Am Ende kommen Touristen – Kritik

Während der „schwarz-rot-geilen“ Fußball-WM drehte Robert Thalheim seinen zweiten Spielfilm – in Auschwitz. Vor dem Hintergrund von Stadt und Gedenkstätte entspinnen sich ein Kino der kleinen Gesten und Annäherungen und eine vorsichtige Liebesgeschichte.

Am Ende kommen Touristen

In der polnischen Stadt Oswiecim mit dem weltbekannten deutschen Namen gibt es eine Jugendbegegnungsstätte. Wer sich dort mit einer Schulklasse oder Reisegruppe einquartiert und die Umgebung erkundet, ist erst einmal überrascht über das Alltägliche an diesem so gründlich geschichtsverseuchten Ort, über die normalen Sorgen des Postsozialismus oder einfach die harmlose Schönheit eines blühenden Sommertages in Birkenau. Robert Thalheim hat als 19jähriger die Zivildienstzeit hier verbracht und seine Erfahrungen nun als Grundlage für seinen zweiten Langfilm nach dem vielgefeierten Debüt Netto (2004) genutzt.

Am Ende kommen Touristen zeigt treffend die Atmosphäre der Stadt: die kleinen Lebensmittelläden, die gitarrenlastigen Rockmusikkonzerte mit dem vielen Bier, die öde Plattenbausiedlung und die ländliche Idylle drumherum, schließlich der regelmäßige Strom der Touristenbusse, die das „Auschwitz Museum“ ansteuern. Dort werden Postkarten mit Bildern der Krematorien verkauft, und die Betroffenheit, die man vielleicht bereits bange auf der Fahrt nach Polen erwartet hat, stellt sich selbst hier nicht unbedingt auf Kommando ein. Das tut sie unvermittelt oder erst viel später.

Am Ende kommen Touristen

Am Bahnhof von Oswiecim findet sich auch Sven (Alexander Fehling) mit seinem Rollkoffer wieder. Die attraktive Zivildienststelle in Amsterdam wurde ihm kurzfristig abgesagt, übrig blieb ein Platz in der Begegnungsstätte von Auschwitz. Aber auf eine Konfrontation mit der Geschichte ist Sven nicht wirklich vorbereitet, und der alte Mann, den er betreuen soll, macht es ihm auch nicht leichter. Denn Krzeminski (Ryszard Ronczewski) ist ein ehemaliger KZ-Insasse, der sein Leben der Erinnerungsarbeit gewidmet hat. Er repariert Artefakte aus dem Lager – die zahllosen Koffer der Vergasten – und wird selbst zum Artefakt, wenn er vor Schul- und Lehrlingsklassen vom Holocaust erzählt und misstrauische junge Männer die eintätowierte Nummer auf seinem Arm prüfen lässt. Krzeminski will keinen deutschen Zivi um sich haben, der auf ihn aufpassen soll, und das lässt er Sven spüren. Auf dessen Hilfe angewiesen ist er dennoch.

Die schwierige Beziehung zwischen dem alten Überlebenden und dem jungen Deutschen bildet nur einen der locker gewebten Erzählstränge des Films. Denn Sven verliebt sich in die Dolmetscherin Ania (Barbara Wysocka), die Touristen durch das Lager führt. Während Sven es sich noch leisten kann, unbedarft und etwas orientierungslos ins Leben hineinzutreiben, hat Ania sich zielstrebig für ein Stipendium in Brüssel beworben. Wie so viele ihrer Generation sieht sie ihre Chance nur außerhalb Polens. Ania, ihr widerspenstiger Bruder Krzysztof (Piotr Rogucki), Krzeminski und dessen warmherzige Schwester Zofia (Halina Kwiatkowska) sind Figuren, denen die polnischen Schauspieler scheinbar mühelos eine große Glaubwürdigkeit verleihen. Nur Sven/Alexander Fehling ist der Fremdkörper im Realismus und im Plot. Den gesamten Film über bleibt er merkwürdig konturlos und steif. Die Befangenheit, die die Rolle mit sich bringen soll, legt Sven ebensowenig ab wie die meist schlechtgelaunte Miene. Die Figur, die als Projektionsfläche für den ganz normalen deutschen Jugendlichen möglichst offen angelegt ist, ist leider auch ein echter Langweiler.

Am Ende kommen Touristen

Natürlich ist Robert Thalheim unbedingt zugute zu halten, dass er seine Geschichte gerade nicht dramatisch aufplustert, keine Musiksauce über Auschwitz gießt und keine großen Versöhnungsgesten zelebriert. Dazu ist der Regisseur glücklicherweise zu intelligent und das Budget auch zu gering. Der Film stellt keine Behauptungen auf, er bleibt bei den kleinen Beobachtungen, beim offenen Ende und damit auf dem sicheren Terrain des Alltagsrealismus im deutschen Kino. Das mag man angesichts der endlosen Geschichts-Melodramen endlich einmal angemessen finden. Thalheim reichen einige von Roman Polanskis Der Pianist (2002) geliehene Requisiten, um die KZ-Welt ohne Pathos bildlich werden zu lassen: das sind die Berge an Koffern, die die Ermordeten zuvor ordentlich mit ihren Namen beschriftet hatten. Aber ein bisschen mehr Verve und weniger Blässe hätte man der Hauptfigur schon gewünscht und dem gegenwärtigen deutschen Kino vielleicht auch einmal einen anderen, gewagteren visuellen Zugang als den ständigen dokumentarischen Gestus.

2002 übrigens entstand die französisch-deutsch-polnische Koproduktion Birkenau und Rosenfeld auf dem Gelände von Auschwitz-Birkenau. Die Regisseurin Marceline Loridan-Ivens hatte die Drehgenehmigung, die normalerweise für Spielfilme – und so auch für Thalheim – verweigert wird, erpresst, indem sie drohte, sich an das Lagertor zu ketten. Als ehemaliger Auschwitz-Häftling gehöre dieser Ort auch ihr. Im Film stoppt eine von Anouk Aimée gespielte Holocaust-Überlebende bei einer Fahrt ums KZ abrupt den Wagen, um an einem Schild, auf dem „Auschwitz Museum“ steht, das Wort „Museum“ durchzustreichen – ein ganz persönlicher, vitaler Protest gegen die Musealisierung der Vergangenheit. Thalheims Sven ist kein Protestler und kann es auch nicht sein. Dennoch lässt auch er sich am Ende auf die mitunter verwirrende Gleichzeitigkeit von Geschichte und Gegenwart ein. Er tut dies mit kleiner Geste – ganz so, wie es seine Art ist. Und die von Am Ende kommen Touristen.

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