Alphabet

Erwin Wagenhofer meint es gut.

Alphabet 07

Dass Erwin Wagenhofer (We Feed The World, 2006; Let’s Make Money, 2008) den Globus gerne in die Metapher vom Organismus klemmt, davon zeugt schon seine Ikonografie: Sein neuer Film Alphabet beginnt mit einer Ultraschallaufnahme eines Babys im Mutterleib. Anschließend sehen wir starre Naturkompositionen, unberührte Landschaften, die Wüste oder ein Gebirgsmassiv. Über diese Bilder legt sich emphatisch eine Rede von Sir Ken Robinson, einem für seine Expertise in Sachen gesellschaftlicher Entwicklung immerhin geadelten Bildungsguru. „We do have this extraordinary power, I mean the power of imagination“, so heißt es gleich zu Beginn und leitet bereits ein in den poetischen Überbau, den Wagenhofer als Formmodell für sein dokumentarisches Projekt wählt. Der Schöpfungsmythos aber, selbst wenn man ihn nicht biblisch lesen muss, wenn er also nur ein wie auch immer geartetes Heute mit einer x-beliebigen Nullstunde menschlicher Genese kurzschließt, birgt schon die erste Fragwürdigkeit seines Anklageprogramms. Der Mythos als narrative Rahmung und der Organismus als Gleichnis seiner Weltsicht liefern mit Sicherheit hübsche Bilderreigen, es lässt sich auf dieser Grundlage jedoch kaum, und wenn, dann nur im Modus eines dahinplätschernden Anthropomystizismus argumentieren, und das ist auch nur die offensichtlichste und exemplarischste Verirrung einer grundsätzlichen Geisterfahrt durch das Dokumentarfilmgenre.

Alphabet 13

Nachdem Wagenhofer mit We Feed The World auf die irrationalen Unsinnigkeiten in der Massenproduktion von Lebensmitteln aufmerksam machte und mit Let’s Make Money gehörige Globalisierungs- und Kapitalismuskritik leistete, kulminieren nun in Alphabet, der auch als Schlussprojekt einer Trilogie begriffen werden soll, zwei wesentliche Angriffspunkte dieser beiden Filme. Dieses Mal geht es um Bildung und Erziehung, um Babys und Schulkinder, tabulae rasae, wenn man so will, auf die das System – und zwar in erster Linie nicht ein konkretes Schulsystem, sondern das kapitalistische System an sich, das sich schlichtweg auch die Bildung kommensurabel macht – mit voller zerstörerischer Wucht eindrischt. Dabei ist es schon interessant, wie der Filmemacher zu denselben Argumenten zurückfindet, die er bereits zuvor ausgeführt hatte. Bildung heißt, ähnlich wie in der kapitalistischen Wirtschaft, Leistungssteigerung und Gewinnmaximierung. Kurz: Erziehung im Interesse des Systems. Aufschlussreicher ist hingegen das andere Argument, jenes aus We Feed The World, das der Verschwendung und der Herabwürdigung wertvollen Gutes zum Abfallprodukt.

Alphabet 09

Als Abfallprodukt gilt alles Unprüfbare. Kreative Talente, Fantasie, charakterliche Anlagen. Alles, was sich dem Diktat der Erwartungshorizonte widersetzt, darf nicht gefragt werden und wird somit nicht gefördert. Dieser Aspekt einer Bildungskritik, die Verschwendung von Generationen, scheint zunächst eine vielversprechende Hypothese für einen Dokumentarfilm zu liefern, vorerst vielversprechender jedenfalls als das alte Lied von der konformistischen Abrichtungsideologie, die, so sehr sie auch aus guten Gründen anzuklagen ist, sich in Wagenhofers Film doch nie von der bloßen These ablöst, die sich selbstgenügsam erwiesen fühlt, sobald einem Schüler im Schulbus die Augen zufallen.

Alphabet 02

Aber auch dieser fruchtbare Gedanke, der nicht nach dem Warenwert des Menschen fragt, sondern nach all dem, was sich diesem nicht fügt, verliert sich immer wieder in Vereinfachungen. Da gibt es zum Beispiel die schale Kontrastierung eines kleinen, alternativ erzogenen Mädchens, das höchst wissbegierig nach den Blumen greift, die es umgeben, mit den Teilnehmern eines Wirtschaftswettbewerbs, steife Anzugträger natürlich, klassische Flipchartfetischisten. Eine Säuglingsstudie aus den USA wird herangezogen, um ein für allemal den Beweis zu erbringen, dass Kinder schon im fünften Lebensjahr zu kompetitivem Verhalten neigen: Das System hat gewonnen, so einfach ist das. Nicht zu vergessen natürlich: die anthroposophischen Spuren, die sich durch die Argumentation ziehen, die geologischen Weltbezüge, der botanische Humanismus („Der Mensch ist eine Frühlingsblume“).

