American Hardcore – Kritik

Paul Rachmann verfolgt in American Hardcore die Spuren einer nicht nur musikalisch derben Subkultur der USA in den frühen 80er Jahren.

American Hardcore

Hardcore hat es im Gegensatz zum Punkrock nie ins Rampenlicht der Popmusik geschafft, zu hart und ungeschliffen die Musik, zu unangepasst und verschroben die Charaktere. Dennoch kann diese Stilrichtung musikalisch weitreichende Einflüsse vorweisen. Paul Rachmann arbeitet nun mit seinem Dokumentarfilm American Hardcore diese fast vergessene Subkultur auf.

Der Film entwickelt dabei den Hardcore-Punk als eine Art Gegenbewegung zur zeitgenössischen Mainstream-Kultur Amerikas, die sich 1980 in der Wahl des konservativen Ronald Reagan zum US-Präsidenten abbildete. Auch dem musikalischen Zeitgeist von Disko und New Wave wollte man den sprichwörtlichen Finger zeigen und kreierte einen neuen Musikstil, noch härter, roher und anspruchsloser als Punk. Auch wenn die Musik das offenkundige Aushängeschild der Szene war, macht der Film eins deutlich: Für die Beteiligten ging es dabei mehr als nur um die Musik, jugendliche Außenseiter der weißen Mittelschicht schufen sich hier ihren eigenen sozialen Mikrokosmos.

American Hardcore

Dokumentarfilmer Paul Rachmann und Steven Blush, auf dessen gleichnamiges Buch dieser Film zurückgeht, trieben sich in den 80er Jahren selbst in der Hardcore-Punk-Szene umher und lernten sich dort kennen. Eine solche Insider-Perspektive zeichnet auch den Film aus, denn er verzichtet vollständig auf eine narrative Meta-Ebene, die historische Zusammenhänge erstellt oder weitergehende Fakten hinzufügt. Stattdessen kommen die Protagonisten der Hardcore-Szene – hauptsächlich Mitglieder solcher Bands wie „Black Flag“, „Minor Threat“ und „Bad Brains“ – ausgiebig zu Wort. Interviews wechseln sich mit zeithistorischen Bilddokumenten von Live-Konzerten beständig ab und machen American Hardcore zu einer recht herkömmlichen Musikdokumentation, ohne dabei den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Folglich wurde auch in diversen Internetforen das fast vollständige Fehlen einiger prägender Bands bemängelt.

Trotz seiner insgesamt konventionellen Gestaltung erfährt der Film gerade durch das Videomaterial von den damaligen Konzerten eine eigene stilistische Note. Deren dürftige Bild- und Tonqualität führt nämlich das Lebensmotto der Szene „Do it yourself“ augenscheinlich vor, gleichzeitig ist es auch eine unfreiwillige Reminiszenz an die Home-Video-Ästhetik der 80er Jahre. So knackt und rauscht es unentwegt in den Leitungen und körnige Schwarz-Weiß-Aufnahmen versuchen der umherzappelnden Leiber habhaft zu werden. Das wirkt in dem abgezeichneten Milieu durchaus stimmig, so als würde sich der Hardcore einer Hochglanzproduktion mit allen Mitteln verweigern. Die rohe Kraft der körperintensiven Live-Shows – mitsamt dem Dreck und Schweiß – überträgt sich nahtlos aus den Hinterhöfen der Subkultur auf die Leinwand.

American Hardcore

Der Verzicht auf eine rahmende Erzählung führt notgedrungen zu einigen Lücken und Unschärfen in der Rekonstruktion des Zeitgeschehens. Lücken werden vor allem dann deutlich, wenn die Zeitzeugen versuchen das jähe Ende der Szene in der Mitte der 80er Jahre zu beschreiben. Eine plausible Erklärung kann niemand vorbringen. Dubiose Unschärfen treten beim Thema Gewalt zutage. Denn die Zeitzeugen gestehen der Gewalt allesamt eine hohe Bedeutung in der Szene zu, fliegende Fäuste auf Tanzfläche und Bühne werden mit einem süffisanten Schmunzeln als dazugehörig deklariert. Wenn es allerdings um die zahlreichen Auseinadersetzungen mit der Polizei geht, werden die muskelbepackten Rowdies ungleich schüchterner und wissen einstimmig zu berichten: „Die Bullen haben immer angefangen.“

Der Film lebt von seinen kuriosen Charakteren, die um Jahre gealtert ihre eigene wilde Vergangenheit aufleben lassen, sich in Anekdoten verlieren und fortwährend markige Sprüche klopfen. Dass die Filmemacher selbst der Szene entstammen, erklärt warum das Ganze stellenweise wie ein großes Klassentreffen wirkt. Die Geschichte des Hardcore-Punks behält so eine angemessene Dynamik und eine persönliche Note. Das allein hat mitunter hohen Unterhaltungswert, der sich allerdings im Verlauf des Films erschöpft. Während anfangs die Interview-Passagen noch thematisch abgestimmt scheinen und durch ausdrucksstarke Bilder von Konzertmitschnitten untermalt werden, hat der Film in der zweiten Hälfte einige Längen. Ähnlich wie die Szene sich Mitte der 80er aufzulösen begann, verläuft auch der Spannungsbogen des Films ein wenig im Sande. Auch dadurch, dass die Konzertaufnahmen – eine Hand voll tobender Teenager versammelt vor einer kleinen Clubbühne – sich auf Dauer zu gleichen beginnen. Ein interessanter Einblick in eine faszinierende Gegenkultur gelingt American Hardcore aber allemal.

 

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