Almanya – Willkommen in Deutschland

Eine Fahrt in die alte Heimat Anatolien wird für einen deutsch-türkischen Familienclan zur aufwühlenden Reise in die Vergangenheit. Eine Mischung aus Komödie und Drama mit einem differenzierten Blick auf Türken in Deutschland.

Almanya 01

„Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen.“ Mit diesem Zitat von Max Frisch beschließen die deutsch-türkischen Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli ihren Debütfilm. Und dieser eine Satz fasst auch das Anliegen zusammen, das die beiden mit Almanya verfolgen. Sie spielen zwar noch wie 2006 in der TV-Serie Türkisch für Anfänger, bei der sie am Drehbuch mitarbeiteten, mit deutschen und türkischen Stereotypen. Aber anstelle der immergleichen Gags über Kopftücher, Döner und Dackel treten hier die Menschen hinter den Stereotypen hervor. Menschen, die ab 1961 aus der Türkei nach Deutschland kamen und dort ein neues Zuhause fanden.

Der türkische Rentner Hüseyin und seine Frau Fatma sind frischgebackene Deutsche. Stolz zeigt sie die neuen Pässe der Familie, während er zerknirscht daneben sitzt. Beim Abendessen verkündet Hüseyin, in der Heimat Anatolien ein Haus gekauft zu haben und mit der gesamten Familie im Kleinbus dorthin reisen zu wollen. Während dieser Reise in die Vergangenheit erzählt die – heimlich schwangere – Enkelin Canan ihrem sechsjährigen Cousin Cenk die Geschichte des Clans: wie Hüseyin Anfang der 1960er Jahre als 1.000.001 sogenannter Gastarbeiter in die Bundesrepublik kam und erst nach Jahren Frau und Kinder nachholen konnte; wie die Kleinen sich anfangs vor dem am Kreuz hängenden Jesus gruselten, bald aber auch Weihnachten feiern wollten.

Yasemin und Nesrin Samdereli entfalten diese Geschichte nicht linear, sondern mit vielen Zeitsprüngen und einer komplizierten Struktur. Während die Familie bei der Reise in die Türkei ihre Wurzeln sucht und gleichzeitig mit den Problemen der Gegenwart ringt, wird die Geschichte der ersten Einwanderer-Generation in Rückblenden erzählt. Eine sehr filmische Erzählweise.

Almanya 05

Bei den Rückblenden finden die Filmemacherinnen ein einfaches Mittel, das Problem der Zweisprachigkeit zu umgehen: Sie verzichten zwar auf Untertitel und lassen die Türken Deutsch sprechen. Dafür aber legen sie den Deutschen eine von Charlie Chaplins Der große Diktator (The Great Dictator, 1940) inspirierte Fantasiesprache in den Mund. Der Trick ist simpel, seine Wirkung frappierend: So fühlt es sich an, in einem fremden Land nur Bahnhof zu verstehen!

Im ersten Drittel allerdings findet der Film noch keinen eigenen Ton und Rhythmus. Zu sehr wirken einzelne Szenen wie Stückwerk. Vor allem die Gastauftritte von Axel Milberg oder Katharina Thalbach sind gequälte Gag-Paraden, die die Geschichte nicht voranbringen. Hier scheint doch noch die Erzählweise von Türkisch für Anfänger durch.

Auch verfestigt sich bei einigen deutschen Zuschauern vielleicht der Eindruck, der Film würde Konflikte verharmlosen. Wird die Unterdrückung der Frau im Islam denn hier gar nicht thematisiert? Wo bleibt die Stellungnahme zu Zwangsehen? Bildungsmisere, Arbeitslosigkeit, Gewalt – unter dem Eindruck der Debatten der jüngsten Vergangenheit mag man erwarten, der Film müsse all diese teils vorurteilsbehafteten Themen abarbeiten. Er streift sie aber höchstens. Und gerade deshalb wird aus Almanya doch noch ein guter, ein wichtiger Film. Denn er weitet den Blick endlich wieder und macht ihn offen für die ganze Bandbreite türkisch-deutscher Immigrationsgeschichte.

Almanya 06

Das Drehbuch findet mit Beginn der Reise der Familie den Schlüssel dazu. Mit einer mutigen Wendung, die hier nicht verraten werden soll, gewinnt die Geschichte an emotionaler Wucht und wandelt sich zu einer Meditation über Zeit und Vergänglichkeit, Tod und Verlust, Glaube und Heimat. Universale Themen also, die hier jenseits kultureller Identität einen Resonanzraum finden. Damit findet der Film auch die Kraft und Glaubwürdigkeit, der ersten, „goldenen“ Generation türkischer Einwanderer ein Denkmal setzen zu können – und eine dezidiert positive Sichtweise auf sie einzunehmen, wie sie in dieser Form zum ersten Mal im deutsch-türkischen Kino zu sehen sein dürfte.

