat- und Kriegsfront auf eine Weise, die durchaus auch eine entlarvende Lesart zulässt – etwa wenn Eastwood die ersten Dates mit Taya mit Kyles Schießübungen gegenschneidet oder ihn mitten im mörderischen Einsatz mit seiner glückselig ihren Babybauch streichelnden Frau telefonieren lässt („Ich weiß, dass es ein Junge wird“).

Die Bedrohung von Kindern ist immer wieder ein Link zwischen beiden Welten – so findet die furios inszenierte Terror-Szene, in der Eastwood zwischen einem rasend bellenden Hund, einem Iraker, der eine Bohrmaschine an die Schläfe eines überwältigten Kindes führt, und dem verzweifelt nach Kontrolle und Übersicht suchenden Kyle hin und her schneidet, einen späten Nachhall auf einer Geburtstagsparty, als der traumatisierte Kyle seine Tochter vor einem offenkundig harmlosen Vierbeiner zu beschützen versucht.

Wie Kyle von Einsatz zu Einsatz schwerer in sein Familienleben zurückfindet, wird von Eastwood eindrücklich ins Bild gesetzt – etwa wenn sich Kriegsgeräusche aus dem TV als Halluzinationen des starr davor sitzenden Heimkehrers entpuppen. Und doch bleiben die Traumata auf der Ebene affektiver Symptome, die Kyles Selbstverständnis nicht ankratzen und zu keiner Reflexion führen. Kyle ist gebeutelt, nicht gebrochen. Bradley Cooper versteht es eindrucksvoll, dieses Trumm von Mann stets diesseits dieser Schwelle zu halten.

Ein Moment der Gnade

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Wenn der Junge in Kyles Visier den Raketenwerfer schließlich doch fallen lässt und davonläuft, gewährt er uns, dem Schützen und dem Film einen Moment der Gnade. Und genau dies macht die Szene zu einem Wendepunkt, der den Film doch immer mehr Richtung eindeutiger Parteinahme kippen lässt. Indem er Kyle dieses eine Mal nicht abdrücken lässt, enthebt sich der Film nicht nur der Möglichkeit, eine wachsende Zuschauerempathie mit seinem gebeutelten Helden doch noch einmal in Unordnung zu bringen. Der unausgesprochene, aber naheliegende Gedanke, dass der American Sniper nie ein unschuldiges Opfer trifft, wird durch die Schonung des Kindes noch unterstrichen, die vorangegangenen 160 Treffer aus dem Hinterhalt – die dann sicher allesamt einfach sein mussten – wie rückwirkend legitimiert. Wenn der Film dann, nun notwendig jenseits jeder personalen Erzählperspektive, mit Archivmaterial der Gedenkfeier schließt, in der Abertausende auf den Straßen und im Stadion ihren Helden huldigen, fällt es schwer, hier noch irgendwo Brüche und Ambivalenzen zu sehen.

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Kommentare


sk

Vielen Dank für den sehr differenzierten Text. Ich habe vieles ähnlich empfunden. Ein schwer zu verdauender Film, der es sich etwas einfach damit macht, die Wertung vermeintlich dem Zuschauer zu überlassen.


Marianne Ohlenforst

Ich weiß nicht ob Sie den Film ,,Stolz der Nation" kennen der in Inglourious Basterds gezeigt wird . Die Menschheit blickt auf grausame taten in der Vergangenheit herab und heute zeigen die Menschen keine Besserung. Krieg bekämpft man nicht mit Krieg ! Dieser Film ist dafür da die West-Ostkonflikt aufrecht zu erhalten , der einzt von den Americanern erfunden und fabriziert wurde. Traurig Clint Eastwood ich hatte dich Klüger wie die verblödete Mehrheit der Menschen eingeschätzt.


ule

Ja Marianne, ich gebe Ihnen recht: die Amis brauchen solche Filme, das CIA und das Verteidungsministerium, aber auch liberal-patriotische Republikaner von Clint´s Sorte haben den Film zu 100% finanziert. Das stimmt, weil das sagen auch Pegida und Geert Wilders. Warum ? Natürlich um die Russen und den Putin zum roten Buhmann zu machen. Und wenn Hillary, die olle Kriegstreiberin erst mal dran ist, dann wird ja eh erstmal ne Atombombe nach Moskau geschossen und dann werden Clint Eastwood und Jeb Bush in Kirgisistan einmarschieren, um als Republikaner paritätisch- patriotisch Flagge zu zeigen.


Sebastian

Ich finde, dass dieser Film gut gemacht ist und sehr zum Nachdenken anregt. Leider, leider hat er diesen patriotischen Nachgeschmack. Er lässt der Figur keinen Raum für Fehlbarkeiten. Die Erzählweise, wie sie oben beschrieben wird, ist wirklich sehr gut umgesetzt, macht den Film aber so sehr neutral, dass er annähernd botschaftsfrei ist und sich wunderbar als Propagandamaterial eignet...bis auf das Ende aber auch da wird die Interpretation schwer...hmmm...






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