Alles inklusive

In Doris Dörries neuem Film verteidigen skurrile Spießer eine Normalität gegen alle Realitäten und Tofuschnitzel.

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Die alternde Hippiefrau Ingrid (Hannelore Elsner) kehrt nach Jahrzehnten ins spanische Torremolinos zurück, den Ort, an dem sie Ende der 1960er Jahre an einem einsamen Strand gemeinsam mit Gleichgesinnten ihren Traum von Liebe und Freiheit gelebt hat. Ihre neurotische Tochter Apple (Nadja Uhl als alberner Julie-Delpy-Abklatsch) hat sie hierhin verfrachtet, damit die Mutter sich von den Strapazen einer Hüftoperation erholen kann. Doch das verschlafene Fischerdorf von einst hat sich längst zum massentouristischen Mekka entwickelt – Betonbau reiht sich an Betonbau, Abiturienten pumpen sich mit Hilfe von Wasserpistolen Alkohol in den Rachen und die älteren Herrschaften amüsieren sich am Pool zu deutschem Schlager. Als Ingrid aber schließlich auf den Transvestiten Tina/Tim (Hinnerk Schönemann) trifft, wird aus dem Pauschalurlaub bald eine emotionale Reise in die eigene Vergangenheit.

Plattitüden und Psychotests

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Die Parallelen eines Dörrie-Films zur Illustrierten und stereotypen Frauenzeitschrift müssen bei Alles inklusive gar nicht erst von den Kritikern gezogen werden, das übernimmt in diesem Fall schon das Presseheft. Neben den üblichen Hintergrundinformationen zu Cast und Crew finden sich hier nämlich – hach, wie ironisch! – eine Bastelanleitung für den im Film prominent eingesetzten Handtuchschwan, Trivia und Kuriositäten rund ums All-inclusive-Phänomen sowie ein Psychotest zum Thema „Welcher Urlaubstyp sind Sie?“. Thomas Groh musste sich in seiner Kritik zu Nackt (2002) vor gut zehn Jahren noch selbst Testfragen ausdenken, um die plumpe Psychologisierung Dörries auf den Punkt zu bringen. Nun wird im Begleitmaterial zu Alles inklusive zum Psychotest gleich eine entlarvende Auswertung mitgeliefert: Jede Punktzahl entspricht dabei einer der Dörrie’schen Figuren, deren Charakter in ein paar Sätzen (und damit auch schon erschöpfend) resümiert wird.

Man kann das natürlich witzig und selbstreflexiv finden. Bitter ist aber, dass der Film an sich wenig mehr zu bieten hat als diese Ansammlung von psychologischen Plattitüden und sentimentalen Seichtheiten. Alles inklusive, das heißt bei Dörrie eben auch, jeden Erinnerungsfetzen zu visualisieren, jedes Gefühl noch überdeutlich im Dialog auszuformulieren und am Ende doch nur das Offensichtliche zu illustrieren.

Filmische Posen, wenig echtes Fleisch

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Dabei schleppt sich Dörries auf der eigenen Buchvorlage basierende Tragikomödie träge von einer Episode zur nächsten und wirft sich unbeholfen in die unterschiedlichsten Posen. Mal wird das Großstadtleben der verklemmten Apple zum überlangen Sketch à la Ladykracher zerdehnt, dann werden selbstgefällige Reminiszenzen an Almodóvar, Oshima und die Varda ins Geschehen eingeflochten. Und der durchaus reizvolle dokumentarische Ansatz, sich mit der Kamera und den Stars ins reale Getümmel eines Hotels zu werfen, reicht dann doch nur zu einer kurzen Fleischbeschau: ein Closeup vom fetttriefenden Hotelbuffet und ein paar distanzierte Halbtotalen auf dicke Leiber, die wahlweise herumliegen oder sich bei Gymnastikübungen abrackern – mehr ringt Dörrie ihrem Setting nicht ab.

Aufstand der Spießer

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Stattdessen widmet sich die Regisseurin und Drehbuchautorin ausgiebig dem Treiben ihrer Romangeschöpfe, einer Gruppe von enervierend skurrilen Charakteren samt französischer Bulldogge. Im Gunde ihres Herzens sind das allesamt Spießer, viel mehr als das Bedürfnis nach privater Zweisamkeit scheint keine der Figuren anzutreiben. Das Hippieleben und mit ihm jede Vorstellung von alternativen Lebensmodellen ist bloß eine nostalgische Erinnerung an nackte Brüste und Sonnenschein, von der in der Gegenwart nur noch die omnipräsenten Prilblumen zeugen.

Zwischen dem Ekel vor einer stumpfen, um sich greifenden All-inclusive-Mentalität und einem weltfremden Intellektualismus (hier verkörpert von Juliane Köhler in einer Nebenrolle als hinterhältige Radiomoderatorin, die in ihrer Sendung Adorno zitiert und den Tod der Unterhaltung proklamiert) scheint das Personal von Alles inklusive sich immer wieder trotzig und stellvertetend für Dörrie zu positionieren. Denn das „ganz normale Publikum“, wie sie es im Interview mit dem Tagesspiegel einmal nannte, möchte Dörrie mit ihrer Arbeit ansprechen, und sieht sich damit in Opposition zu langweilenden Festivalfilmen. Das mögen ehrenwerte Absichten sein, aber letztlich bedient die Regisseurin dabei piefige Vorstellungen von Normalität: Alle, die schon immer wussten, dass Tofuschnitzel nicht schmecken kann und BDSM gestört ist, und die noch einmal völlig kontextlos ihr geliebtes N-Wort hören wollen, werden mit Alles inklusive wohl bestens versorgt sein. Der Rest hat hier wenig zu lachen.

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