Der Blick in die Vergangenheit bereitet den Boden für das gefühlvoll gestaltete letzte Drittel des Films. Yasemin und Nesrin Samdereli fassen die Generationengeschichte in einem Bild zusammen, in dem Vergangenheit und Gegenwart symbolisch verschmelzen und ein Kreis sich schließt. Die erste, zweite und dritte Generation der Familie steht vereint an einem Grab in der Türkei. Hier liegen ihre Wurzeln. Bis auf einen werden sie aber alle nach Deutschland zurückkehren. Nach Hause also. Mit dieser Reflexion über Heimat und Zuhause leistet Almanya einen wichtigen Beitrag dazu, Migranten als Teil Deutschlands zu begreifen, der längst schon nicht mehr wegzudenken ist.

Trailer zu „Almanya – Willkommen in Deutschland“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Rudolf

Genial, mein Wunschtraum, eine Weihnachten und Ostern überbietende intelligente Erzählung.(Weihnachten spielt eine wichtige Nebenrolle im Film!)Leider ist die Wirklichkeit oft anders, wenn Araber Türken verachten und ihnen absprechen richtige Muslime zu sein, wenn sie nicht vollkommen nach islamischen Gesetzen leben oder...Türken und Palästinenser die wenigen Restdeutschen in meinen Hauptschulklassen gemobbt haben... Unbedingt ansehen. Ab Mitte März im Kino! Schön wäre, wenn sich möglicht viele Anatolier darin wiederfinden könnten, so wie es viele Darstellerinnen und Darstellern soeben nach der Vorführung getan haben, und mitlachen könnten. Wir wären Jahre weiter!


Martin Zopick

Der Film schafft es in sehr humorvoller Form das Verständnis der Deutschen für die türkischen Mitmenschen und umgekehrt zu vertiefen. Dabei spielt er mit Clichés und Vorurteilen und das immer mit viel Empathie für beide Seiten. Es wird sehr genau hingeschaut und hingehört, wie die eine Volksgurppe auf die andere wirkt. Dabei kommt ein Integrationsprozess in Gang, in dem am Ende türkische Deutsche bzw. deutsche Türken stehen. Die einzelnen Stufen der Annäherung sind gut nachvollziehbar, was zu einem gemeinsamen Lachen führt, weil sich jeder wiedererkennen kann.' Wenn sie Deutsche werden wollen, müssen sie zweimal in der Woche Schweinefleisch essen, in einen Schützenverein eintreten und Tatort gucken.' Bemerkenswert ist die sprachliche Umsetzung der Fremdartigkeit. Hier hört der Immigrant ein akustisches Kauderwelsch, eine Kunstsprache, die besonders beim Weihnachtslied eindrucksvoll gestaltet ist. Im Verlauf der Handlung kommen dann allgemein menschliche Probleme zur Sprache: z.B. Schwangerschaft und auch der Tod. Aus der Sicht der Kinder werden ernsthafte Phänomene erklärt, wie z.B. die Frage nach dem Aufenthaltort des verstorbenen Großvaters: 'Er ist verdampft'. Und auch das Haus, das er in der Türkei gekauft hat, ist noch nicht bewohnbar. Es muss noch fertiggebaut werden. Ein Symbol für die deutsch-türkische Freundschaft. Ein gelungener Beitrag zur Völkerverständigung.


H. Weigel

Die Fremde und Almanya: Kontraste? Sicher zwei Filme, die die gesamte Bandbreite des Lebens zwischen Traditionalismus und Integration zeigen.
Die Fremde - eine archaische Tragödie, Almanya - eine Komödie die Oberflächlichkeit verlässt: Gutes europäisches Kino!


Peter Proxy

Schaue ich auf die oft sehr kritischen Rezensionen von critic.de zurück, teilweise zu allgemein hochgelobten Filmen, fällt mir die lediglich zaghafte Kritik an diesem Film auf. Entweder es handelt sich um einen sehr, sehr guten Film oder die Kritik richtet sich an der politischen Ideologie des Rezensenten aus. Ich hoffe, ersteres ist der Fall, vermute aber, dass das letztere eher den Tatsachen entspricht.

