Alois Nebel

Unheilvolle Schatten im Neo-Noir-Universum. Tomás Lunáks Animationsfilm widmet sich einem Antihelden inmitten der Samtenen Revolution.

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In Zeiten des politischen Umsturzes gibt es keine Gewissheit mehr. Während 1989 in Berlin die ersten Menschen vom Osten in den Westen strömen und auch in Prag, unter der Regierung von Václac Havel, der Eiserne Vorhang fällt, zeichnet sich der kommende Wandel im tschechischen Dorf Bílý Potok nur an einigen, von den Bewohnern kaum registrierten Radiomeldungen ab. Hier sucht auch der Bahnwärter Alois Nebel (Miroslav Krobot) Halt, indem er alte Fahrpläne mantraartig rezitiert. Bevor der introvertierte Sonderling für die Zukunft bereit ist, muss er erst einmal mit den Erinnerungen klarkommen, die ihn als grellweiße Blitze immer wieder heimsuchen. Es sind Erinnerungen, die fast ein halbes Jahrhundert zurückreichen, bis hin zu einem traumatischen Erlebnis, das sich in der Übergangszeit von einem repressiven Regime zum nächsten zugetragen hat.

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Tomás Lunák vollzieht in seinem ersten Langfilm einen Schritt in die Vergangenheit. Inhaltlich, aber auch, indem er an die Tradition des reichen tschechischen Animationskinos anknüpft. Alois Nebel ist eine Adaption der gleichnamigen Graphic Novel von Jaroslav Rudiš und Jaromír Švejdík und bedient sich bei der Umsetzung des sogenannten rotoskopischen Verfahrens. Ähnlich wie Richard Linklaters Waking Life (2001) und A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm (2006) wurde der Film zunächst mit Schauspielern gedreht und anschließend, einem digitalen Abpausen gleich, in ein künstliches Szenario verwandelt. Die Folge sind realistisch anmutende Bewegungsabläufe, aber auch Tiefe und Detailreichtum in den düsteren schwarzweißen Bildern. Es ist durchaus beeindruckend, wie ausgeklügelt hier mit einer scheinbar endlosen Vielfalt an Grautönen ein Neo-Noir-Universum heraufbeschworen wird, in dem unheilvolle Schatten regieren. Etwas schade ist jedoch, dass die finstere Atmosphäre, mit der sich Lunák detektivisch zu dem folgenreichen Ereignis zurückarbeitet, durch die Liebesgeschichte mit der schrulligen Klofrau Kveta (Marie Ludvíková) künstlich aufgehellt wird. Die Vorliebe für niedlich skurrile Figuren merkt man dem Film immer mal wieder an. Eine warmherzige Matrone als Allheilmittel in einer unbeständigen Welt wirkt jedoch wie ein kurzzeitiger Zuckerschock.

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Alois Nebel stilisiert zwar seinen Schauplatz, entfernt sich aber zugleich nie zu weit von der Wirklichkeit. Das mag auch dem Stoff geschuldet sein. Wenn historische Ereignisse im Kino behandelt werden, geht der häufigste Weg über eine realistische Darstellung. Dafür sind jedoch Animationsfilme, die sich nicht nur einer, sondern auch der Geschichte widmen, nach wie vor eine Seltenheit. Von der Familie Miyazaki sind mit The Wind Rises und Der Mohnblumenberg aktuell etwa zwei solcher Filme erschienen. Man sollte den historischen Bezug in Alois Nebel allerdings nicht überbewerten. Das Ende des Zweiten Weltkrieges – ein Motiv, das auch für die deutschen Co-Produzenten attraktiv gewesen sein mag – und der Beginn der sowjetischen Besatzung sowie die Embryonalphase der Tschechischen Republik bleiben Eckdaten in einer Handlung, die vor allem von einem genretypischen Rachemotiv angetrieben wird. Böse dreinschauende Parteifunktionäre sind für den Film somit in erster Linie als Antagonisten interessant, und der Schritt in die Vergangenheit bleibt eine vorwiegend ästhetische Entscheidung.

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Alois Nebel nutzt ein altes Animationsverfahren mit neuer Technologie. Er zitiert einen historischen Stil, bleibt dabei aber doch immer Produkt der HD-Generation, die dem Zuschauer jedes Detail klar präsentieren will. Lunák hat zwar einen Film gemacht, der unheimlich düster daherkommt, zugleich aber so gestochen scharf ist, dass selbst der Ausflug des Protagonisten in die urbane Gosse noch so steril wirkt, als befände man sich in einem Kreißsaal. Da ist die Skepsis des Antihelden gegenüber der Zukunft doch sehr viel ausgeprägter. Bemerkenswert ist, dass Alois ein völlig unrevolutionäres Verhältnis zu politischen Veränderungen hat. Da entstehen schön paradoxe Momente, wenn sich der gesellschaftliche Wandel plötzlich nicht mehr mit dem persönlichen Glück vereinbaren lässt. Das Ende der deutschen Besatzung beispielsweise bedeutet auch den Abschied des geliebten Kindermädchens, und der Niedergang des Sozialismus fällt für den Protagonisten mit Jobverlust und Einweisung in die psychiatrische Anstalt zusammen. So ist der Film dann am interessantesten, wenn das, was für das Volk gut ist, noch lange nicht für den Einzelnen gut sein muss, wenn jede Veränderung eben auch ein möglicher Verlust ist.

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