Alphabet 05

Fragwürdig aber sind nicht die Argumente, vielmehr ist es die Argumentation an sich. Die Bild-Ton-Montagen, die Erzähldramaturgie und die Auswahl derjenigen, die zu Wort kommen, behaupten eine Selbstverständlichkeit und Unwiderlegbarkeit, die jeden Diskurs über das Thema unterbinden. Dass sich Wagenhofer selbst nie zu Wort meldet, weder auf der Bild- noch auf der Tonspur jemals Präsenz zeigt, ist hier reine Fadenscheinigkeit. Mehr noch: Alphabet erzeugt auf formaler wie inhaltlicher Ebene derart auktoriale Meinungsüberschüsse, dass es geradezu deplatziert wirkt, wenn man sich als verantwortlicher Poet auf der Seitenbühne versteckt hält. Wagenhofer meint es gut, aber letztlich bleibt er ein Meinender, dem man auch vor der Filmsichtung schon zustimmen kann. An einer Stelle des Films heißt es – und dieser Satz ist quasi die Headline von Alphabet –, dass 98 Prozent aller Kinder hochbegabt zur Welt kämen. Nun: Was sagt uns dieser Satz, außer dass man nach dieser hypothetischen, weil freilich nicht messbaren Generalisierung des Genies einen Film über die übrigen 2 Prozent drehen sollte?

Trailer zu „Alphabet“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Jan

Tolle Kritk. Danke!


ulle

Danke für diese hervorragende Kritik auch meinerseits. Wagenhofer ist m.E. ein Manipulator, der all die unerfahrenen, dünnbrettbohrenden Gesellschaftskritiker in Deutschland befriedigt, die einfache Antworten mögen -und genau das ist sein eigenes , zynisches Businessmodell . Wagenhofer spielt auf der Klaviatur der Verschwörung des Kapitals gegen die Menschheit, ist aber selbst gar nicht in der Lage seine eigene Schwarz/ Weiss Welt zu reflektieren. Ästhetik ersetzt Inhalt und Argumentation.


Bernhard Trautvetter

„Manager, denen es so sehr um Leistungsorientiertheit geht, dass ihnen alles andere 'egal' ist, sind Ergebnis einer Sozialisation, in der etwas schief gelaufen ist. Der ökonomische Blick, der die Konkurrenzgesellschaft schon in die jungen Köpfe von SchülerInnen trägt, zerstört in der Tat Kultur. Und er bedroht die Zivilisation, die davon lebt, dass die Menschen gerne leben, dass sie motiviert sind, zusammen zu leben, dass sie lernen, etwas Wertvolles für die Gemeinschaft tun zu können und das auch zu wolen. Ein Film, der dem Mainstream des Neoliberalismus widerspricht, ist ein Hoffnungsschimmer. Wir brauchen ein Bewusstsein, das darauf abzielt, alles dafür zu tun, dass die Menschheit zu einer zukunftsfähigen Kultur des Zusammenlebens findet.“ (Tippfeher bereinigt)


Mark Schliesing

So sollte Kritik öfter sein - sich mich den Argumenationslinien eines Films auseinandersetzen und sich auch trauen, zu sagen, wenn der Kaiser keine Kleider hat. Habe das bei anderen Rezensionen zu diesem Film bisher vermisst.

Dennoch muss ich auch einen Fehler hinweisen: Wenn ich mich recht entsinne stammt die "98%-Aussage" nicht von Herrn Hüther, sondern von Ken Robinson. (Im Film wird sie auf Englisch vorgebracht, daher meine Annahme).


Lukas Stern

Lieber Mark, vielen Dank für deinen Kommentar und deinen Hinweis, der tatsächlich berechtigt ist. Ich habe mich beim Rekapitulieren wohl vom letzten Satz aus dem Trailer in die Irre führen lassen, in dem Herr Hüther nahezu das selbe behauptet.

Interessanterweise ist dieser Eyecatcher jedenfalls von den Plakaten verschwunden. Er wurde durch "Angst oder Liebe" ersetzt.


