American Gangster

Ridley Scotts mit Russell Crowe und Denzel Washington erstklassig besetztes Crime-Drama beleuchtet das Leben von Frank Lucas. Dieser stieg Anfang der siebziger Jahre aus Harlem zu einem der mächtigsten Gangster-Bosse der Ostküste auf.

American Gangster

Der Beginn könnte härter und brutaler kaum ausfallen. Wir sehen wie ein Mann, an einen Stuhl gefesselt, erst mit Benzin übergossen, dann angezündet und schließlich erschossen wird. Es folgt der Titel und ein Sprung zurück in der Zeit, in das New York des Jahres 1968. Der Schock dieser ersten Sekunden wirkt noch nach, als die Handlung einsetzt und uns jener Mann vorgestellt wird, der den Abzug der Waffe betätigte. Sein Name: Frank Lucas (Denzel Washington).

Nachdem seine letzten Arbeiten in kommerzieller (Königreich der Himmel, Kingdom of Heaven, 2005) respektive künstlerischer Hinsicht (Ein gutes Jahr, A Good Year, 2006) enttäuschten, tritt Ridley Scott mit American Gangster in die Fußstapfen seiner Kollegen Francis Ford Coppola und Martin Scorsese. Zum ersten Mal versucht sich der Brite an einem klassischen Crime-Drama im Stile von Scarface (1983) und Goodfellas (1990).

Der Film schildert die Fakten, soweit sie bekannt sind: Frank Lucas war der erste Schwarze, der im wirklich großen Stil im zuvor von Weißen dominierten Drogengeschäft mitmischte und dadurch Anfang der Siebziger zu einem der mächtigsten Gangster-Bosse der Ostküste avancierte. Zwar hatten sich Afroamerikaner auch schon früher mit der italienischen Cosa Nostra angelegt, aber erst Lucas änderte die Regeln des Spiels nach seiner eigenen Vorgabe. Das Wissen um die Strukturen des Milieus und den Ablauf des Drogenhandels erwarb er sich von seinem Mentor, dem legendären Ellsworth „Bumpy“ Johnson, für den er bis zu dessen Tod 1968 arbeitete. Als sich danach ein Machtvakuum auf Harlems Straßen abzeichnete, sah er seine Zeit gekommen.

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Crowe übernahm die Rolle von Richie Roberts, jenes Polizisten, der Lucas’ illegale Machenschaften aufdeckte und dessen Verhaftung einleitete. Ironischerweise konzentrierte sich Roberts bei seinen Ermittlungen lange Zeit auf andere, bekannte Namen der New Yorker Unterwelt wie den Mafia-Paten Dominic Cattano (Armand Assante). Die Idee, dass ein Schwarzer zum mächtigsten Gangster der Stadt aufsteigen konnte, schien zu absurd. Vermutlich war es genau diese weiße Arroganz, die Scotts Film zwischen den Zeilen immer wieder durchscheinen lässt, welche Lucas erst seine außergewöhnliche „Karriere“ ermöglichte. Er sah sich selbst als Geschäftsmann, der wie jeder ganz normale Unternehmer versucht, seinen Kunden das beste Produkt zum günstigsten Preis anzubieten. Dass er dabei 100%ig reines Heroin in den Särgen gefallener amerikanischer Soldaten aus Südostasien gleich tonnenweise in die USA importierte, schien ihm keinerlei moralische Bedenken zu bereiten. Jedenfalls legt diese Schlussfolgerung das Drehbuch von Steven Zaillian (Schindlers Liste; Schindler’s List, 1993) nahe, das auf einer Reportage des Journalisten Mark Jacobson für das „New York Magazine“ basiert.

Scott inszeniert den Aufstieg und Fall des ersten schwarzen Unterweltkönigs als ein über weite Strecken packendes Katz-und-Maus-Spiel. Während Scorseses Mob-Dramen lediglich für die Mafia Interesse aufbrachten und die Arbeit der Polizei allenfalls streiften, benötigt American Gangster gleichermaßen den „Good“ und den „Bad“ Guy, um zu funktionieren. Anders als Scorseses Goodfellas mangelt es Scotts Film auf Seiten der Gangster schlichtweg an interessanten Charakteren. Kein Paulie, kein Tommy DeVito, kein Jimmy Conway – der von Washington mit einer beängstigenden, fast stoischen Ruhe verkörperte Lucas beherrscht einsam seine Seite der Spielhälfte.

