Alles was ich an euch liebe

Filme mit jüdischem Humor haben Konjunktur: Nach dem deutschen Erfolg Alles auf Zucker nimmt sich die spanische Komödie Alles was ich an euch liebe nicht nur den Fragen von Religion, Assimilation und Toleranz an, sondern behandelt außerdem den Nahostkonflikt. Das funktioniert die meiste Zeit erstaunlich gut.

Alles was ich an euch liebe

An einem Debüt sind es immer wieder die gleichen Dinge, die schnell misslingen können. Weil die Begeisterung für Vorbilder und Lehrmeister noch ungebremst groß ist, der eigene Stil aber noch unterentwickelt, läuft der Film Gefahr, den Zuschauer an großartige Kinomomente zu erinnern und diese dann mit dem gezeigten Film zu vergleichen – wobei letzterer nur schlecht abschneiden kann.

Alles was ich an euch liebe, der erste Spielfilm des Ehepaares Teresa de Pelegri und Dominic Harari, hat vielleicht deshalb eine Spur der Verve des jungen Pedro Almodovár, und enthält vielleicht auch deshalb eine Slapstik-Szene, die Charlie Chaplin nachempfunden sein dürfte. Und er hat einen letzten Satz, der so direkt Bezug nimmt auf Billy Wilder und den berühmten Schluss von Manche mögen’s heiß (Some like it hot, 1959), dass die Latte des Gelingens plötzlich arg hoch hängt. Was schade ist, denn die rasante spanische Tragikomödie ist zwar nicht perfekt – das ist schließlich niemand –– aber über die ersten zwei Drittel doch ein erfrischendes, politisch unkorrektes Dialogfeuerwerk. Und sie beschäftigt sich mit einem Thema, das nicht gerade zu den klassischen Komödienstoffen zählt: dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.

Alles was ich an euch liebe

Die junge Leni (Marian Aguilera) stellt ihren Eltern den Verlobten Rafi (Guillermo Toledo) vor. Die beiden sind so aufgeregt, dass sie im Fahrstuhl auf dem Weg zur elterlichen Wohnung noch schnell ein Schäferstündchen halten; dann nesteln sie nervös an ihrer Kleidung und Rafi äußert seine Furcht, er werde diesen Tag nicht überleben. Zu dieser Annahme hat er mehr Grund als der durchschnittliche Schwiegersohn beim ersten Treffen mit der Mutter der Braut: Rafi ist Palästinenser, Lenis Familie ist jüdisch - und an diesem Abend muss die Wahrheit raus.

Jüdischer Witz, der auch Lachen über Juden einschließt war erst kürzlich in Alles auf Zucker von Dani Levy zu sehen. Die Filme sind in vielerlei Hinsicht ähnlich: In beiden gibt es die (lächerliche) Figur des orthodox-fanatischen jungen Bruders, beide stellen den Kontrast zwischen Religiosität und weltlicher Lebensweise her.

Alles was ich an euch liebe

„Palästinenser töten Juden und Juden töten Palästinenser. Das funktioniert nie“, sagt Mutter Gloria und fasst auf ihre Weise die Jahrzehnte alte Auseinandersetzung im Nahen Osten zusammen. Rafi wird fortan hin- und hergeschubst zwischen den exzentrischen Familienmitgliedern, immer begleitet von einer beweglichen Kamera, die die hektische Atmosphäre und nervöse Unsicherheit der Protagonisten angemessen einfängt. Neben der von der großartigen spanischen Schauspielerin Norma Aleandro gespielten Mutter gibt es noch den Großvater, einen hin und wieder mit einem Gewehr hantierenden Veteranen des israelisch-arabischen Krieges von 1948, den orthodoxen kleinen Bruder und die nymphomane, allein erziehende Schwester. Die Konstellation ist vielleicht etwas zu klassisch-konträr, aber dafür ungemein effektiv.

Die Handlung kommt ordentlich in Schwung, als Rafi in der Küche helfen will und dabei ungeschickt wie in einem Slapstick-Film aus Versehen einen Block gefrorener Suppe aus dem Fenster wirft, der fünf Stockwerke tiefer ausgerechnet dem Vater seiner Verlobten auf den Kopf fällt. Harter Stoff für eine Komödie: Der palästinensische Schwiegersohn tötet das jüdische Familienoberhaupt – was für ein Schlamassel. Leider wird das Tempo nicht über den ganzen Film gehalten. Vor allem das letzte Drittel, in dem eine merkwürdige Nebenhandlung eingebaut wird, schwächelt, unter anderem weil den Autoren der Stoff für knallende Dialoge über Religion oder den Nahostkonflikt ausgegangen ist, die den ersten Teil des Films so sehenswert machen. So wird Alles was ich an euch liebe zunehmend zu einer turbulenten Familien- und Liebeskomödie mit etwas morbidem Einschlag, entfernt sich jedoch von der interessanten Grundkonstellation.

Filmkritik von Thorsten Funke

Veröffentlicht am 04.11.2005

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Film-Angaben

Titel: Alles was ich an euch liebe

Originaltitel: Seres Queridos

Spanien, Argentinien, Portugal, Großbritannien 2004

Laufzeit: 89 Minuten

 

Regie: Teresa de Pelegri, Dominic Harari

Drehbuch: Teresa de Pelegri, Dominic Harari

Produktion: Gerardo Herrero, Mariela Besuievsky

Darsteller: Norma Aleandro, Guillermo Toledo, Maria Botto, Marian Aguilera, Fernando Ramallo, Alba Molinero, Max Berliner, Mario Martin

 

Kinostart: 01.12.2005

 

DVD-Angaben

Titel: Alles was ich an euch liebe

Vertrieb: Indigo

Bild: k.A.

Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1), Französisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Französisch, Spanisch

Altersfreigabe: ab 6 Jahren

Spieldauer: 86 Minuten

 

Extras: Deutscher & Internationaler Trailer

 

Verleih ab: 01.09.2006

Verkauf ab: 17.11.2006

 

Weitere Filme

... mit Guillermo Toledo

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Spanien 2004
Von Álex de la Iglesia

 

Copyright Alles was ich an euch liebe

Fotos: © Boxfish Films

 

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