Alle Jahre wieder

Blutige Weihnachten (3): Es ist fast wie bei Loriot. Hannes und Inge fahren zum Weihnachtsfest nach Münster. Er tritt zum Pflichtbesuch bei seiner Familie an, sie tanzt mit seinem besten Freund zwischen hochgestellten Stühlen im Hotel.

Die Sonntagsspaziergänger wirken unfassbar, zitternd und verwehend in ihrer sachlich-trockenen, reduzierten Sechzigerjahrebürgerlichkeit – flüchtige Mysterien, wie Kunst von Gerhard Richter. Das abendliche, unheimliche Glockendröhnen von den Kirchtürmen, als Inge und Hannes in die dunkle, regennasse Stadt Münster hineinfahren: so schutzlos unwohlmachend. So ist das Leben öfter, als man will. Manchmal kann man sich dann damit retten, dass man es wie der Film hier macht: Man malt es nach, erfasst es möglichst klar, bis es sich ablöst und zu schweben beginnt, scheinbar gebannt und beinah schön. Zumindest interessant. „Siehste: So siehste aus“, zitiert ein Museumsführer Sokrates, als er Inge im Stadtmuseum die schonungslos genauen, stechend strengen Porträts vergangener Würdenträger zeigt (in Münster fand die jahrelange Konferenz zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges statt). Später kommt der Film darauf noch mal zurück, mit Einzelporträtaufnahmen der steinhägerdurchglühten, arrivierten Herren an Hannes’ Stammtisch.

 

Geheimnisvolle Sabine Sinjen! Sie hat hier unheimlich wenig zu schaffen mit der törtchenhaft verzierten „Försterchristel“, die sie fünf Jahre früher noch war. Wie Romy Schneider scheint sie sich gern aus dem altertümlichen Omaplüsch entpuppt zu haben und ins kritisch flotte Autorenkino gesprungen zu sein. Frei, spielerisch und lässig, ist sie nun glaubwürdig ein modernes, selbstständiges It-Girl: Inge, die ihr distanzierendes Nachdenken allerdings überspielt, sobald ihr Geliebter kritisch aufmerkt. Man weiß nicht, warum sie sich ihm angeschlossen hat, er scheint nicht gut zu ihr zu passen. Dieser Hannes (Hans Dieter Schwarze) ist ein angespannter Vertretertyp, ein saturierter Werbekaufmann, der sie daddyhaft verniedlicht, in der Kindchensprache mit ihr spricht, sie in die Kuschelecke weist und sich jede „Maulerei“ verbittet. Man will ihr zurufen, dass sie doch anders könnte, sollte …

 

Sie hört uns nicht. Jetzt sitzt sie auf eigenen Wunsch mit ihm im Auto, unterwegs zum Weihnachtsfest seiner Münsteraner Familie. Er muss in dieser bedrückend religiös geprägten Stadt, die der Film so interessiert betrachtet, seine Ehefrau Lore (Ulla Jacobsson) treffen. Vor Inge nennt er Lore die „Alte“ und sagt, sie seien längst getrennt. Den Verwandten gegenüber aber demonstriert er beim Familientreffen und der Christmette eine intakte, wenn auch unkonventionelle Ehe. „Es muss eben durchgestanden werden“, spielt er vor Inge seine Verachtung dafür hoch. Bei den Seinen aber schlüpft er in sein abgelegtes Leben wie in einen alten Pulli, leutselig, aufgeräumt, zumindest temporär.

Ihr Weihnachtsfest ist gediegen, übersättigt. Jeder dieser übertrieben Erwachsenen repräsentiert sein System von Branchenkenntnis, Erfolg und Verdiensten, Ansehen und Traditionen, stolz auf den Speckmantel, in dem er steckt. Die Kinder sind noch nicht so drin. Besonders der Junge (Andreas Lentz) ist nett und lustig und hat Spaß am Nachsingen von Werbehits („Wie gut, dass es Nivea gibt!“, „Weißer Riese mit Riesenwaschkraft!“). Aber der Nachmittagsspaziergang neben dem monolithisch bewollmäntelten Vater, im kalten Nieselregen am Kirchengemäuer und im kahlen Park, ist von einer, auch aus eigener Kindheit arg bekannten, tödlichen Festtagslangeweile.

