American Honey – Kritik

Auf den Fluchtlinien Amerikas: Andrea Arnold hat ihren ersten Film in den USA gedreht und sich hemmungslos wummernden Trap-Beats und der Jugend des Mittleren Westens ausgeliefert.

American Honey 02

Finding love in a hopeless place, so geht’s schon mal los. Im Supermarkt, irgendwo im Niemandsland von Kansas. Star (Sasha Lane) hat Jake (Shia LaBoeuf) vorher schon kurz vorbeifahren sehen, in einem Kleinbus voller grölender junger Menschen, als sie selbst mit den zwei von ihr betreuten Kids gerade versucht hatte, nach Hause zu trampen. Jetzt sieht auch er sie in den Einkaufsfluchten, bemerkt selbst über die große Distanz ihren Blick und zieht ’ne Nummer ab. Tanzt zu Rihannas Song auf den Tischen, bis der Sicherheitsdienst kommt. Die Musik dröhnt, das Begehren folgt, so ist das in diesem Film. Star ist 18 und hat soeben Liebe gefunden, an einem hoffnungslosen Ort. Ein Walmart, on a highway somewhere. Deshalb wird sie auch nur kurz zögern, Jakes verlockendes Job-Angebot anzunehmen, wird mit ihm und seiner Crew bald in Richtung Kansas City aufbrechen. Finding love, making money, so der Plan.

Weibliches Unterwegs

Vorher gibt’s noch ein Problem: Wohin mit den Kids? Sie bei den Eltern abstellen, klar. Die Mutter ist alles andere als begeistert und weigert sich. Aber das ist ja auch nicht ihr Film. Star sagt, sie muss aufs Klo, dann rennt sie los. American Honey schenkt dieses amerikanisch-männliche On-the-Road-Motiv einer jungen Frau: die Liebsten zurücklassen, dem Abenteuer folgen, weiterziehen. The kids will be allright. Nur dass das Abenteuer nicht mehr unbedingt Beat-Romantik verspricht. Es geht darum, an Haustüren zu klingeln und Zeitschriften-Abos zu verkaufen. Die Freiheit der Straße ist nur Mittel zum Zweck. Making Money, das ist die oberste Prämisse des Mini-Unternehmens, daran erinnert Krystal (Riley Keough) ihr Team ständig. Krystal, die Chefin, die bitchy Tyrannin im Confederate-Flag-Bikini. Jake ist eher so Klassenclown und Top-Seller.

Die nervöse Kamera

Die Britin Andrea Arnold, die sich von ihrer Literaturverfilmung Wuthering Heights (2011) auf den ersten Blick kaum weiter hätte entfernen können, ist auch in ihrem ersten in den USA gedrehten Film an visuellen Details interessiert, an Insekten und Vorhängen, an Händen und Klamotten. Dazu passt das enge 4:3-Format, das die Weite des amerikanischen Westens links liegen lässt, spektakuläre Landschaften zur magic hour eher als fotografische Impressionen denn als mythisches Versprechen behandelt. Aber diese stillen Einstellungen sind ohnehin nur kurze Einschnitte in den Bewegungsfluss eines Films, der stetig nach vorn treibt, den unkontrollierten Intensitäten seiner Figuren folgend. Robbie Ryans Handkamera sucht dabei mitunter etwas zwanghaft nach eigenen unkonventionellen Bewegungen, verhindert klare Gegenschüsse wie gerichtete Rahmungen.

