Amer - Die dunkle Seite deiner Träume

Der Tod, das Fleisch, der Schnitt, das Blut, die Klinge, der Handschuh, das Leder, das Rasiermesser – Amer nimmt das Giallo-Kino in die extreme Nahaufnahme.

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Was ist ein Giallo? Ein italienischer Whodunit-Splatterkrimi, so könnte man antworten, hätte damit keinen offensichtlichen Fehler gemacht und trotzdem nichts verstanden. Denn obgleich das Genre des Giallo sich die Form des Kriminalfilms überstülpt, geht es darin doch um nichts weniger als um eine nachvollziehbare, glaubwürdige kriminalistische Erzählung. Stattdessen vermittelt sich der Giallo ganz über eine Reihe von Ikonen, von Fetischen, die er mit lustvoller Blutrünstigkeit und kaum verhohlenem Sadismus in Szene setzt: Leder, Stahl, Fleisch, Blut – Farbe.

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»Das ist kein Blut. Das ist rot«, so Jean-Luc Godard einst über Gewaltdarstellung im Kino, und eine ähnliche Form der Abstraktion bringt auch die Hyperstilisierung des Giallo zum Ausdruck. Amer (2009) von Hélène Cattet und Bruno Forzani ist ein Film, der auf diese Abstraktion reagiert: Die Antwort, die er auf das italienische Genrekino der 1970er Jahre liefert, ist keine Tarantino-Antwort. Amer ist auch keine Hommage, und wer vom postmodernen Kino verlangt, dass geekige Stubenhocker immer aufs Neue die eigene Videosammlung verfilmen, der wird vermutlich nicht recht glücklich mit diesem Film werden.

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Eine Narration im engeren Sinne gibt es nicht, an ihrer Stelle steht eine Art Skelettierung des Giallo-Genres in drei Episoden, die drei Phasen im Leben der Protagonistin Ana entsprechen (jeweils gespielt von Cassandra Forêt, Charlotte Eugène Guibeaud und Marie Bos). Zuerst die Kindheit, die erste Begegnung mit dem Tod und der Sexualität: In der Nacht, in der ihr Großvater gestorben ist, wandelt Ana allein durch die scheinbar endlosen Flure des finsteren Hauses, allein in einer noch unvertrauten Welt, machtlos, den kaum verständlichen Geschehnissen ausgeliefert; schließlich die Urszene der miteinander schlafenden Eltern, dunkel, fremd. Dann: die Adoleszenz. Ein Ausflug ins Dorf, irgendwo am Meer, die ersten Schritte ins noch zu entdeckende sexuelle Selbst als Abwege, von der Mutter schließlich bestraft. Eine Motorradgang, böse Jungs, das Bedrohliche und gleichzeitig und gerade deswegen Reizvolle, die Lust an der Gefahr – und stets dazu der Wind, der sich in Anas Haar verfängt, Blicke, Geräusche, Schweiß. Kein Wort zu viel, ohnehin beinahe: kein Wort.

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Schließlich, der letzte Abschnitt dieses meisterhaften Triptychons und die Vollendung der Genreanbindung von Amer: die Rückkehr ins Haus der Kindheit als erwachsene Frau, die Konfrontation mit dem Mörderischen der Sexualität, die Verschmelzung von Eros und Thanatos und somit der Zirkelschluss und die Rückbindung an den ersten Abschnitt. Der Tod, das Fleisch, der Schnitt, das Blut, die Klinge, der Handschuh, das Leder, das Rasiermesser – all dies als Fetisch verstanden und ins Bild gesetzt. So wie Cattet und Forzani ihre generische Narration in diese drei archetypischen Episoden aufsplittern, so konsequent zerschlagen sie auch das Filmbild selbst: Amer verweigert die Außenperspektive ebenso wie die Totale mit ihrem Versprechen einer Orientierung im filmischen Raum. Stattdessen ist er konsequent in einer Folge von Detailaufnahmen arrangiert: ein Genre im extremen Close-up.

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Kommentare


sk

lieber jochen,

ich kann Deinen beobachtungen nur zustimmen - nahaufnahme, abstraktion.
allerdings hatte ich den eindruck, es geht zwar vornehmlich, aber nicht nur um den giallo. gerade der erste part erinnerte mich mehr an das spanische kino, saura, erice, gewissermaßen auch deren nachfolger bis hin zu del toro. ich frage mich, ob die dreiteilung sogar so weit geht, dass es im zweiten teil auch um das französische kino geht und man dann erst im finale sozusagen pur zum giallo vordringt, während er vorher immer in seiner bezüglichkeit gedacht wird.
was meinst Du?
im übrigen schien mir der film ganz bei argentos antonioni-faszination anzuknüpfen, also bei der verknüpfung von europäischem kunst- und genrekino.
und, ja: keine tarantino-antwort. hommage vielleicht doch schon, aber der entscheidende zugang scheint mir wirklich die abstraktion. vermutlich wäre es zu viel, zu behaupten, nur so ginge es, aber an diesem paradebeispiel wird klar, warum die hommage andernorts oft so blutleer endet - weil ihr die distanz fehlt. hier geht das eigene werk gewissermaßen sogar über die vorlagen hinaus.

sascha






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