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Scotts Film wechselt dafür fortlaufend die Perspektive, springt von einer Seite des Gesetzes zur anderen. In einem Moment beobachten wir noch Lucas, wie er sich elegant in den höchsten Kreisen der New Yorker Gesellschaft bewegt, nur um in der nächsten Szene in die Niederungen des oftmals wenig spektakulären Polizeialltags hinab zu steigen. Mit zunehmender Laufzeit nähern sich beide Welten jedoch immer stärker an, wird die anfangs strenge Dichotomie aufgegeben, bis sich beide, Lucas/Washington und Roberts/Crowe, von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Das erinnert unweigerlich an Heat (1995) und das Aufeinandertreffen der beiden Superstars Pacino und de Niro. Doch in diesem Fall ist die Schlacht bereits geschlagen. Untermalt vom Kirchen-Klassiker Amazing Grace zeigt Scott, wie das System „Frank Lucas“ kalt gestellt und der Boss abgeführt wird.

Neben dem Fern-Duell zwischen Lucas und Roberts entwirft der Film über immer wieder eingestreutes Archivmaterial und Songs wie Bobby Womacks „Across 110th Street“ ein stimmiges Bild der damaligen Zeit. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre waren die USA in Folge des Vietnam-Krieges eine zutiefst verunsicherte und in sich gespaltene Nation. Korruption war etwas Alltägliches, das Leuten wie Lucas das Leben erleichterte. Nur wenige stellten sich seinerzeit diesem kranken System, in dem drei Viertel aller Beamten des New Yorker Drogendezernats auf der Gehaltsliste des organisierten Verbrechens standen, entgegen. Richie Roberts – und das ist keine Hollywood-Fiktion – war einer dieser letzten Aufrechten. Wie ein gewisser Frank Serpico zog er sich den Unmut seiner Kollegen zu, weil er sich nicht schmieren ließ. Crowe gelingt es, Roberts als einen überzeugten Kämpfer seiner Sache zu portraitieren, der sich wie sein Gegenspieler Lucas klaren Prinzipien – wenn auch anderen – verpflichtet fühlt. Dabei verzichtet der Film auf viele der gängigen Cop-Klischees. Außerhalb seiner Arbeit wirkt Roberts, so wie Crowe ihn darstellt, bemerkenswert hilflos und unsicher.

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Wie schon Scorsese vor ihm, wird sich auch Scott den Vorwurf anhören müssen, er idealisiere einen Mann, der direkt und indirekt für zahllose Morde und Tote verantwortlich ist. Gäbe es nicht die kurzen, eingangs erwähnten Gewaltausbrüche, die Lucas als unbeherrschten Choleriker ausweisen, es fiele tatsächlich leicht, das Blut an seinen Händen zu übersehen. Nur selten konfrontiert uns der Film mit den Konsequenzen, die der selbsternannte Unternehmer („My company sells a product that’s better than the competition at a price that’s lower than the competition.“) zu verantworten hat. In einem dieser raren Augenblicke wird das opulente Thanksgiving-Essen der Familie Lucas dem Elend der Fixer und Süchtigen gegenüber gestellt.

Trotz kleinerer Durchhänger, welche sich gerade im Mittelteil häufen, wo der Film mit weitgehend isolierten Nebenhandlungen wie Roberts Eheproblemen zu viel Zeit vergeudet, muss sich American Gangster keineswegs vor Scorseses Mafia-Epen verstecken. Obgleich er nicht deren narrative Dichte erreicht, punktet er vor allem mit seiner bipolaren Erzählstruktur, die von gegensätzlichen Seiten tief in die Seele einer von Korruption und latentem Rassismus infiltrierten Gesellschaft blickt. Das in Bild wie Ton stilvoll inszenierte Sittengemälde erscheint dabei als überdimensionales Ping Pong-Match, bei dem sich die beiden Hauptdarsteller mit jedem Szenenwechsel geschickt den Ball zuspielen.

