Alles koscher! – Kritik

Von Stereotypen und Vorurteilen: In Josh Appignanesis Komödie entdeckt ein Muslim seine jüdischen Wurzeln und gerät in eine veritable Identitäts- und Glaubenskrise.

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Mahmud Nasir (Omid Djalili) ist ein Familienmensch. Er liebt seine Frau und seine zwei Kinder, er betreibt ein kleines Taxiunternehmen und hat sich als Muslim in East London bürgerlich wohl situiert. Mit der Religion hält er es äußerlich nicht so streng, denn Glaubenssätze sind für den Mann pakistanischer Abstammung vor allem verinnerlichte Werte kultureller Identität. Mahmud ist das, was man häufig als liberalen Muslim bezeichnet. Ärgern kann sich Mahmud allenfalls über seinen Nachbarn Lenny Goldberg (Richard Schiff). Der fährt Taxi für die Konkurrenz, stammt aus den USA und ist obendrein liberaler Jude. Kommt es zum Disput, ergeht sich Mahmud routiniert in allerhand üblen Beschimpfungen. Für Verstimmung in Alles koscher! sorgt zudem Mahmuds Sohn Rashid (Amit Shah), der ausgerechnet die Stieftochter des radikalen Hasspredigers und Islamisten Arshad El-Masri (Yigal Naor) ehelichen will. Denn El-Masri hat sich zum Hausbesuch angekündigt, um sich von der Rechtgläubigkeit des Heiratskandidaten und seiner Eltern zu überzeugen.

Die Welt des rundlichen Mannes aus East London gerät allerdings völlig aus den Fugen, als er in den Papieren seiner kürzlich verstorbenen Mutter seine Geburtsurkunde findet, die ihn als Solly Shimshillewitz ausweist. Schlagartig wird Mahmud klar, dass er nicht nur adoptiert ist, sondern – viel schlimmer – dass er gebürtiger Jude ist.

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David Baddiels Drehbuch gibt mit dieser stark konstruierten Exposition nahezu alle Konfliktparameter der Komödie vor: Wie geht ein Mann mit einer Situation um, die auf den ersten Blick sämtliche persönlichkeitsbildenden Werte von kultureller Identität bis hin zu religiösen Grundhaltungen auf den Kopf stellt? Für Mahmud, der streng muslimisch erzogen aufwuchs, stellt sich die Frage, wie weit Abstammung und gefestigte Stereotypen wahre Haltungen überlagern oder entwerten können. Und dann ist da noch diese Neugier auf das Unbekannte, das Fremde und schließlich der Wunsch, seine eigene Vergangenheit zu erkunden. Alsbald findet Mahmud einen sterbenden alten Mann in einem jüdischen Altenheim. Gerne würde er diesen Izzy Shimshillewitz, der sein Vater sein könnte, zur Vergangenheit befragen, wäre da nicht der Rabbiner (Matt Lucas), der Mahmud nur vorlassen will, wenn dieser etwas über jüdisches Leben und jüdischen Glauben weiß. Ausgerechnet Lenny Goldberg, der jüdische Zyniker aus der Nachbarschaft, soll nun Mahmud in einem Crash-Kurs etwas davon vermitteln, was es heißt, Jude zu sein.

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Ohne Zweifel gewinnt Alles koscher! seine Kraft vor allem aus dem ungebremsten Aufeinandertreffen von Stereotypen, ethnischen Vorurteilen bis hin zu rassistischen Ressentiments, mit denen hier schonungslos jongliert wird. Dass dies alles leicht und unverkrampft geschieht, ist zum einen der Inszenierung von Josh Appignanesi zu verdanken, der die Geschichte in Tempo und Dynamik so zu verdichten versteht, dass sie in nahezu keinem Augenblick ins Banale abdriftet – wesentlich aber dürfte das virtuose Spiel von Omid Djalili sein. Djalili, einer der erfolgreichsten Stand-up-Comedians Großbritanniens, hat eine Mission: Der in England geborene Sohn iranischer Einwanderer zielt mit seinem Humor auf den Culture Clash zwischen Abendland und dem Nahen Osten. In diesem Sinne ist The Infidel („Der Ungläubige“, so der treffende Filmtitel im englischen Original) offenkundig Djalili auf den Leib geschrieben, der es überzeugend versteht, Komisches nahe am Tragischen zu platzieren. Dies vor allem dann, wenn Mahmuds Identitätssuche Züge annimmt, die die Integrität der Familie, die Beziehung zur Ehefrau und zu den Kindern gefährdet.

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Dabei wirkt Alles koscher! nicht didaktisch. Der Film ergreift nicht Partei und überlässt das Finden der richtigen Fragen wie auch der Antworten dem Zuschauer, als gelte es – abseits von aller Komik und Quirligkeit – eine Zustandsbetrachtung derjenigen Mechanismen zu liefern, die das Funktionieren einer interkulturellen Gesellschaft regelmäßig in Frage stellen. Im Ergebnis gerät die genretypische Story damit aber auch an die Grenzen ihrer Tragfähigkeit. Denn wenn es folgerichtig zur Katastrophe kommt und Mahmud zwischen die Mühlsteine von Stereotypen und Feindseligkeiten gerät, dann greift der Film zu einer Volte, die am Ende doch recht platt wirkt: Auch der radikalste Fundamentalist hat zumindest eine Leiche im Keller. Mit diesem Finale nimmt sich Alles koscher! unnötigerweise einiges von der Tiefe, die ihn als ansonsten durchweg gelungene Komödie auszeichnet.

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Kommentare


lumofix

Wie heißt es so schön :"..ich habe gelacht, aber unter meinem Niveau.". Omid Djalili ist gut als stand up Comedian, aber das Drehbuch findet keine überzeugende Geschichte, die die einzelnen Szenen der Gagschreiber zusammenhält. Wie das besser, oder auch gut geht, zeigen "Almanya", "Four Lions", "Alles auf Zucker". Gesamturteil für "Alles koscher" in Schulnote = ausreichend oder einfach naja...






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