Alleluia

Mehrmals wurden die Verbrechen von Raymond Fernandez und Martha Beck schon verfilmt. Fabrice Du Welz widmet sich dem Fall mit einem besonderen Gespür für die Poesie des Hässlichen.

Alleluia 01

Da ist es auf einmal: ein Lächeln, das über das ganze Gesicht reicht. In der finsteren Tristesse von Alleluia und im eher trostlosen Leben seiner Protagonistin ist dieser Moment ein kurzer Lichtblick. Die Spanierin Gloria (Lola Dueñas) verdient ihr Geld damit, Leichen zu waschen. Mit der Zärtlichkeit, die sie sich selbst wünscht, säubert sie die nackten toten Körper. Es gab wohl einmal einen Mann, der ihr ziemlich wehgetan hat. Auf den Fotos aus dieser Zeit ist sein Gesicht mit Hass und Sorgfalt herausgekratzt worden. Erst ein Date mit Michel (Laurent Lucas) zeigt ihr wieder, was Liebe ist. Das Lächeln, das ihr der dubiose Schuhfetischist auf die Lippen zaubert, gilt es nun mit allen Mitteln zu verteidigen. Erst recht, als Gloria erfährt, dass ihr neuer Freund sich darauf spezialisiert hat, alleinstehenden Frauen seine Liebe zu geben und im Gegenzug ihr Geld zu nehmen.

Eine filmische Raserei

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Man könnte Alleluia wahlweise als Verfilmung eines wahren Kriminalfalls oder als Remake bezeichnen. Die Handlung basiert auf den Verbrechen des Heiratsschwindlers Raymond Fernandez und seiner besitzergreifenden Geliebten Martha Beck. In den 1940er Jahren hatte das Paar eine bewährte Taktik gefunden, reiche Witwen um ihr Vermögen zu bringen. Während Fernandez die liebesbedürftigen Damen heiratete, zog Beck bei ihnen als vermeintliche labile Schwester ein. Nachdem die Gattin getötet wurde, suchte sich das Paar ein neues Opfer. Eine spannende Geschichte, die schon mehrfach verfilmt wurde, etwa von Leonard Kastle in The Honeymoon Killers (1970) und von Arturo Ripstein in Deep Crimson (Profundo Carmesí, 1996). Fabrice Du Welz (Calvaire, 2004) interessiert an dem Fall vor allem die emotional angespannte Konstellation, in der sich die beiden befinden. Sie ist die Ausgangslage für eine fiebrige, von extremen Gefühlsausbrüchen getriebene Reise durch die Abgründe der Eifersucht. Dem eher geerdeten Stil, den man bei solch einem Stoff erwarten würde, setzt Du Welz eine filmische Raserei entgegen, in der jedes Bild wirkt, als wäre es durch eine gestörte Wahrnehmung gefiltert worden. Da macht es auch nichts, dass sich der Film kaum dafür interessiert, wie die Morde vertuscht werden und ob dabei tatsächlich Geld herausspringt. Mit seiner Vorlage hat Alleluia ohnehin kaum mehr etwas zu tun. Fernandez und Beck sind hier zu einem teuflischen Liebespaar geworden, das einem dubiosen heidnischen Kult folgt.

Von Anfang an suhlt sich der Film im Rohen und Dreckigen. Der Wahnsinn hat sich in jedes Bild eingefressen, in die groben Körner des 16mm-Materials, in die alles verschlingende Dunkelheit und sogar in Details wie Schimmelflecken an der Schlafzimmerdecke, die von der zittrigen Handkamera festgehalten werden. Die Gesichter seiner Darsteller fängt Du Welz mit einem ungeschönten Realismus ein. Tränensäcke und Falten zeichnen sich im Gesicht der bei Pedro Almodovar immer sehr viel adretteren Lola Dueñas ab. Jeder Makel ist eine Spur, die ein Leben voller Enttäuschungen hinterlassen hat. Überhaupt bestimmen entblößte Gesichter den Film, die sich oft von einem Augenblick zum nächsten ins Groteske verzerren. Der große Verführer Michel ist zum Beispiel ein glühender Verehrer von Humphrey Bogart und versucht Gloria mehrmals mit einer Imitation von Bogarts Grimassen aus African Queen (1951) aufzuheitern.

Ein Kabinett der Tabubrüche

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Immer wieder bricht Du Welz mit den Erwartungen. Von einem Augenblick zum nächsten geht der Film zu hysterischer Komik über oder zu einer traurigen Musicalnummer, die Gloria darbietet, bevor sie eines ihrer Opfer zersägt. Das neuere französischsprachige Horrorkino will oft mehr als nur solides Genrekino sein. Dabei entladen sich seine künstlerischen Ambitionen nicht selten in aufgesetzten Manierismen. Alleluia gelingt es jedoch, eine starke, grenzüberschreitende Ästhetik zu finden, die nicht so wirkt, als müsste sie als aufgemotzte Verpackung für einen handwerklich recht bescheidenen Film dienen, sondern sich immer konsequent aus der Handlung entwickelt. Der Film zelebriert zweifellos eine Vorliebe für das Abseitige. Immer wieder hält er drauf in diesem Kabinett der Tabubrüche, auf Fußsex oder ausufernde Zungenspiele mit einer älteren Dame oder auch auf die teils sehr explizite Gewalt wie einer Szene, in der Michel auf Glorias Befehl hin seine Gespielin mit einer Axt tötet. Sicher, es ist ein Spiel mit Provokationen, aber eben nicht nur um ihrer selbst willen. Letztlich sind all die ausufernden Szenen nur Ausdruck einer ungezügelten Leidenschaft. Jedes der vier jeweils einer Gespielin von Michel gewidmeten Kapitel ist wie eine neue Runde in einem Ringkampf. Immer wieder aufs Neue versucht Gloria sich zu beherrschen und verliert doch wieder die Kontrolle, wenn sie ihre Liebe mit vollem Körpereinsatz verteidigt, wenn sie keucht, schreit, prügelt und mordet. In solchen Momenten, in denen sich hinter grausamen Taten eine völlig außer Kontrolle geratene Verlustangst offenbart, findet Alleluia zu einer besonderen Poesie des Hässlichen.

Trailer zu „Alleluia“


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