Ich werde es sehen ...


DieHeldin

Ich war sehr enttäuscht von diesem Film. Die fünf guten Witze kannte ich aus der Vorschau. Die restlichen Witze wirkten gequält und aufgesetzt.
Der Film blieb absolut oberflächlich. Keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich habe den Eindruck, die Autorinnen wollten zu viel und raus kam nichts. Keine der Figuren (trotz teilweeise guter Schauspieler) ist mir ans Herz gewachsen, die Handlung wirkte zerhacktstückt.
Ich finde die Gastarbeiter hätten auch aus Italien stammen können, es hätte keinen Unterschied gemacht. (Außer die Witze über die Religion)
Die Schwestern arbeiten mit dem Holzhammer, was bei mir zu spontanem Brechreiz führte. ("Man soll nichts von Kindern kaufen, das unterstützt Kinderarbeit. -Meinst du die Eltern schicken sie gerne arbeiten?", Danke, ich habe verstanden.)
ICh hoffe, es wird bessere Filme über dieses Thema geben.


Zoltan

Ich denke der Film wird der Problematik, welche er auf eine lustige Art und Weise zu beschreiben versucht, in keinster Art und Weise gerecht. Da gibt es Komödien, die mit weniger Klischees und deutlich mehr Tiefgang diese Thema (Migrations-/Integrationsproblematik) behandeln.

Inhaltlich bleibt der Film überwiegend an der Oberfläche und auch die vereinzelt eingestreuten Poenten locken überwiegend höchstens ein Schmunzeln hervor. Leicht verdaulich und mit einem moralischem Fingerzeig versehen, werden kulturelle Vorurteile aufgetischt und wild durcheinander gewürfelt.

Vermutlich gehen nach Ende des Films viele Besucher guten Gewissens nach Hause mit dem Gedanken, dass ja eigentlich alles nicht so schlimm ist und wir uns ja im Grunde genommen alle lieb haben. Das die Verhältnisse aber deutlich komplexer sind und sich in diesem Zusammenhang vielleicht jemand nach dem Kinobesuch tatsächlich Gedanken zu diesen Thema Macht, wage ich zu bezweifeln. Obwohl genau das schon seit langem überfällig ist.

Seine möglicherweise gewünschte Wirkung wird der Film wohl also nicht verfehlt haben, lässt aber sogleich einen etwas ernsthafteren Umgang mit der Thematik vermissen. Schade, da dies sicherlich auch auf eine humoristische Art und Weise möglich ist.


Micki

Hallo,

am Schluß des Filmes wird ein Philosophischer satz gesagt "ein großer Mann...." ich fand den klasse kann mir den jemand schreiben, würde ihn gerne lesen ohne nochmal den film anzuschauen, den ich klasse finde.


Bee

Das Zitat ist von Salman Rushdie: „Ich bin die Summe all dessen, was vor mir geschah, all dessen, was unter meinen Augen getan wurde, all dessen, was mir angetan wurde. Ich bin jeder Mensch und jedes Ding, dessen Dasein das meine beeinflusste oder von meinem beeinflusst wurde. Ich bin alles, was geschieht, nachdem ich nicht mehr bin, und was nicht geschähe, wenn ich nicht gekommen wäre.“


Erna

Etwa wie der Film "Borat", plätschert so dahin, am Ende wartet man auf den Schluss. Würde nicht mehr reingehen.


bateman

bei solchen Filmen ist es wichtig, die Kritik von Spiegel, Zeit und Stern zu lesen.
Wird der Film hochgelobt, bloss nicht reingehen, Zeit & Geldverschwendung.
Gilt exakt auch für Bücher.
Die Kritiken von Filmblogs sind ok.


Frank

Muss jeder Film zum Thema 'Türken in Deutschland' sämtliche Probleme abhaken, die sich beim Zusammenleben der beiden Kulturen auftun? Ich denken nein. Meine Meinung ist: Der Film ist legitim so wie er ist. Ich hab ihn mir gern angeschaut. Sympathische Darsteller und eine Geschichte die erzählenswert ist. Der Film verzichtet weitgehend auf erhobene Zeigefinger und wird mit einem Augenzwinkern erzählt. Man wird nicht mit einem schlechten Gewissen belastet und wird trotdem angeregt, über dies und jenes nachzudenken und Vorurteile zu überprüfen. Ich finde es ist ein hilfreicher Film. Wem es in diesem Film nicht genug knallt soll in "Transformers" gehen.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.