Aurora

Ich verstehe leider nicht, warum in dieser Filmkritik statt auf den durchaus sehr gesellschaftsaufrüttelnden Inhalt, eher nur Wagenhofers Technik kritisiert wird. Natürlich ist Wagenhofer für seine Arbeit mit extremen Kontrasten und subjektiv geprägten Filme bekannt, aber das macht ja auch den Stil und die Authentizität eines jeden Regisseures aus. Ob man den Stil mag, bleibt jedem selbst überlassen und ist auch wieder eine subjektive Frage. Ich würde die vereinfachte Darstellung von Klischees in diesem Film im Übrigen eher als eine von Wagenhofer indendierte Provokation ansehen, deren Wirkung im Text des Autors sichtbar wird. Zudem halte ich die Diskussion, ob Wagenhofers Meinungen schwarz-weißer als andere Meinungen sind, für lächerlich.
Statt immer alles kritisierbare zu kritisieren, würde ich es für sinnvoller halten, wenn Autoren ihre Energie auch für Lösungsansätze zu verwenden wüssten.


Lukas Stern

Liebe Aurora,
vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich verstehe Ihren Reflex gegen eine Kritik um der Kritik willen sehr gut; dennoch möchte ich meinen Text gegenüber dieser Anschuldigung verteidigen. Eine Trennung von Inhalt und Form (sie nennen es Technik) lässt sich meines Erachtens im Film (und auch im Hinblick auf seine Analyse oder Bewertung) nicht aufrechterhalten. Inhalt rekurriert immer auf eine Form und Form bringt umgekehrt auch immer Inhalt hervor. Im Dokumentarfilm ist diese Verschränkung vielleicht etwas komplexer oder auch versteckter, jedoch scheint sie mir dort ebenso gegeben zu sein und umso notwindiger hervorzuheben. Ich stimme Ihnen vollkommen zu, dass das Thema des Films "sehr gesellschaftsaufrüttelnd" ist, meines Erachtens genügt sich der Film allerdings nur darin, in eine gesellschaftsaufrüttelnde Wunde zu stoßen. Er argumentiert auf eine Weise - und das versucht mein Text anzusprechen -, die an eine Beweisführung im juristischen Sinne erinnert und das ist (denke ich) weniger eine Stilfrage, über die sich streiten lässt, als vielmehr eine Programmatik, die man kritisieren muss. Wagenhofer erhofft sich vom Medium Film, seine Meinungen zu einer absoluten Wahrheit gerinnen zu lassen, durch die Menschen, die er zu Wort kommen lässt (andere Menschen kommen notwendigerweise nicht zu Wort), durch die Zahlen, die er vorlegt (auch andere Zahlen könnte man auf den Tisch legen) und durch die anthroposophischen Überhöhungen, die all das auf ursprüngliche Naturzusammenhänge zurückführen wollen. Wie Sie diese Dinge als subtile Provokationen lesen können, müssten Sie mir genauer erklären; ich finde in diesem Film nicht den geringsten Anhaltspunkt für diese Lesart.
Ihre letzte Aufforderung lässt mich etwas ratlos zurück: Geht es Ihnen um Lösungsansätze für einen besseren Film (mein letzter Satz enthält schließlich sogar einen solchen, wenn auch polemisch) oder geht es Ihnen um Lösungsansätze bzgl. des Bildungsproblems (das ließe sich im Zuge einer Filmkritik schwerlich meistern, mein persönlicher Lösungsgedanke würde aber über das "Bilder-Malen" hinausgehen, um auch hier mit einer Polemik zu enden)? Ich freue mich über Antwort.


Schulze

Voll süss, wie hier argumentativ gewettert wird.
Filmkritik als Formfetisch - könnte fast als logische Konsequenz des Inhalt des Filmes thematisiert werden.
Film in seiner ursprünglichsten Intention als Ausdruck, als Mittel, als Vehikel
ist dann wohl nur was für.....Weicheier, Manipulatoren, Entmannte, Zweifelhafte....
Ihre Kritik wird die Welt nicht einen winzigen Hauch verändern.
Der Film hat das sehr wohl.


Frédéric Jaeger

Klar, darunter geht es nicht: Welt verändern. Wer's glaubt, schluckt vermutlich auch die Loslösung des Ausdrucks (wovon eigentlich?) von den Mitteln des Ausdrucks, weil ein Film als Vehikel "ursprünglichst" sein soll. So ahistorisch wird doch wohl kein Manipulator sein?






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.