Als das Meer verschwand – Kritik

Blühende Obstbäume, sattgrüne Hügel und tiefschwarze Familiengeheimnisse verschränkt der Neuseeländer Brad McGann in seinem Debütfilm. Eigentlich ein etwas abgestandener Mix, der unweigerlich an Rosamunde Pilcher erinnert. Aber spannend und kunstvoll kombiniert, entfaltet die Verbindung einen frischen Geschmack.

Als das Meer verschwand

Dass nichts ist wie es scheint, wird bereits in den ersten Bildern des Films klar. Ein Mädchen liegt auf den Gleisen, man hört einen Zug nahen. Die Kamera beugt sich über ihr Gesicht, das Geräusch wird immer lauter, sie schließt die Augen. Doch es ist nicht der Zug, der über sie hinweg rollen wird, sondern nur dessen Schatten. Sicher liegt das Mädchen auf dem benachbarten Gleis und der Tod muss warten. Im Zug aber sitzt ein Fremder, der den seidenen Faden, an dem ihr Leben hängt, auf eine Zerreißprobe stellen wird. Der Auslöser der Krise ist Paul (Matthew Macfadyen), ein Mann Anfang vierzig mit traurigem Blick. Nach 17 Jahren Abwesenheit kehrt er in seine neuseeländische Heimat, eine Kleinstadt am Fuß der schneebedeckten „Southern Alps“, zurück, um dem Begräbnis seines Vaters beizuwohnen.

Paul wird reserviert empfangen. Die Treffen mit seinem jüngeren Bruder Andrew (Colin Moy) und seiner Jugendliebe Jackie (Jodie Rimmer) sind unbeholfen, nervös und spannungsgeladen. Durch seinen britischen Akzent zusätzlich verstärkt wirkt Paul wie ein Eindringling aus einer anderen Welt, der das Gleichgewicht derjenigen zu stören droht, die ihn seit seinem Weggang abgeschrieben haben. Eine ehemalige Lehrerin ausgenommen scheint sich niemand wirklich über das Wiedersehen zu freuen. Und auch Paul selbst will schnell wieder weg, zurück zu seinem gewohnten Leben als vielbeschäftigter Kriegsfotograf. Als die Lehrerin ihm eine Stelle in der örtlichen Schule anbietet, entscheidet sich Paul doch noch ein wenig zu bleiben und richtet sich in einem abgelegenen Häuschen ein, das seinem Vater einst als Rückzugsort diente. In diesem Häuschen trifft er auf die siebzehnjährige Celia (Emily Barclay), die sich, wie früher auch Paul, dort verkriecht, um zu schreiben und Musik zu hören. Die beiden freunden sich an. Erst später erfährt Paul, dass Celia die Tochter seiner Exfreundin Jackie ist.

Als das Meer verschwand

Die Hütte des Vaters und die aufkeimende Freundschaft zu Celia, ein statischer, erinnerungsschwerer Raum und die neugierigen Fragen eines wissensdurstigen Teenagers bringen schließlich die Geschichte ins Rollen: Wer sind die einzelnen Figuren, warum stehen sie in gestörter Beziehung zueinander und wie sind sie zu den gebrochenen Personen geworden, die sie heute sichtlich sind? Nach und nach fügen sich Bilder aus der Vergangenheit explikativ in die der fortlaufenden Gegenwart ein und formen an einer kaleidoskopartig verzerrten Vorahnung. Überall lauern Anzeichen für die Katastrophe: Hier eine Rotweinlache auf weißem Teppich, die an Blut erinnert. Dort die gespenstische Ehefrau von Andrew (Miranda Otto), eine Doppelgängerin der auf bisher ungeklärte Weise verstorbenen, streng puritanischen Mutter der beiden Brüder. Jede Kleinigkeit und jede zeitliche Drehung sortiert die einzelnen Bildsplitter neu, mehr und mehr schält sich ein erkennbares Ganzes aus der Anhäufung der zunächst lose verbundenen Situationen heraus.

So zerklüftet die Geschichte und grausig ihre Abgründe auch sein mögen, inszenatorisch folgt alles äußerst ruhig seinem Lauf und legt eine Harmonie offen, die angesichts der vielen Zeitsprünge und Details alptraumhaft befremdend wirkt. Lange bevor sich am Schluss die Fakten zusammenfügen, verbindet Regisseur Brad McGann von Anfang an die unterschiedlichen Sequenzen durch eine ausgeklügelte, kontinuitätswahrende Montage. Nach dem Prinzip des unsichtbaren Schnitts, unter Verzicht auf effektvolle Schreckmomente verschmilzt McGann die verschiedenen Zeitebenen fast unmerklich miteinander, zum Beispiel durch eine sich drehende Schallplatte, dem Ziehen eines Kajalstrichs oder den Anblick altvertrauter Landschaften, vor deren Hintergrund vergangene Ereignisse wieder vergegenwärtigt werden. Pauls Wahrnehmung führt dabei durch die einzelnen Etappen des Geschehens und liefert einen kausalen Zusammenhang, der nach der Logik des Traumas funktioniert: Die Erinnerung setzt nicht ohne visuelle oder akustische Stimulation ein, im anschließenden Flashback wird das Verdrängte nochmals durchlebt.

Als das Meer verschwand

Zwar setzt bei Paul durch die Konfrontation mit seiner Kindheit und Jugend ein Heilungsprozess ein, dafür verfangen sich andere Figuren umso mehr in den Fallstricken der Vergangenheit. Am Schluss des Filmes liegt die ganze Wahrheit enthüllt da und der deutsche Titel des Films Als das Meer verschwand erhält für diese fernab der neuseeländischen Küste angesiedelte Geschichte seinen Sinn: Die Nebel des Thrillers lösen sich auf, die anhaltende Ebbe gewährt einen unverstellten Blick auf den nackten Grund. Was bleibt, ist die Wüste eines Familiendramas. Mit viel technischer Finesse bringt Brad McGann die fährtenreichen Verstrickungen der Romanvorlage des neuseeländischen Erfolgsautors Maurice Gee (In My Father’s Den, 1972) sicher ins Trockene und inszeniert einen spannenden ersten Spielfilm, der sich auf die Stärke seines Mediums konzentriert, die Montage.

 

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DP

Zwei Dinge möchte ich - wenn auch spät - hinzufügen bzw. anmerken: Paul Prior ist erst Anfang/Mitte dreißig, da er mit 17 von zu Hause weg ist (und 17 Jahre lang weg war) und der deutsche Titel des Films "Als das Meer verschwand" bezieht sich auf die Kurzgeschichte von Celia, die den zweiten Preis beim Schreibwettbewerb einer Regionalzeitung (Teil der Filmhandlung) damit gewonnen hatte.






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