Amelia

In Mira Nairs biografischer Annäherung an Amelia Earhart wird die herausragende Pilotin zu sehr aufs Private reduziert – und so fast uninteressanter als in ihrem völlig fiktionalen Kurzauftritt in Nachts im Museum 2 (Night at the Museum: Battle of the Smithsonian, 2009).

Amelia

Amelia Earhart ist eine der großen Pionierinnen der Luftfahrt und eine auch darüber hinaus außergewöhnliche Person. Die Amerikanerin war eine der ersten Frauen weltweit, die eine Pilotenlizenz ihr Eigen nannte; als erste Frau überquerte sie den Atlantik in einem Flugzeug, zunächst 1928 als Passagierin und vier Jahre später im Alleinflug – vorher war das nur Charles Lindbergh gelungen.

Auch mehr als siebzig Jahre, nachdem sie im Mai 1937 beim Versuch einer Weltumrundung mit dem Flugzeug über dem Pazifischen Ozean verschollen ist, ist Earhart in den USA noch eine bekannte Person. Das liegt sicher nicht unwesentlich an ihrem Ehemann George P. Putnam, einem Verleger aus New York, der nicht nur ihre Erlebnisberichte herausgab, sondern später auch wesentlich dafür sorgte, dass seine Frau sich durch Vorträge und Bücher im Gespräch hielt. Gleichzeitig konnte er für sie lukrative Werbeverträge sichern – beides war auch für die weitere Finanzierung ihrer Karriere als Pilotin von großer Bedeutung.

Dass die letzten zehn Jahre von Earharts Leben dadurch hervorragend dokumentiert und später ausgedeutet worden sind, kam auch der Regisseurin Mira Nair für ihren Film Amelia zugute. Ihr Drehbuch richtet sich im Wesentlichen nach den bekannten Earhart-Biografien von Susan Butler (East to the Dawn. The Life of Amelia Earhart, 1997) und Mary S. Lovell (The Sound of Wings. The Life of Amelia Earhart, 1989). Gerade für deutsche Zuschauer wird der Film aber dennoch viel Neues bringen, ist Earhart doch hierzulande nur wenig bekannt.

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Für die Besetzung ihrer Hauptrolle hat Nair Hilary Swank gewinnen können, und das ist keine schlechte Wahl. Ein wenig färbt die Star-Persona der zweifachen Oscargewinnerin auch auf ihre Rolle ab, das Image der jungenhaften, starken Frau, das die Darstellerin durch ihre Filme Boys Don’t Cry (1999) und Million Dollar Baby (2004) erhalten hat. Allenfalls wirkt Swank in den Stiefeln einer selbstbewussten, erfolgreichen Frau im Amerika der 1920er, 1930er Jahre etwas zu sicher und leichtfüßig.

Das muss aber noch nicht einmal ihr eigener Fehler sein, sondern liegt zu einem Gutteil daran, dass das Drehbuch die Jugend seiner Hauptfigur völlig ausspart. Auf diese Weise erfährt man als Zuschauer nichts davon, mit welchen Schwierigkeiten die 1897 geborene Earhart zu kämpfen hatte, um überhaupt erst Pilotin werden zu können; dass sie sich durch verschiedene Jobs – sie arbeitete auch als Fotografin, Lastwagenfahrerin und Sozialarbeiterin – ihr erstes Flugzeug selbst finanzierte. Nairs Film aber zeigt Earhart vor allem an der Seite von Putnam und damit in einem Leben, in dem sie als Pilotin anerkannt ist und kaum materielle Sorgen hat – sieht man von der konkreten Frage ab, wie der nächste Rekordflug zu finanzieren sei.

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Natürlich ist diese Perspektive des Films auf seine Protagonistin legitim – jedes Biopic steht vor dem Problem, ein Leben zugleich umfassend darstellen zu wollen und doch nur in Stücken zeigen zu können. Aus den Fragmenten webt der biografische Film dann meist eine Erzählung, die das Leben des Porträtierten auf ein, zwei Themen und Konflikte zuspitzt – eine Form narrativer Beschränkung, die gerade dann notwendig erscheint, wenn das Endergebnis sich an ein Massenpublikum richten und die übliche Spielfilmlänge nicht überschreiten soll.

Nairs Auswahl ist gleichwohl befremdlich, so als wisse sie nicht so recht, welche Themen sie in den Vordergrund stellen möchte. Ein gewisser Schwerpunkt liegt zwar auf Earharts Privatleben und ihrer Beziehung zu George Putnam (Richard Gere); der Film deutet aber nur an, worin die Radikalität und die Schwierigkeiten ihrer Partnerschaft gelegen haben könnten. Beide sahen ihre Ehe als von gleichberechtigten, gleichwertigen Menschen getragen an, aber die Konsequenz, mit der Earhart auch hier ihre Vorstellungen von Freiheit umsetzte und sexuelle Beziehungen mit anderen Männern (und vielleicht auch Frauen) hatte, musste sicher auch zu Konflikten führen – Zeitgenossen haben die Pilotin als durchaus schwierige Persönlichkeit beschrieben.

Amelia

In Amelia werden all diese Konflikte nur angedeutet; Earhart erscheint als strahlende Überfliegerin, der alles leichtfällt, auch das Fliegen in der damaligen Zeit, das der Film im Übrigen weder als technisch noch intellektuell besonders anspruchsvolle Tätigkeit darzustellen vermag. Das führt aber auch dazu, dass das Ende des Films, das von Earharts Verschwinden über dem Pazifik erzählt, weder besonders aufregend noch wirklich tragisch wirkt. Die dramatische Fallhöhe, die das voraussetzen würde, wurde vorher nie hergestellt, Earharts charakterliche wie fachliche Größe wird immer nur behauptet.

Mira Nairs Film neigt insgesamt dazu, weil er eben auch nur in Andeutungen und kurzen Szenen auf Earharts Mühen und Wirkung eingeht, in jenes klassische Modell des Biografischen zu verfallen, in dem Frauenleben vor allem aus dem Kontext des Privaten heraus begreifbar seien und erzählt werden könnten. Dass der Filmtitel nur aus dem Vornamen der Protagonistin besteht, ist dafür sprechendes Anzeichen. Schlimmer aber noch: Weil Amelia alle Konflikte und Schwierigkeiten abschleift, macht der Film seine Protagonistin klein und langweilig – und entledigt sich auf diese Weise eigentlich seiner eigenen Existenzberechtigung.

Trailer zu „Amelia“


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Kommentare


Janosch

Habe den Film in der Sneak gesehen. Das Thema wurde leider umgesetzt, ohne eine wirkliche Dramaturgie oder einen Spannungsbogen zu beachten. Der Film war eher als Romanze angelegt, mit einem Fokus auf die Liebesbeziehung, war aber gleichzeitig sehr vorhersehbar.
Keine Empfehlung!






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