Aber diese Kamera, sie ist vielleicht auch einfach nur etwas nervös, hat sofort bemerkt, an wen dieser Film ihr Schicksal gebunden hat. Und so weicht sie Star nicht von der Seite, tanzt nervös um sie herum, schaut ihr manchmal fast direkt und etwas besorgt in die Augen, schnellt dann wieder herum und lässt den Blick in die Ferne schweifen, um die Umgebung abzuchecken, scheint dann durch Stars dunkle Dreadlocks hindurchzusehen und den Horizont zu fokussieren. Diese Kamera, sie weiß wohl, dass sie sich langsam auf den höchsten Punkt einer Achterbahn zubewegt und die wilde Fahrt gleich beginnt. Und vielleicht ahnt sie auch schon, dass sie kaum wird mithalten können. Das ist das Schönste an American Honey: Schon das Tempo verhindert, dass wir groß über die Figuren nachdenken oder urteilen könnten. Der Film kommt ja selbst nicht dazu. Alle rennen los, und die Bilder müssen hinterher.

Mythen und Popmusik

American Honey 01

Die Fahrten mit dem Bus strukturieren den Film; man folgt den Highways, bejubelt die Wolkenkratzer am Horizont, wenn mal wieder eine größere Stadt naht. Kansas City ist für diese Leute New York. Es sind Leute, die aus einem jener Independentfilme stammen könnten, die sich in den letzten Jahren der US-amerikanischen Jugend mit nur behutsamen Fiktionalisierungen genähert haben. Es sind vor allem laute, pubertäre Leute, die sich ständig und ziemlich körperlich necken, die aber auch eine solidarische community of outsiders bilden, eine Art Subkultur postfordistischer Hobos. Die zwei jeweils schlechtesten Verkäufer eines Tages müssen sich prügeln, aber danach ist alles wieder gut.

Vor allen Dingen sind es Leute, die laute Musik hören. Diese Musik – Dance-Pop, Hip-Hop, Trap, aber auch mal Country und ein paar ältere Songs, die eher nach Input der Filmemacherin riechen –, sie ist überhaupt der Kern von American Honey. Zum einen ist sie Arnolds Zugang zu ihrer persönlichen Neuen Welt, das Reservoir, in dem die Mythen Amerikas aufgehoben sind und aktualisiert werden. Freiheit, pursuit of happiness, der große Traum. „Dream on, girl, dream“, fordert Bruce Springsteen aus dem Radio eines Truckers, und Star fragt sich von nun an, wovon sie und andere träumen. Auch andere Songzeilen ersetzen Dialoge. „I’m spending my own money“, grölt die Crew im Bus, auf dem Weg zum nächsten Einsatz. „So you wanna kiss me“, sagt die Playlist, wenn aus der familiären Fahrgemeinschaft zunehmend Stars und Jakes Zweierding wieder in den Vordergrund drängt. So fragt der Film auch nicht, wo Star oder die anderen herkommen, der titelgebende Song weiß schon alles Nötige: She grew up on the side of the road, where the church bells ring and strong love grows.

Ein Film, der 18 ist

Und wo sie hingehen werden? Das wissen höchstens die Tracks, die ästhetisch in jeder Hinsicht vorgängig sind, selten nur Untermalung oder Affirmation des Geschehens. Die wummernden Beats, die lasziven Klänge, die expliziten Lyrics, sie charakterisieren keine Figuren oder verdoppeln eine Geschichte, sie affizieren die Bilder, produzieren Bewegung und Subjektivität. Eine Bewegung, die immer wieder scheinbar geradewegs ins Verderben führt. Star steigt zu drei Country-Cowboys ebenso ins Cabrio, wie sie sich von einer Gruppe Trucker mitnehmen lässt. Jake bleibt Anstoß ihres Begehrens, nicht Endpunkt. Ständige Deterritorialisierungen, ständige Unvernunft. Nicht nur Star selbst, auch dieser Film ist 18, for better or for worse. Heftig und ungestüm, viel zu viel riskierend, manchmal altklug in seinen Weisheiten, dream, baby, dream!, manchmal kitschig in seinen Haare-im-Wind-Bildern. „You think, you’re something special“, wirft Crystal einmal Star entgegen. Das denkt der Film schon auch, und er steht dazu, schenkt uns am Ende ein paar Glühwürmchen und flüchtet dann schnell in den Abspann.

Trailer zu „American Honey“


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