 

„Neufundländer bleiben erstaunlich frisch“, gibt ein mit Lore ungeklärt befreundeter Tierarzt sein Fachwissen zum Besten. Man sitzt am Kaffeetisch mit Freesienvase; freundliche Omas wuseln bedienend, wie am Schnürchen aufeinander eingespielt, herum. „Unter den Hunden haben sie mit die größte Lebenserwartung.“ Es ist fast wie bei Loriot. Hannes lächelt gequält und leer. Er ist froh, wenn es vorbei ist. Obwohl, er und Lore, das ist immer noch ein Team. Sie wissen nur nicht, wer der Chef sein soll. Am effektivsten wahrscheinlich sie. Aber Hannes mag sich ihrer strengen, nur scheinbar nachsichtigen Ironie und Dominanz nicht beugen. Lore ist eine filigrane Vorzeigefrau, eine Lilli Palmer, eine Kanzlergattin: schön, elegant, perfekt frisiert, repräsentativ, organisiert. Leiterin einer erzkonservativen Tanzschule, engagiert in christlich-sozialen Vereinen …

Letzteres kriegt Inge während der Gans und der verschnarchten Rundfunkrede des Bundeskanzlers (Kiesinger) bewundernd von Hannes’ altem Freund Spezi (Johannes Schaaf) erzählt. Während seiner Verpflichtungen stellt ihr Geliebter sie nämlich bei Spezi im Hotel ab.

 

Der Freund ist eine treue Seele. Ein Daheimgebliebener. Spezi führt ein biederes Traditionshotel (mit Wandzinntellern und traumhaft furchterregenden Tapeten) und ist, mehr noch als Hannes, ein fundamentaler Stammtischspießer. Obendrein hat er sich in eine frustige Frauenfeindlichkeit eingeigelt, prahlt mit dem Sieg in seinem Scheidungskrieg … Inge hat oft Grund, ihn mehr als skeptisch von der Seite anzuschauen.

Aber sie lässt ihn reden, lächelt, halb verwundert, halb um ihre Kritik zu verstecken. Denn Spezi hat auch etwas Goldiges. Er ist auf eine rührend süße Weise offen und naiv. Er rechnet nicht mit ihrer Ablehnung und bekennt sich beim gemeinsamen Fernsehgucken arglos zu alten Filmen – Wasser für Canitoga (1939), Auf Wiedersehen, Franziska (1941), Kautschuk (1938) … bei Going My Way (1944) mit Bing Crosby habe er im Kino geweint. Sie bei La Notte (1961), sagt sie. Keiner kennt die Filme des anderen. Aber er bespaßt sie, wie er es eben versteht. Sie vertreiben sich die Zeit … es knistert bedenklich. Er ist so sexy. Man will es erst nicht glauben, und das macht es noch schlimmer. Wenn man mit jemandem im Falschen eingesperrt ist …  irgendwie will man all das mit Sex dann umwidmen, die Menschen, Räume, Situationen. Dieses Hotel hat das so nötig, denkt man. Und Spezi … in seinem sich der neuen Zeit anbiedernden Hotelbeatkeller drückt er auf der Musikbox L5, „Sing, Nachtigall, sing“, sie tanzen zwischen hochgestellten Stühlen. Alles sei eigentlich halb so schlimm, sagt sie, wenn man nur gut allein sein könne. Und er, gesenkt: „Ja. Wenn.“

 

Na ja. Er weiß, er kriegt sie nicht. Für ihn ist völlig unumstritten, dass Hannes attraktiver ist als er, und sowieso ... am Ende geht er, statt in Liebe, auf an seinem Stammtisch, mit seinen alten Kriegskameraden, die, wie jedes Weihnachten, spätnachts die damaligen Kampfstellungen vor der Stadt besuchen fahren. Ein unsägliches Ritual. Sie wirken so verloren, dumm und abstoßend, wenn sie so selig besoffen sind und sich nicht zusammenreißen. Am Morgen fährt sie neben Hannes heim, über die nüchtern nieselregengraue Autobahn.

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