Alpen

Um eine mysteriöse Vereinigung, deren Mitglieder sich nach den Bergen der Alpen benennen, geht es im neuen Film von Yorgos Lanthimos. Ihre Spezialität sind makabere Reenactments. 

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Ein Mädchen hat sich in ein Tennisdress geworfen und steht ihren neuen Eltern gegenüber. Die Schuhe passen überraschenderweise wie angegossen, der Schläger liegt dagegen noch etwas ungewohnt in der Hand. Dann folgt die Generalprobe: Das Mädchen kommt gerade vom Tennistraining. Es setzt sich seinen Eltern gegenüber und erzählt noch etwas holprig, wie es seine Gegnerin besiegt hat. Der Vater fragt, ob es etwas trinken möchte und als das Mädchen verneint, weist er es darauf hin, dass seine Tochter nach dem Training immer viel Wasser getrunken hat. Also gehorcht das Mädchen und versucht weiterhin seiner Rolle gerecht zu werden.

Es dauert eine Weile bis man dahinter gestiegen ist, um was es der seltsamen, nach den Alpen benannten Vereinigung im neuen Film von Yorgos Lanthimos eigentlich geht. Die vier Mitglieder sind nach Bergen benannt. Das Mädchen mit dem Tennisdress heißt etwa Monte Rosa und arbeitet zusätzlich als Krankenschwester. Jedem, der im Sterben liegt und noch eine Familie hat, entlockt sie triviale Informationen wie ihren Lieblingsschauspieler. Die gibt sie dann Mont Blanc, dem autoritären Anführer der Gruppe, weiter. Denn die Alpen haben sich auf eine morbide Form von Nachstellungen spezialisiert.

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Alpen (Alpis) weist zahlreiche inhaltliche Parallelen zu seinem Vorgänger Dogtooth (Kynodontas, 2009) auf. Wieder geht es um eine Dystopie, in der ein natürliches menschliches Verlangen pervertiert wird. Dogtooth schilderte, wie die Sehnsucht nach Sicherheit in beängstigenden Fanatismus umschlagen kann. Ein Vater isoliert seine Kinder vollständig von der Außenwelt und macht aus einem elterlichen Schutzbedürfnis heraus Garten und Haus zum Gefängnis auf Lebenszeit.

Alps erzählt nun davon, wie der Schmerz, den man durch den Verlust eines geliebten Menschen erfährt, künstlich unterdrückt wird. Durch eine Imitation der Verstorbenen soll den Familien und Ehepartnern der Übergang in die Einsamkeit erleichtert werden. Das ist so absurd wie es klingt. Einer schlechten Schultheaterinszenierung gleichend geben die Alpen charakteristische Sätze der Toten wie Roboter wieder und stellen Schlüsselerlebnisse nach. Die Aufgabe einer falschen Tochter beschränkt sich einmal nur darauf, in ihrem Zimmer laut Musik zu hören, damit der Vater ihr sagen kann, sie solle nicht so einen Lärm machen. Wie in Dogtooth geht es um ein Mädchen, dass in einer Scheinwelt lebt und sich schließlich gegen deren Regeln auflehnt. Und erneut wird diese introvertiert undurchsichtige Rebellin von Aggeliki Papoulia dargestellt. Geändert hat sich nur ihre Haarfarbe.

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Sogar die Schwächen der Filme sind sich sehr ähnlich. Häufig wirken Szenen zu sehr darauf gebürstet, möglichst skurril zu sein. Wenn Monte Rosa etwa eine Kanadierin beim Trennungsstreit und anschließenden Liebesspiel ersetzen muss oder die Alpen Scharade spielen, ist das so betont unbeholfen dargestellt, dass es fast zum Kalauer wird. Dass solche Momente derart stark heraus stechen, liegt auch an dem sehr dünnen narrativen Faden des Films. Die meiste Zeit ist Alpen eine Aneinanderreihung von Situationen, die im schlimmsten Fall so kalkuliert und thesenhaft wirken wie ein Gedankenspiel nach dem Was-wäre-wenn-Prinzip. Die überwiegend langen statischen Einstellungen, deren Kompositionen immer ein wenig verschoben wirken, unterstreichen diesen Charakter noch.

Mitunter steckt in der formalistischen und kühlen Eigenheit des Films aber auch seine Faszinationskraft. Konsequent verweigert Lanthimos etwa dem Zuschauer einen emotionalen Zugang zu Monte Rosa. Dass sie einen schweren psychologischen Schaden hat, ist klar. Keine Aufforderung ist ihr zu erniedrigend und die morbide Mimikry ist nicht nur ihr Job, sondern scheint einem inneren Drang zu entspringen, im Grunde gar ihr emotionales Leben zu ersetzen. Warum das so ist, lässt der Film allerdings im Unklaren. Kein psychologisches Erklärungsmuster soll es dem Zuschauer in dieser Hinsicht einfacher machen. Es geht hier schließlich auch weniger um die Menschen, als um eine Idee.

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