Altman – Kritik

Der kanadische Dokumentarfilmemacher Ron Mann bietet mit Altman einen so kompakten wie liebevollen Blick auf Werk und Leben des großen Nonkonformisten des amerikanischen Kinos.

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Die Liste von Kino-Dokumentationen über namhafte Filmregisseure/innen ist nicht allzu lang (zumindest wenn man nur eigenständige Werke betrachtet und von DVD-Bonusmaterial absieht). Heart of Darkness: A Filmmaker’s Apocalypse (1991) über die strapaziösen Dreharbeiten von Apocalypse Now (1979) mag einem da einfallen, auch Final Cut: The Making and Unmaking of Heaven’s Gate (2004), der die schwere Geburt von Michael Ciminos kinematografischem Kraftakt Heaven's Gate (1980) nachzeichnet. Aus jüngerer Zeit erinnert man sich vielleicht noch an eine gelungene Dokumentation über Woody Allen (2011).

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In diesem überschaubaren Feld legt der kanadische (Dokumentarfilm-)Regisseur Ron Mann nun eine filmische Würdigung Robert Altmans ab, jenem großen Nonkonformisten und Satiriker des amerikanischen Kinos, der 2006 im Alter von 81 Jahren starb. Der Film ist in Episoden aufgeteilt, an deren Beginn jeweils ein Weggefährte Altmans – unter anderem Elliot Gould, Julianne Moore und Paul Thomas Anderson – den fiktiven Lexikonbegriff „Altmanesque“ definieren soll. Nach einem kurzen Ausflug in Altmans Kindheit in Kansas City springt der Film schnell zu dessen Anfängen bei Werbefilm und Fernsehen und arbeitet dann chronologisch seine filmische Laufbahn ab. Immer wieder wird dabei schon in den Anfangstagen Altmans stoischer und unnachgiebiger Charakter sichtbar. Vom Set seines ersten Spielfilms Countdown (1968) wird er noch vor der Fertigstellung von Studioboss Jack Warner höchstpersönlich verwiesen. Begründung: „This fool has two actors talk at the same time.“ Innerhalb der streng reglementierten Inszenierungsschemata Hollywoods zu verharren war für Altman nie eine Option. Er habe, so sagt er, von Anfang an einen realistischeren, weniger gekünstelt wirkenden Zugang gesucht, mit dem er die amerikanische Realität, wie er sie sah, filmästhetisch darstellen konnte.

(Korrektur-)Arbeiten am amerikanischen Selbstbild

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Und vielleicht wäre es bei diesen heute vergessenen Arbeiten geblieben, hätte Altman nicht bereits zwei Jahre später mit der Vietnamkriegssatire M.A.S.H. (1970), seinem dritten Film, einen künstlerischen wie kommerziellen Triumph gefeiert, der ihm die Goldene Palme in Cannes einbrachte und zur Initialzündung für eine lange Karriere wurde. Bei der Bebilderung und Nacherzählung eben jener Laufbahn bedient sich Mann einer Mischung aus Archivfotos, Auftritten in Fernsehshows, Filmmaterial von diversen Dreharbeiten und Ausschnitten der jeweiligen Filme, die dann wahlweise von Altman selbst oder engen Weggefährten kommentiert werden. So entsteht ein Porträt, das gleichzeitig intime Einsichten ins Private gibt und seriöse Rückschau auf Altmans Werk ist.

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Die Akzente setzt Altman relativ erwartungsgemäß bei den 1970ern sowie den vereinzelten Höhepunkten der 80er und 90er wie etwa Secret Honor (1984), The Player (1992) und Gosford Park (2001). Viele interessante Aspekte werden so zwangsläufig übergangen, zum Beispiel eine genauere Betrachtung der etwas sperrigeren Altman-Filme wie Images (1972) oder Three Women (1977). Dass die Dokumentation in ihrer Struktur – anders als Altman selbst bei seinen Filmen – auf Nummer sicher geht und im dramaturgischen Aufbau am Konsens der Altmanforschung entlang manövriert, gerät allerdings kaum zum Nachteil. Im Gesamteindruck ergeben die angenehm kompakte Gestaltung sowie die relativ kurze Spielzeit von Altman ein flüssig inszeniertes, rundes Gesamtbild – wenn auch keines, das den Versuch unternimmt, sich Altmans Nonkonformismus auch mit den ästhetischen Mitteln des Dokumentarfilms anzunähern. Seine einzigartigen Episodenfilme Nashville (1975) und Short Cuts (1993) wie auch seine Entmystifizierungen amerikanischer Genres und Mythen wie etwa The Long Goodbye (1973) und Buffalo Bill & The Indians (1976) werden dafür durch die Vielzahl der präsentierten Materialien sehr gekonnt in einen breiten Kontext zwischen Biografie, Produktionsnotiz und filmhistorischer Einordnung gestellt.

Vom alten Hollywood zum amerikanischen Autorenfilm

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So zeichnet Ron Mann das Bild eines unbeugsamen Individualisten, der zwar zu Hause wie am Filmset eine familiäre Atmosphäre kreiert, ansonsten aber mit stoischer Überzeugung seinen Weg geht. In der Tat ist der Werdegang von Robert Altman ein relativ singulärer: Zwar gehörte er in seiner bedeutendsten Phase neben Scorsese, Coppola, Rafelson und Cimino zu den Protagonisten des New Hollywood, doch war Altman einer früheren Generation zugehörig als die jungen Bilderstürmer und hatte sein Handwerk ganz praktisch innerhalb des starren, konservativen Fernsehsystems der 1950er erlernt – und nicht ein Jahrzehnt später an einer Filmhochschule wie etwa Coppola und Scorsese, als sich die counterculture auf ihrem Höhepunkt befand.

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Er selbst habe sich eigentlich nie verändert, sagt Robert Altman an einer späteren Stelle des Films, angesprochen auf seine zwischen kommerziellen Misserfolgen und Oscar-Nominierungen changierende Karriere. Er sei stets seinen Weg gegangen, und so hätten sich der Publikumsgeschmack und seine Filme von Zeit zu Zeit ästhetisch und politisch überschnitten, um sich danach wieder auseinander zu bewegen. Altman erzählt das ohne jegliche Bitterkeit und mit dem breiten Grinsen desjenigen, der alles erlebt hat: vom schillernden Triumph in Cannes über die faktische Ignoranz, die ihm Hollywood in den 1980ern entgegenbrachte, bis hin zur späten Würdigung durch einen Ehren-Oscar. Dass nun noch eine solche liebevolle Widmung in Form dieser Dokumentation hinzukommt, ist nur zu begrüßen - wenn auch eher als historische Quelle und als Eintrittstür in das Werk Altmans denn als eigenständiges Film-(Kunst-)Werk.

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