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Kommentare


Constantin

Die Kritiken zu diesem Film erstaunen mich immer wieder, denn nachzuvollziehen sind sie für mich nicht. Scotts "American Gangster" plätschert in meinen Augen lasch dahin. Weder wird die Beziehung Lucas zu seinen Brüdern und Cousins vertieft noch die zu seiner Frau. Als Beispiel dafür: Als Lucas und einer seiner Verwandten von den korrupten Cops mit Stoff erwischt werden prügelt Lucas seinen Cousin kurz dermaßen zu Brei, dass man eigentlich erwarten sollte das der Cousin entweder Tod ist oder zumindestens schwer verletzt. In der nächsten Szene sitzt eben dieser Cousin unverbeult (ob ein größerer Zeitsprung zwischen diesen beiden Szenen ist, kann ich nicht beeurteilen) vor seinem Paten und rät ihm in inbrünstiger Loyalität einen Rachefeldzug durchzuführen.
Lucas (Washington) besticht dadurch das er in Szenen, die geradezu nach einer Konsequenz schreien - ein Barbesitzer ,gespielt von Cuba Gooding Jr., verkauft Lucas BlueMagic gestreckt, sitzt Lucas vor dem Barbesitzer und beendet das Gespräch mit einem "Wir verstehen uns!". Konsequenz für den Film: NULL! Warum Crowe diesen seltsamen Saubermann verkörpert ist unerklärlich. Außerdem grenzwertig sind die Auftritte der ganzen HipHop Größen. Common, RZA, T.I. . Was die Jungs in dem Film verloren haben ist mir nicht deutlich geworden. In einer Szene ist RZAs Wu-TANG Tatoo deutlich zu erkennen. Common wirkt als hätte er sich zufällig auf das Set von "American Gangster" verirrt und T.I. der im Ansatz die Rolle eines aufstrebenden Baseballstars verkörpert, beendet im Gespräch mit Lucas seine arrangierte Karriere mit den Worten "Ich will so wie du werden Onkel Lucas!" Washington guckt daraufhin etwas dumm aus der Wäsche und wird von einem seiner Handlanger aus dem Gespräch gerissen.
Skrupel bei Lucas werden über den ganzen Film hin nicht deutlich, müssen sie allerdings auch nicht. Jedoch hätte sich Scott dann auch die seltsamen moralisch daherkommenden Überblenden zwischen dem Thanksgiving Essen der Familie Lucas und den Süchtigen ersparen können. Das Crowe sich währenddessen ein Sandwich bastelt wirkt fast schon lächerlich komisch. Den einsam kämpfenden Polizist kann ich ihm nicht abnehmen.
Es ist erstaunlich wieviele Belanglosigkeiten dieser Film anspricht und nicht zu Ende führt. Alles in allem konnte mich nur Washington überzeugen, der aber irgendwie im luftleeren Raum spielt, da Crowe erst ganz zum Schluss mit ihm in Kontakt kommt. Entäuschend!


axl

finde die kritik von constantin bringt es auf den punkt!

alles in allem ein wenig zu langatmiger toller film aber nicht auf den godfellas blow scarface niveau leider


Orwell

@ Constantin

Ich werde den Film heute abend sehen- nach dem Studium einiger Kritiken bin ich mir allerdings sicher, dass Du den Film nicht verstanden hast.


Schmadel

Ich fand den Film sehr gelungen. Ich bin nicht der Meinung, dass man diverse Szenen/Beziehungen weiter hätte ausleuchten sollen! Die Szene als der aufstrebende Baseballer lieber ein "Gangster" werden will oder die Szene mit Cuba g.J. war genau richtig. Alles wurde gesagt, alles weitere wäre belangloses Gewäsch gewesen. Genau das empfand ich als große Stärke des Films. Und das irgendwelche HipHopper mit dabei waren, hat nun überhaupt nicht gestört.Sie hatten dazu weder die Präsenz noch die Dialoge. Mit einer der besten Filme dieses Genres!


deejay68

leider nicht im kino gesehen, aber fand ihn auch recht enttäuschend. möchte gar nicht so sehr auf die einzelnen szenen und schauspieler eingehen. alleine vom handwerk her wirkte der film zu langweilig. starre schnitte etwa alle 5 sekunden. kaum kamerafahrten, keine überraschungen. man wusste immer sofort, ob es in der beginnenden szene um die eine oder andere seite (des gesetzes) ging. keinerlei auf- und ab, dadurch auch kaum echte spannung. sprich, der film plätscherte förmlich vor sich hin. aber das wurde ja bereits gesagt.


Grettli

Einfach ein gandioser Film über das Entstehen(ein Esel voll Kokain) über das Wachstum (Flugzeugladungen voll Kokain) bis hin zum Fall einer amerikanischen "Firma" ende der 60er. Einer der besten Filme überhaupt!






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