Alles, was wir geben mussten
Hinter den Mauern eines britischen Internats wachsen Kinder zu Jugendlichen heran und knüpfen erste zarte Liebesbeziehungen. Doch ihr staatlich vorbestimmtes Schicksal als biologische Ersatzteillager hängt wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Schüler.

Es gibt nicht viele Filme, die einen Science-Fiction-Plot in der Vergangenheit anlegen. Alles, was wir geben mussten (Never let me go) ist ein solcher Film. Ein Zwischentitel verweist am Anfang auf einen wissenschaftlichen Durchbruch in den 1950er Jahren – das erste der drei Kapitel spielt in den 1960ern. Per Flashback etablieren die Anfangsminuten die auf den ersten Blick friedliche Welt des britischen Internats Hailsham, das von futuristischen Szenarien weit entfernt zu sein scheint. Und doch dient dieser Ort mit seiner ländlichen Idylle als Setting einer dystopischen Erzählung, wie man sie aus „1984“ oder „Schöne neue Welt“ kennt.
Allein, Mark Romaneks Verfilmung des Romans von Kazuo Ishiguro lässt die narrativen und stilistischen Science-Fiction-Elemente zugunsten eines elegischen Coming-of-Age-Dramas im Hintergrund. Kathy H., Tommy D. und Ruth wachsen in Hailsham auf, Eltern scheinen sie ebenso wenig zu haben wie vollständige Nachnamen. Ihr Alltag ist bestimmt durch Abgeschiedenheit von der Außenwelt, autoritäre Erziehung und ständige Leibesertüchtigung. Jede ihrer Bewegungen wird überwacht, und von den Lehrern verbreitete, schauerliche Gerüchte sollen die Kinder so sehr ängstigen, dass sie das Grundstück der Schule nicht zu verlassen wagen.

Die Sprache der Kinder scheint zu reif für ihr Alter, ihr Verhalten wirkt fremdartig. All das hat seinen Grund: Die Kinder sind Klone – von Wissenschaftlern erzeugte und vorprogrammierte Humanoide, deren einziger Zweck darin besteht, der Gesellschaft als Ersatzteillager zu dienen und Organe zu spenden. Ansonsten haben sie im Leben nichts weiter zu tun, ihr Dasein ist ein einziges Hinlaufen zum Tode, ein Warten auf die „Komplettierung“, wie es im Hailsham-Newspeak euphemistisch heißt.
Man darf diesen Twist ruhigen Gewissens verraten, denn der Film selbst enthüllt ihn so früh und unspektakulär, dass eines rasch klar wird: Regisseur Mark Romanek geht es nicht um die Aufrechterhaltung dramaturgischer Spannung oder die möglichst späte Auflösung eines Rätsels. Im Mittelpunkt von Alles, was wir geben mussten steht stattdessen die Dreiecksbeziehung der in den letzten zwei Kapiteln zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen werdenden Hauptfiguren. Diese erweisen sich nämlich trotz ihrer künstlichen Erschaffung als erstaunlich menschlich und beseelt: Sie lieben, malen und haben psychologisch schwer mit dem Bewusstsein ihres früh bevorstehenden Todes zu kämpfen.

Neben Adam Kimmels sorgfältig komponierten Bildern pittoresker britischer Landschaften ist dieses sehr ruhige, ernsthafte Porträt von Kathy (Carey Mulligan), Tommy (Andrew Garfield) und Ruth (Keira Knightley) als drei jungen Menschen mit einer determinierten, aussichtslosen Zukunft die größte Stärke des Films. Alles, was wir geben mussten schildert mit empathischer Intensität die Tragödie von Individuen, die sich ihrer Instrumentalisierung durch höhere Mächte nicht erwehren können. Allerdings stellt sich hierbei die Frage, warum die Opfer nicht gegen ihre sukzessive Ermordung rebellieren, sondern diesen Zustand apathisch und resigniert hinnehmen.
Zudem erweist sich diese Emotionalität zunehmend als kalkulierter Angriff auf die Tränendrüsen. Die ohnehin bedrückende Stimmung wird durch zahlreiche Einstellungen einer weinenden Kathy und den ebenso massiven wie manipulativen Musikeinsatz noch verstärkt. Überhaupt sorgt gerade die Tonspur für einige Misstöne: Kathys über-erklärender Voice-over-Kommentar zeugt von einem geringen Vertrauen des Regisseurs in die Kraft seiner Bilder. Und gerade zwei zentrale Dialoge – die Erläuterung des den Kindern bevorstehenden Schicksals durch eine engagierte Lehrerin sowie Ruths an Tommy und Kathy gerichtete Bitte um Vergebung – wirken etwas hölzern.

Die rein an den affektiven Verbindungen zwischen Kathy, Tommy und Ruth interessierte Inszenierung geht auf die politische Dimension des Themas nicht näher ein. Indem sich der Film primär auf den subjektiven Umgang mit der Todeserwartung konzentriert, verweigert er sich den narrativen Erwartungen an dystopische Szenarien. Das steigert die emotionale Wirkung, da dem Zuschauer Einsicht in die Erfahrung gewährt wird, was es bedeutet, zum Tode verurteilt zu sein.
Allerdings geschieht dieser mikrokosmische Fokus auf Kosten des größeren Zusammenhangs. Die staatlichen Interessen hinter der biopolitischen Entrechtung von Individuen bleiben unbeleuchtet. Ob Hailsham innerhalb eines demokratischen Systems oder einer Diktatur existiert, in der ein Körper immer potenziell der freien Verfügungsgewalt der Politik überantwortet ist und zur Ressource des Staates – zum verstaatlichten Körper – wird, bleibt im Dunklen.

Alles, was wir geben mussten legt auch keine Parallelen zu realen Entwicklungen nahe: Romaneks Film verweist nicht auf Tiere, Soldaten oder Sklaven, die ebenso wie die drei Protagonisten ihre Körper für die Gesellschaft opfern müssen. Welche tatsächlichen Missstände die dargestellte Praxis des Klonens zum Zweck der Organextraktion allegorisch repräsentieren soll, bleibt also vollkommen offen. Das kann man als intellektuelle Herausforderung des Zuschauers verstehen – oder aber als frei schwebende Anspielung und Parabel ohne Referenzpunkt.
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