Am Hang – Kritik

Wenn Felix und Thomas den Hang hinaufwandern, hat das Publikum in Markus Imbodens Romanverfilmung längst den Überblick.

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Der Mann hat sich nicht unter Kontrolle, das ist schnell klar. Am Hang stellt Felix (Henry Hübchen) als potenziellen Selbstmörder und Mörder vor. Am Bahndamm reißt ihn Thomas (Max Simonischek) in letzter Sekunde vorm Zug weg und wird dafür beschimpft. Wenig später sitzt Felix im Hotelzimmer und lädt einen Revolver. Hält ihn sich an die Schläfe, drückt auf einer leeren Kammer ab. Klick. Dann installiert er am Fenster ein Fernrohr, um ein Gebäude am anderen Seeufer zu beobachten. Abends trifft er Thomas im Hotelrestaurant wieder, der verblüffend arglos bleibt. Dabei liegt die Bedrohlichkeit seines Gegenübers, deren wirkliches Ausmaß in Markus Werners gleichnamigem Roman bis zuletzt offen bleibt, für den Zuschauer schnell klar auf der Hand.

Vergleiche zwischen Vorlage und Verfilmung fallen oft ungerecht aus, weil sie Filme nach literarischen Kriterien bewerten und filmische Aspekte ignorieren. Ein Film als Werk von eigenem Rang ist seiner Vorlage nicht zur Treue verpflichtet. Die Frage, wie er sich zu dieser verhält, kann dennoch aufschlussreich sein – schon weil es ja auch möglich ist und gar nicht so selten vorkommt, dass er dem Stoff filmisch mehr Gehalt abgewinnt. Am Hang ist da ein vertrackter Fall: Er stellt den Roman in einem zentralen Punkt auf den Kopf, was erst mal spannend klingt. Doch hinter dieser beherzten Abweichung steckt ein verzagtes Motiv: nämlich gerade in der filmischen Form wenig wagen zu müssen. Und damit wird er dann schließlich auch dem Stoff nicht gerecht.

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Die Ausgangssituation ist kammerspielartig, aber visuell dennoch reizvoll. Die meiste Zeit sitzen sich die beiden Männer im Hotel gegenüber, trinken viel Wein und reden; zwei Spaziergänge führen sie den titelgebenden Hang hinauf, auf dem Thomas sein Ferienhaus hat. Das Panorama um den Luganersee mit Blick auf ein Kurhotel am anderen Ufer ist nicht nur Ornament, sondern von narrativer wie metaphorischer Bedeutung. Ein genuin filmischer Raum also, weit genug für 90 Minuten.

Doch der Film füllt die meiste Spielzeit mit anderen Bildern. Die Romanhandlung erschließt sich größtenteils in den Gesprächen der Männer, und Imboden illustriert diese in Rückblenden. Diese nächstliegende Möglichkeit hat nur einen Haken: Sie verrät vorzeitig das Ende. Und verschenkt damit einen gerade im Kino erprobten Erzählkniff, den final plot twist, der alles Vorangegangene umwertet. Dieser besteht im Roman, kurz gefasst, darin, dass die beiden Frauen, von denen sich die Protagonisten erzählen – die Ex-Geliebte des einen, die vermeintlich tote Ehefrau des anderen – trotz unterschiedlicher Charaktere dieselbe Person sind.

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Wollte man dies im Film verschleiern, dürfte man diese Frau entweder nicht zeigen oder müsste die Flashbacks irgendwie verfremden, sprich: von einer konventionellen Inszenierung abweichen. Am Hang bleibt jedoch im realistischen Modus und zeigt Martina Gedecks Figur unzweifelhaft als eine Frau zwischen zwei Männern, die von einem „Bettina“, vom anderen „Valerie“ genannt wird. Der Film spielt also mit offenen Karten und rollt den Stoff vom Romanende her auf.

Natürlich ist eine solche Änderung legitim. Die Frage ist nur, welchen Zweck und welchen Preis sie hat. Mit den beiden Protagonisten – dem oberflächlichen Scheidungsanwalt und Frauenhelden Thomas, der nicht an feste Beziehungen glaubt, und dem verbitterten Idealisten Felix, dem seine verstorbene Frau die Liebe des Lebens war – prallen unvereinbare Ansichten über Liebe, Handys, Gott und die Welt aufeinander. Werners Roman hält diese beiden Typen kunstfertig in der Schwebe zwischen Verkörperungen scharfer, fast schematischer Antagonismen und zwei Menschen aus Fleisch und Blut mit je individuellem Erfahrungshorizont. Die späte Enthüllung ihres wirklichen Verhältnisses, erzählt aus Thomas’ Ich-Perspektive, ermöglicht dann das Nachempfinden eines bösen Erwachens, das drei ganze Lebensentwürfe infrage stellt.

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Durch die frühe Einweihung der Zuschauer verschiebt Am Hang die vage Spannung zu klassischem Suspense: Wann merkt Thomas endlich, dass er den rachsüchtigen Gatten seiner Ex vor sich hat? Die Figuren selbst und ihre Verbindungen sind dagegen frühzeitig festgezurrt. Henry Hübchen macht Felix’ Zerrissenheit und Verzweiflung, sein wütendes Brodeln, sehr eindrucksvoll sichtbar. Dass ihm viel aus den teils urkomischen misanthropischen Monologen des Romans gestrichen wurde, ist zu verschmerzen. Schwerer wiegt, dass Felix auch schon in den meisten Szenen mit Bettina genauso eifersüchtig brodelnd auftritt. Von der vermeintlich idealen Liebe der beiden, einer Voraussetzung für die Tragik des Falls, ist so wenig zu spüren.

Martina Gedeck gibt Valerie/Bettina als eine Frau, die auf leicht ätherisch-entrückte Art sowohl Lover wie Ehemann überlegen zu sein scheint – was ihre spätere fatalistische Verzweiflung freilich nicht verständlicher macht. Immerhin gehören Gedeck und ihrem kühl-spröden Spiel ein paar hervorstechende Momente, etwa eine Flirt-Szene mit einem jungen Klavierstimmer in Anwesenheit ihres Mannes, in der die emotionale Spannung zwischen den Figuren einmal weniger über Dialog als über Montage und Blickachsen erzeugt wird. Doch solche Momente bleiben rar.

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Das alles heißt nicht, dass Am Hang nicht funktioniert. Die aufs Funktionieren getrimmte Umsetzung des Stoffes ist es gerade, die den Film zwar leidlich unterhaltsam macht, ihn aber hinter den Gehalt der Vorlage zurückfallen lässt, ohne dass er eine eigenständige, für sich spannende Form findet. Kein aufregend erratischer, sondern ein ermüdend gelingender Film also.

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