Amador und Marcelas Rosen

Leben und Sterben in Madrid. Fernando León de Aranoas Tragikomödie ist eine neue Variation seiner bisherigen Motive und Formen.

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Zugegeben, die Übergänge sind fließend, doch schon seit einiger Zeit dürfen wir die Blüten eines überaus florierenden nach-nachfranquistischen Kinos beobachten. Die bemerkenswerte Produktivität der Spanier in den letzten Jahren hatte eine ungemeine Ausdifferenzierung im Genre- wie im Arthousekino zur Folge, von Kooperationen mit der südamerikanischen Sprechergemeinde ganz zu schweigen. Doch treten bei aller Vielfalt immer wieder Namen wie Isabel Coixet oder Alejandro Aménabar auf einer Fluchtlinie auf, die bis in die 1980er Jahre zurückreicht und an deren Ausgangspunkt ein junger, ambitionierter Pedro Almodóvar steht.

Dass auch Fernando León de Aranoa diesen historischen Weg kreuzt, wissen deutsche Cineasten spätestens seit Montags in der Sonne (Los lunes al sol, 2002). Thematisch verschreibt sich de Aranoa seit jeher gesellschaftlichen Randfiguren. So auch in Amador und Marcelas Rosen (Amador), der, ebenfalls tragikomisch, vom Alltag der gebeutelten Einwanderin Marcela (Magaly Solier) am Stadtrand von Madrid erzählt. Sie hilft ihrem Freund Nelson (Pietro Sibille), der illegal von Großhändlern gestohlene Rosen verkauft. Ein zusätzlicher Job als Pflegerin des bettlägerigen Amador (Celso Bugallo) soll helfen, die finanzielle Notlage zu überstehen, nachdem ein für die Rosenlagerung notwendiger neuer Kühlschrank besorgt werden muss. Bald schon wird die Pflege des alten Mannes zu einer außergewöhnlichen Lebenserfahrung für Marcela. Amador und Marcelas Rosen wiederholt Motive und Erzählformen aus de Aranoas Werk, ohne dabei im mindesten redundant zu wirken.

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Stärker als in Montags in der Sonne oder Barrio (1998) konzentriert sich de Aranoa auf eine einzelne Person. Wer anfangs glaubt, einen Ensemblefilm mit den beiden titelgebenden Figuren zu sehen, wird nach nicht einmal der Hälfte des Films wohl ziemlich überrascht sein. Amador und Marcelas Rosen löst sich zudem stärker von einem sozialkritischen Einschlag. Dieser bleibt zwar dank der Verortung in den Randbezirken der Metropole und kurzer Fetzen aus Radiobeiträgen im Hintergrund nie ganz absent, doch schon bald tun sich hier vielmehr existenzielle Fragen auf, die aus der Schwangerschaft und Liebeskrise Marcelas und dem bevorstehenden Tod Amadors hervorgehen. De Aranoa macht sich die Kraft der Analogie zunutze, um mit Puzzleteilen und Rosen Parallelen zu Leben und Sterben herzustellen. Amadors einzige Tagesbeschäftigung neben Fernsehen besteht darin, ein nicht ganz einfaches Puzzle zusammenzubauen. Das Leben bestehe gleichermaßen aus Fragmenten, erklärt er seiner neuen Pflegerin, es komme nur darauf an, sie selbst richtig zusammenzufügen.

Aus einzelnen Genreteilen setzt sich schließlich auch der ganze Film zusammen, der fortlaufend zwischen Melodram, existenziellem Drama und schwarzer Komödie changiert. Dabei gelingt es de Aranoa hervorragend, sein Werk nicht in einzelne Scherben zersplittern zu lassen und seine Teile mit einem festen inszenatorischen Bindfaden zusammenzuhalten. Stets wiederholen sich kleine Szenen, die oftmals als Brücken fungieren, so beispielsweise wenn Marcela eine kleine Schüssel mit Amadors Medikation füllt oder bei ihren Besuchen apathisch in ein und derselben Zeitschrift blättert. Diese kurzen Momente werden zu weichen Übergängen, was auch der Erzählweise zugute kommt, die zunehmend flüssig wird und etwas von der doch starken Symbolik abzulenken weiß.

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Dass Letztere nicht allzu aufgesetzt wirkt, liegt auch an de Aranoas sensibler Figurenzeichnung, die sein gesamtes bisheriges Werk auszeichnet. Das Drehbuch offenbart behutsam die Hauptfigur, und Magaly Solier pendelt nuanciert zwischen phlegmatischer Verdrossenheit und einer gewissen Schlagfertigkeit, Unsicherheit und offenem Interesse für den alten Mann. Sie ist auf eine naive Art gläubig, aber nicht dumm. Der Film schafft es somit, weder die komischen noch die melancholischen Passagen ins Überzeichnete oder Pathetische abdriften zu lassen. Etwas später kommt noch der Prostituierten Puri (Fanny de Castro) mehr Aufmerksamkeit zu, was an de Aranoas Princesas (2007) erinnert, der sich mit anderen ästhetischen Mitteln diesem Beruf annähert. In Amador und Marcelas Rosen bleibt die Prostituierte aber weitgehend dramaturgische Stütze und charaktermäßiges Gegenstück zu Marcela.

Mit Amadors Hilfe setzt Marcela Stück für Stück die Teile ihres Lebens zusammen und trifft ihren finalen Entschluss. Dann liegt es an Nelson, die Schnipsel des Briefs richtig zu kombinieren. Die inhaltlichen und formalen Fragmente in Amador und Marcelas Rosen haben sich, genau wie Amadors Puzzle, zusammengefügt zu einem feinen Stück Erzählkino von einem Regisseur, der trotz wiederkehrender Elemente nie auf derselben Stelle tritt.

Trailer zu „Amador und Marcelas Rosen“


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