Am grünen Rand der Welt – Kritik

Liebeschaos im englischen Idyll. Thomas Vinterberg hat im besten Fall einen Film über die Wirrungen der Liebeskommunikation gedreht.

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Bathsheba Everdene (Carey Mulligan) ist eine ganz besonders moderne Frau; natürlich in der Retrospektion, bezogen auf die englische Provinz im 19. Jahrhundert – und da stellt sich gewiss gleich die Frage, was diese spezifische Modernität sein soll, dass sie uns heute interessieren darf. Führt sie – gemessen an ihrer Zeit – einfach nur ein außerordentlich emanzipiertes Leben, im Sinne einer sozialen Unabhängigkeit vom Mann und einer Rutsch-mir-den-Buckel-runter-Attitüde gegenüber den Verhaltenscodes der Zeit? Ein solcher historisierender Blick in eine sich wandelnde Vergangenheit ist uns geläufig: schlichte Repräsentation sozialer Standards, in die sich deren Negation hineinschiebt; man kann auch als Frau wie ein Mann im Sattel sitzen. Es gibt Momente in Am grünen Rand der Welt, in denen man den Eindruck bekommen kann, dass sich alles um genau dieses einfache Modell dreht, das – man sollte es dazusagen – so einfach ja dann doch nicht sein kann. In der Eröffnungsszene reitet Bathsheba durch die südenglische Landschaft, mal durch den Wald, mal an den Klippen entlang, mal schneller, mal langsamer, ohne konkrete Richtung, dafür durch alle möglichen Lichtstimmungen hindurch, mal tagsüber, mal mitten in der Nacht; die kurvige Streicher-Musik hält das alles irgendwie zusammen, und im Hintergrund darf sogar ein Regenbogen in den Himmel schießen.

Liebesviereck

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Diese Szene zeigt schon, wie universell – oder: wie wenig historisch – Thomas Vinterberg das Motiv der Freiheit, der Unabhängigkeit, der Emanzipiertheit anlegt. Da geht es nicht einfach um eine Frau, die macht, was sie will, die sich ohne soziale Fußfesseln durch Raum und Zeit bewegt, sondern darum, dass sich diese Bewegung Raum und Zeit selbst untertänig macht. Dieser Ritt führt nicht einfach durch den Raum, durch Wald und Wiesen, und durch die Zeit, durch Tag und Nacht. Er führt Raum und Zeit vielmehr zusammen, nach eigenem Ermessen und Belieben. Gabriel (Matthias Schoenaerts) sieht ihr aus der Ferne zu, er schleudert ihr den ersten Liebesblick entgegen, der sich aber sogleich verliert, wenn sich Bathsheba rücklings in den Sattel legt. Ob sie ihm ausweicht, oder ob der Liebesblick erst in dem Moment zu einem solchen wird, in dem er sein Objekt verliert, ist freilich nicht zu beantworten; darin liegt der Gag der Szene und auch der schwülstige Kitsch, der sich irgendwie sogar ertragen lässt. Solche Blicke auf Bathsheba wird es viele geben, angesichts ihrer Verehrer: mindestens drei an der Zahl. Da gibt es noch den steinreichen Gutsbesitzer William Boldwood (Michael Sheen) und den adretten Offizier Troy (Tom Sturridge) – allesamt werden sie ihr Heiratsanträge machen; und je mehr sich Bathsheba im Liebesviereck zurechtfinden muss, desto mehr verschlampt sich auch der Film selbst im Plot-Geflecht, von dem dann tatsächlich nicht ganz klar ist, wen das überhaupt interessieren soll.

Liebe für ein Klavier

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Eine flüchtige Umschau in der Männerkollektion des Films genügt natürlich, um zu erraten, wer am Ende das Rennen machen wird; das ist ja auch völlig in Ordnung. Nur: Wozu die altbackene Klamotte, wozu der Ballast längst vergangener Gesellschaftssysteme und lange überwundener  Liebesallianz-Zwänge? Diese Frage führt zurück zur ersten: Was ist das Moderne an Bathsheba jenseits des Makroskopischen, des Makrohistorischen? Warum soll uns – man darf diese naive Frage stellen – ihre Grenzen sprengende Erscheinung heute interessieren? Am grünen Rand der Welt hat auf diese Frage vielleicht eine Antwort, wenngleich eine zaghafte, schüchterne, unsichere. Immer wieder, aber auch immer weniger im Verlauf des Films, scheint Vinterberg zu beschäftigen,  wie sehr das ganze Liebesproblem abhängt von den Formen, durch die es kommuniziert wird. Nicht umsonst muss man gleich zu Beginn leise auflachen, wenn der Schäfer Gabriel ganz unvermittelt und scheinbar ohne große Erwartung seinen Antrag formuliert. Liebeskommunikation – später macht Williams Angebot dann die Probe aufs Exempel – ist zuallererst ein Aufzählen der eigenen Vorzüge; sie ist von der ersten Sekunde an Verhandlung. Ist es nicht sinnvoll, mich zu lieben, wenn ich dir im Gegenzug ein Klavier in Aussicht stelle? Beide Männer scheinen maßlos überzeugt von der Sprengkraft dieses Arguments.

Ein echter Romantiker

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Eine Zeit lang macht es durchaus Freude, den beiden zuzuschauen, vielmehr zuzuhören, wie sie nach adäquaten ökonomischen Äquivalenzverhältnissen suchen, um der Dame des Herzens ihre Liebe abzuringen. Es macht so lange Freude, wie es dem Film gelingt, das Liebesviereck als (teilweise nicht unironisches) Kommunikationsgefüge auszuleuchten. Der Dritte, der Offizier Troy, hat deshalb zunächst einmal die besten Karten, weil er keine Rechnungen anstellt, weil er die Liebe fordert, ohne selbst etwas in die Waagschale zu legen. Seine Sprache ist anmaßend, unverbindlich. Er ist der Romantiker unter den Herren, nicht aufgrund seiner Liebhaberskills, sondern weil er das Sprechen hinter sich gelassen hat. Seine Vertrauenswürdigkeit beweist er Bathsheba, indem er mit dem Degen vor ihrem Gesicht rumfuchtelt, nicht durch das Aufzählen seiner Wertanlagen. Die beiden anderen können was lernen von ihm: Sie bekommen auch noch eine zweite Chance, sie dürfen ihren Antrag nochmal umformulieren. Solange Am grünen Rand der Welt derart lesbar bleibt, als ein Film über den Siegeszug des einen Kommunikationscodes über den anderen, trägt er auch über den Kitsch hinweg; sobald das aber abbricht, beginnt die Kostümparty auch schon zu stören.

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