Am Himmel der Tag

Wie ein Geburtstagslied zur Hölle wird.

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Lara (Aylin Tezel) ist 25, Architekturstudentin, und ihre Vorstellung, was sie eigentlich vom Leben erwartet, ist genau so unscharf wie der Bildhintergrund in den vielen Einstellungen, in denen hauptsächlich ihr Gesicht zu sehen ist. Sie ist nicht nur oft das Bildzentrum, sondern auch Fluchtpunkt jeder Szene des Films. Die vielen Bilder zwischen halbnaher und extremer Detailaufnahme suggerieren einen Raum der Intimität – ganz besonders die Eingangsszene, die dem Zuschauer unmittelbar zwei sich küssende Münder vorsetzt. Bereits hier wird klar ersichtlich, dass Lara ein Genussmensch ist. Alkohol, Drogen, Partys und die gleichgesinnte Freundin Nora (Henrike von Kuick), zu der sie ein auch mal ins Körperliche gehendes inniges Verhältnis pflegt, bestimmen neben dem Studium ihren Alltag. Wenn Nora ihr schließlich während einer durchzechten Clubnacht den heimlichen Schwarm, ihren Dozenten Martin (Godehard Giese), ausspannt, muss eben der Barkeeper für einen Quickie auf der Toilette herhalten – mit Folgen. Was zu Beginn des Films, als sie eine Mutter und ihr Kind fotografiert, für Lara nur im Bereich des Virtuellen erfahrbar ist, wird bald real.

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Wie in Almanya – Willkommen in Deutschland (2011) spielt Aylin Tezel eine ungewollt Schwangere. Doch obwohl sie nicht einmal den Namen des Erzeugers kennt, ist es in Pola Becks Am Himmel der Tag nicht die Frage, ob sie das Kind bekommen will oder nicht, die sich Tezels Figur stellt. Ihr Leben lief trotz der Exzesse bisher in geleiteten Bahnen, schließlich soll Lara einmal das Unternehmen ihrer Eltern übernehmen, die ihr auch schon immer den Lebensunterhalt finanzieren. Dass Lara vor dem Schlafengehen unters Bett schaut, um sicherzugehen, dass sich keine Monster darunter verstecken, ihre unbedarfte Art und die Intonation, mit der sie ihr Umfeld mit direkten Fragen konfrontiert, stellen eines klar: Beck inszeniert ihre Protagonistin als eine junge Frau, die sich trotz ihrer 25 Jahre immer noch als Kind wahrnimmt. Die Mutterrolle eröffnet ihr jedoch ganz neue Perspektiven auf das Leben. Die alte Existenz wird da schnell symbolisch durch das Ausgießen von Schnapsflaschen verabschiedet.

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Eine wichtige Rolle nimmt in der Figurenzeichnung die akustische Ebene ein. Pulsierende Tanzmusik von Trentemøller verdeutlicht das Sich-Treiben-Lassen von Lara und Nora. Dabei begibt sich die Gestaltung der von dieser Atmosphäre geprägten Szenen nie in die Gefilde der künstlichen Überstilisierung. Nicht die Untermalung einer videoclipartigen Montage, wie man es bei dieser Art von Musik erwarten könnte, sondern die Anknüpfung an die Realität der Figuren steht dabei im Vordergrund. Die Musik ist Teil der Lebenswelt der jungen Frauen, wenn entscheidende Szenen sich im Club ereignen oder Lara sich zu Hause die Stereoanlage anmacht. Sie spielt einen Track der Band Timber Timbre und nimmt damit durch dessen Titel „I get low“ auf akustischer Ebene das vorweg, was sich sodann auf der Handlungsebene ereignen wird, wenn sie einen physischen wie psychischen Zusammenbruch erleidet.

Was zunächst recht positiv zu verlaufen scheint, entwickelt sich bald zum Albtraum.  Laras Glück vom Mutterwerden wird einer jähen Zäsur unterworfen. Doch Lara möchte ihr Kind nicht aufgeben, ungeachtet der möglichen Konsequenzen. Durch diese Wendung erhält der Film, der zunächst scheinbar auf das schon oft gesehene Porträt einer jungen, mit dem Erwachsenwerden konfrontierten Generation hinausläuft, dramatisches und existenzielles Gewicht, ohne ins Melodramatische abzudriften. So wie die im ersten Teil durch den Kameraeinsatz erzeugte Distanzlosigkeit keine wirkliche Nähe zu und unter den Protagonisten erzeugte, so bleibt auch die Schwere der neuen Situation verhalten und überlässt dem Zuschauer weiterhin mehr die Rolle des Beobachters als des emotional Involvierten.

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„Du kriegst mich nicht“, schreit ein Kind beim Fangenspielen auf der Geburtstagsfeier von Laras Vater. Bei der Darstellung der Hölle, die Lara durch ihr selbst auferlegtes Martyrium durchlaufen muss, arbeitet die Erzählung mit einer auf den ersten Blick nüchterneren Wiedergabe von Alltagssituationen. Doch durch das Wissen des Zuschauers um Laras tatsächlichen Zustand gerät diese zur extrem bitteren Ironie, was einen sehr intensiven Einblick frei von jeder Rührseligkeit in die Gefühlswelt der Protagonistin ermöglicht. So wurde etwa das gängige Geburtstagslied „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst …“ noch nie so schmerzhaft wahrgenommen.

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Kommentare


sk

schöner text mit genauen beobachtungen. und ein sehenswerter film!






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