American Hustle

„No more fake shit!“ David O. Russell führt uns das amerikanische Kulturdilemma schlechthin vor.

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Sex ist etwas Echtes. Genau deshalb ist er in American Hustle (2013) nie zu sehen. Erotische Momente bahnen sich des Öfteren an, doch plötzlich: Abbruch, Vertröstung, Verweigerung. Alle Zeichen stehen auf eine schnelle Nummer in der Discotoilette zwischen Hochstaplerin Sydney Prosser (Amy Adams) und FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper). Doch es kommt anders, sie leisten einen Schwur der Enthaltsamkeit bis zum Ende ihres anstehenden Vorhabens, das auf Lügen und Scheinidentitäten basiert. Konsequent befördert sie ihn aus der Kabine. Etwas Echtes kann es David O. Russells Erzählung niemals geben, denn sie ist eine funkensprühende Feier des Falschen.

Erfolgversprechende Anbiederungen an das Amerikanische

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Eine filmische Verbiegung der skandalträchtigen Eckpfeiler der US-Geschichte verheißt im dortigen Preisverleihungs-Treiben oft Belohnung für Film und Filmemacher. Ben Afflecks Argo (2013) hat dies eindrücklich unter Beweis gestellt. Als einziger Beitrag wurde American Hustle, der sich die umstrittene Abscam-Operation des FBI zum Vorbild nimmt, für die Oscars 2014 in den fünf großen Kategorien nominiert. Da mag man im Falle Russells, dessen letzte Filme stets in die engere Auswahl gelangten, durchaus von Berechnung sprechen.

Watergate ist gerade erst überstanden, da folgt 1978 in New York bereits der nächste Skandal. Als Trickbetrüger Irving Rosenfeld (Christian Bale) und seine Partnerin Sydney Prosser bei ihren betrügerischen Geschäftchen auffliegen, müssen sie gemeinsame Sache mit FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper) machen, um verdächtige Politiker hinters Licht zu führen. Voller Tatendrang schwindelt sich das Gespann durch seine Ära und zelebriert einen ausgefuchsten American Way of Life.

Zauber des Falschen, Unerträglichkeit des Echten

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Kein Überleben, keine Glückseligkeit ohne Rollenspiel und Alter Ego. In dieser irrwitzigen Welt, in der Haare mühevoll angeklebt oder eingedreht werden, man ausgiebig über den Geruch des Nagellacks plappert und der Berufsethos kurz und prägnant mit Mikrowellen verglichen wird, hängt alles stets von der perfekten Fälschung ab, ist das Leben immer am Kippeln und in ewiger Unruhe. Eifersucht, Geldgier und Korruption sind hier nonchalant in schillernden Glanz getaucht. Anti-Noir, wenn man so will. Oft lässt Russell schwungvolle Sequenzen und flotte Montagen auf den Zuschauer los, führt seine Figuren durch ein lebhaftes New York voller Restaurants, Partys, Discos und obskurer Hinterzimmer. Auffallend häufig fährt die Kamera an sie heran und ertappt sie bei ihrer Überraschung, ihrem Missmut, ihrer Aufgebrachtheit. Ein Karussell der wechselnden Sympathien, der mäandernden Beziehungsgeflechte, der Unüberwindbarkeit von Falsch und Echt.

Auch musikalisch und requisitentechnisch gehörig im nationalen Fundus herumwühlend, perfektioniert Russell mit diesem unablässigen Hineinsaugen in das illustre Geschehen sein inszenatorisches Geschick, das seine hochgelobten Vorgängerfilme The Fighter (2010) sowie den arg selbstgefälligen Silver Linings (Silver Linings Playbook, 2012) wie Fingerübungen erscheinen lässt. Auch seinem Ruf als Darstellerregisseur wird er mehr als gerecht. Ungebändigt und mitreißend der Cast, der sich analog zu Russells lebhafter Ästhetik unablässig in Bewegung befindet und in ihr aufgeht. Russell zwirbelt ausreichend Blendwerk um die Story, sodass man sich dieser schon mal entziehen kann.

Der Glaubwürdigkeit ins Gesicht spucken

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„Some of this actually happened“, gibt uns eine Einblendung ganz am Anfang zu verstehen. Nur „some of this“? Noch ein Trick, und zwar einer von Seiten der Filmemacher, um sich gewieft der Verantwortung nach getreulicher Wiedergabe zu entziehen, in der das Genrekino so oft zu stehen vorgibt. Lässt sich da gar ein Hauch von Ironie vernehmen? Auch hier möchte man den Authentizitätsanspruch vorgaukeln, doch die Möglichkeit, an irgendeinem Punkt Grenzen zwischen Echtem und Erdachtem zu ziehen, wird im gleichen Moment ad absurdum geführt und im wohligen Schein aufgesogen. Immer wieder vermittelt der Film spöttisch sein geringes Interesse an verifizierbaren Fakten. Wo wir schwerelos durch die vibrierende Eleganz der Bilder gleiten und gemäß allen Genrestandards durch die Erzählung geleitet werden, da ist Authentizität so rar wie eine echte Locke in DiMasos Haarpracht.

Russell bringt grundsolides Unterhaltungskino hervor, das uns für über zwei Stunden einzulullen versteht. Mag die Auflösung des Geschehens am Ende auch einen recht wohlwollenden Eindruck hinterlassen, die Figuren erscheinen nicht annähernd geläutert. Die warmen, in Swing-Musik getauchten Blicke von Irving und Sydney sind vielsagend, in einer Art und Weise, wie wir sie vorher nur zu Beginn des Films entdecken können. No more fake shit? Wer weiß. Zumindest der Nagellack mit seinem künstlichen Duft wird entsorgt.

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Kommentare


ulle

Perfektes Drehbuch, perfekte Ausstattung, perfekte Kamera. Dennoch: Alles ist schon einmal dagewesen. Hätte es Scorses Good Fellas nicht gegeben wäre diese Film eine Sensation, so aber ist er für mich in vielen Bereichen ein filmisches Remake dieses und einiger weiterer Filme oder Szene, deren Aufzählung ich mir erspare. Die Schauspieler großartig, besonders Amy Adams und Jennifer Lawrence. Letztere für mich herausragend. Aber komisch: noch nie haben ich einen Top- Film gesehen, der mich so kalt gelassen hat.


Frédéric

Mir ging es ganz ähnlich, bin dem Film völlig fern geblieben und fand ihn überraschend fad. Ich hab den Eindruck, dass das eine Strategie des Regisseurs ist, immer auf eine Weise absichtlich abzukühlen, die dann aber ihre Wirkung auch nicht verfehlt.






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