Als wir träumten

In einem rasant geschnittenen Coming-of-Age-Film folgt Andreas Dresen einer Gruppe von Jungs, die im Nachwende-Leipzig um ihre Individualität und immer wieder auch ums Überleben kämpft.

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„Es gibt eine Art von Prosa, die will nicht verfilmt werden“, sagt Wolfgang Kohlhaase, und mit diesem Wissen hat er einen Roman für die Leinwand adaptiert, der das unbedingt will. Offenbar besonders von Andreas Dresen, der mit Als wir träumten einen Film abgeliefert hat, der wenig von der gewohnten Ruhe und Bedächtigkeit des Regisseurs in sich trägt, sondern die Zuschauer unvermittelt am Schlafittchen packt und ruppig mit sich reißt.

Revolutionäre Pubertät

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Auf mehreren Zeitebenen entfaltet sich die Geschichte einer engen Freundschaft von fünf Jungs, die als „gute Pioniere mit eigenen Zielen“ den Sozialismus aufbauen sollen und denen dann die pubertäre Rebellion von der gesellschaftlichen um sie herum in Form des Mauerfalls vorweggenommen wird. Plötzlich ist unklar, wogegen man kämpfen soll und noch wichtiger, wofür. Die fünf halten sich also aneinander fest, abgewandt von Politik, und definieren ihre eigenen Kategorien für das richtige Handeln in einer Welt, die für sie über die Grenzen von Leipzig hinaus kaum mehr zu existieren scheint und schon gar nichts bereithält. Der Wunsch, aufzubrechen, scheitert an der Frage, wohin.

Immer mit Zigarette im Mundwinkel streift die Clique durch die geisterhaften Straßen eines leerstehenden Leipzig und lässt Wut und Freude gleichermaßen an dem Besitz anderer Menschen aus, dessen Definition im plötzlich einbrechenden Kapitalismus von den Jugendlichen nicht eingeordnet werden kann und will. Ihre Technoleidenschaft fängt Dresen filmstilistisch auf und jagt seine Protagonisten zu schnellen Schnitten, harten Lichtwechseln und wummernden Beats durch die Szenen, auch wenn sie sich gerade nicht in dem von ihnen aufgezogenen Club befinden.

Fünf Männer und ein Sternchen

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Die üblichen Figurenklischees in Coming-Of-Age-Konstellationen sind zwar erkennbar, bleiben aber angenehm dezent. Der trotzige Starke, der verquere Brillenträger, der sanfte Riese, der Anführer und sein Schützling: Ihr Schicksal erscheint noch nicht vorherbestimmt, in unerwarteten Wendungen lösen sie sich aus ihren Ursprungsrollen oder scheitern in ihrem Wunsch danach mit körperlicher und moralischer Kapitulation. Die Dynamik innerhalb der Gruppe befindet sich so in einem ständigen Wandel und schwankt zwischen Loyalität, Abhängigkeit und Abgrenzung. Julius Nitschkoff baut für die am klassischsten angelegte Figur des trotzigen Boxers eine Fassade auf, hinter deren hart erarbeiteter Ruhe immer der nächste Ausbruch lauert, während Hauptdarsteller Merlin Rose in seiner Figur Melancholie, Aggression und Angst immer wieder eindringlich aufeinanderkrachen lässt.

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Zu beklagen, dass es in dem Film kaum Frauen gibt, wäre müßig – beklagen muss man allerdings, wie die Frauen dargestellt werden, die dann doch in dem Film vorkommen. Neben hilflosen Müttern und verzweifelten Hausfrauen gibt es nur eine zentrale weibliche Figur, und die bleibt leider immer nur Symbol. „Sternchen“ nennen sie die Jungs, ihren richtigen Namen erfahren wir nicht. Hilflos und verzweifelt ist auch sie und dazu Objekt großer Sehnsucht des zentralen Helden, der mit der Fähigkeit, bedingungslos zu lieben, schon als kleiner Pionier seine größte Stärke beweist. Sternchen ist sein Traum, und auch wenn Dresen es offensichtlich versucht hat, kann er darüber hinaus keinen Menschen aus ihr machen. Zu hölzern sind ihre Dialoge, zu einseitig ihre Ohnmacht, und Ruby O. Fee hat kaum eine Chance, dem viel entgegensetzen.

Gespaltene Träume

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Die Sprache in der Clique hingegen bleibt mit ihren sparsam eingestreuten historischen Referenzen immer eine lebendige und transportiert die große Spanne an Emotionen, die sich von Optimismus über Zweifel und persönliche Enttäuschung bis hin zu totaler Desillusion erstreckt, die die Freunde nach der Wende durchleben. Dass niemand mit Dialekt spricht, mag zwar zu anfänglicher Irritation führen, verdeutlicht dann aber nur umso mehr, dass es nicht darum geht, ein Milieu möglichst geschichts- und ortsgetreu nachzubilden, sondern es mit den speziellen Merkmalen der Zeit als Rahmen zu benutzen, um eine Geschichte zu erzählen, die damit korreliert, aber trotzdem universell ist. In der zerrissenen ehemaligen DDR, wo die einen mit allen Mitteln ihr Stück vom Kapitalismus erobern wollen, während die anderen der sozialistischen Idee nachtrauern und die Gewalt vor der Haustür mit der Volksmusik im Fernsehen übertönen, werden die inneren Konflikte der Pubertät für die Helden verstärkt. Inmitten dieser ideologisch gespaltenen Gesellschaft haben sie es noch schwerer, ihren Platz zu finden, doch die große Herausforderung der Jugend, zu entscheiden, wohin man seine Träume lenkt, ist nicht DDR-spezifisch, genauso wenig wie das starke Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit, die nur Freunde bieten können, die schon genau zu wissen scheinen, wer man ist.

Trailer zu „Als wir träumten“


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