Alles muss raus – Kritik

Nick Halsey hat einen wirklich schlechten Tag.

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Während Woody Allens Amerikaner schon lange „in Treatment“ sind, haben die Deutschen, allen voran der „Focus“, das Burnout-Syndrom erst in den vergangenen Jahren als Volkskrankheit entdeckt. Filmisch beschäftigen wir uns derweil eher mit Tourette oder Demenz. In den USA ist man auch hier zwei Schritte weiter. Inzwischen geht man das Thema sogar mit Star-Comedian Will Ferrell an.

Dessen Figur, Nick Halsey, ist mehr als ausgebrannt. Wie im beliebten Drehbuch-Klischee verliert er an einem Tag Frau und Job. Zur Bierdose greift der Alki auch wieder. Und wer sein Schweizer Taschenmesser mit eingraviertem Namen im Autoreifen des Chefs stecken lässt, dem droht weiteres Ungemach. So weit, so tendenziell lustig. Doch schon für diese Exposition nimmt sich Regiedebütant Dan Rush ungewöhnlich viel Zeit. Nicht nur, um die Kurzgeschichte von Raymond Carver auf einen 90-Minüter zu strecken. Hier gilt es, am Genre-Timing vorbei kleinste Veränderungen unaufdringlich zu entwickeln.

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Nick steht vor den verschlossenen Türen seines eigenen Hauses, Konto und Kreditkarte gesperrt. Er richtet sich im Garten ein, was schnell Protest aus der Nachbarschaft hervorruft. Einzige Möglichkeit zum Fristaufschub: ein Yardsale – Gartenverkauf. „Alles muss raus“, der direkt aus dem Amerikanischen übersetzte Titel (Original: Everything must go) ist – recht selbstverständlich –  übertragen zu verstehen. Für Nick gilt es, alten inneren Ballast loszuwerden und loszulassen. Im Kern ist Alles muss raus eine Trennungsgeschichte und als solche äußerst beachtlich.

Immer wieder haben in den vergangenen Jahren mehr oder weniger große amerikanische Produktionen versucht, sich dieser omnipräsenten Lebenskrise im Rahmen des Unterhaltungsfilms zu widmen. In Spanglish (2004), einem seltsam unausgewogenen Experiment von Routinier James L. Brooks, tritt das Thema noch als reine Binnenerzählung zutage. Ähnliches gilt für Alexander Paynes Sideways (2004), dessen Qualität auch darin liegt, den Film wahlweise als Buddy-Komödie oder als Trennungsdrama sehen zu können. Trennung mit Hindernissen (The Break Up, 2006) stellt das Problem bereits in den Mittelpunkt. Hier gibt es den Auflösungsprozess als Beobachtungsgegenstand. Im Independent-Sektor hat Derek Cianfrance mit Blue Valentine (2010) Vergleichbares unternommen und dabei einen der prägenden Filme der aktuellen Kinosaison geliefert. Dort liegt die Irritation in der Erzählstruktur, auf der formalästhetischen, technischen Ebene sind die Realitätsmarker angeordnet.

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Alles muss raus nun verwahrt sich gegen jegliche Authentizitätsstrategien. Eher driftet die Erzählung ins Märchenhafte ab. Und dennoch packt das Drama des Protagonisten den Zuschauer. Trotz des Verzichts auf Mittel des Realismus strahlt der Film eine packende Ehrlichkeit aus. Die liegt vermutlich darin begründet, dass im Drehbuch keine einfachen Auswege für Nick vorgesehen sind. In dieser Mischung aus verspielter Loser-Fantasie und im Kern ernsthaftem Drama ähnelt Alles muss raus am ehesten Gore Verbinkis ungewöhnlichem The Weather Man (2005). Man weiß nie so recht, was diese Filme von sich und einem selbst wollen, aber sie wirken nach.

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