Alle Anderen
Ein Urlaub im Zeichen der Ehrlichkeit: Ein Paar sagt sich fast alles.
Er Architekt, sie in der PR, beide Anfang 30, machen Urlaub auf Sardinien. Chris (Lars Eidinger) und Gitti (Birgit Minichmayr) führen eine intensive Beziehung, die ständig wechselt zwischen ausgelebter Leidenschaft, infantilem Spaß und großem Ernst. Beide testen sich gegenseitig, als wären sie Teenager. In der Konfrontation mit einem anderen Paar spitzen sich die Konflikte im Laufe des Films zu. Maren Ade versteht es, die Figuren dabei so nah, so eindringlich zu zeigen, dass man sie nach und nach kaum noch aushalten kann. Unablässig streut sie in ihrem Beziehungsdrama Salz in die Wunde. Wie bereits in ihrem Erstling Der Wald vor lauter Bäumen (2003) konzentriert sie sich sehr effektiv auf das begrenzte Sujet.
Die Konflikte sind die eines Paares, das sich zu viel sieht und zu viel spricht. Die beiden sind in ihrem Urlaub vollkommen aufeinander bezogen. Im Liegen, im Sitzen, im Gehen, im Stehen und beim Tanzen. Keine Szene, in der nicht beide auftreten, keine Anordnung im Raum ohne Verhältnis des einen Körpers zum anderen. In ihren Diskussionen sind die „Anderen“ des Titels, die deutsche Normalität in den Köpfen von Gitti und Chris repräsentieren, allerdings immer ebenso präsent. Der Illusion, als Paar losgelöst von der Gesellschaft zu existieren, geben sie sich erst gar nicht hin.
Maren Ade setzt ihre Beziehungsstudie schlicht in Szene und lässt ihren Akteuren den nötigen Freiraum. So sticht auch zunächst das punktgenaue Schauspiel von Birgit Minichmayr und Lars Eidinger heraus, das mal exaltiert, mal ganz zurückgenommen selbst statischen, abstrakten Themen Leben einhaucht. Bei der Verhandlung etwa von deutschen Gepflogenheiten, allgemeinen Lebenseinstellungen oder Männlichkeitsbildern arbeitet Ade mit großer Präzision die Probleme heraus. Den Auseinandersetzungen gibt sie dabei aber stets auch eine amüsante Note, die sich nicht in der Funktion eines comic relief erschöpft.
Es ist nicht zuletzt die den Dialogen innewohnende Komik, die Alle Anderen auszeichnet. Im Vergleich zu Der Wald vor lauter Bäumen ist der Film trotz ebenso intensiver Konzentration auf ein Sujet und einem noch reduzierteren Cast um einiges zugänglicher. Die harten, kalten Videobilder eines kleinbürgerlichen Milieus in Süddeutschland sind meist hellen, warmen Filmaufnahmen des Ferienortes einer gehobenen Mittelschicht gewichen. Der Fokus auf ein Paar lässt einem als Zuschauer zudem die Möglichkeit, zwischen den beiden Figuren zu pendeln. Unsympathisch werden sie beide, aber nur abwechselnd unerträglich.
Feststehende Ausdrücke und eine Vielzahl bekannt klingender Formulierungen prägen die Dialoge. Ihre Komik erhalten die phrasenhaften Sätze dadurch, dass sie teils ironisch, teils unbeabsichtigt von einem zumindest an der Oberfläche modernen, gleichberechtigten und offenen Paar verwendet werden. Das Vordringen zu verschleierten Motiven und Sehnsüchten, zu einer Form von unbedingter Wahrhaftigkeit, treibt die beiden Figuren den gesamten Film über um. Dieses Bedürfnis, das im deutschen Kino und ebenso in der deutschen Philosophie eine lange Tradition hat, macht Ade aber nicht zum alles bestimmenden Maßstab. Im Gegenteil, die Regisseurin setzt gezielt auf Mittel der fiktionalen Narration, wie etwa in der Nacherzählung eines Traumes und dessen Deutung, oder im Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer im Prolog, und selbst ein zur Waffe umfunktioniertes Küchenmesser kommt zum Einsatz.
Ein wenig überrascht es daher, im Abspann zu lesen, dass sich Ade mit Valeska Grisebach, Christoph Hochhäusler und Ulrich Köhler einige Vertreter der jungen Garde der sogenannten Berliner Schule als Berater zur Seite geholt hat. Alle Anderen ist das gar nicht so sehr anzumerken. In Filmen von Hochhäusler (Falscher Bekenner, 2005), Grisebach (Sehnsucht, 2006) und Köhler (Montag kommen die Fenster, 2006) vermitteln vornehmlich Totalen eine Spur des Authentischen im Zugriff des aktiven Betrachters auf die sich vor ihm ausbreitende Fiktion. Häufig bedarf es zudem der langen Dauer einer Aufnahme, bis sich dieser Eindruck herausdestilliert. Bei Ade dominiert hingegen die effektiv montierte, handlungsbeschleunigende Halbnahe. Eine Einstellung, die vor allem für die Zentrierung auf Figurenbewegungen und deren Verhältnisse untereinander, etwa in Fernsehserien, steht. Die keineswegs deckungsgleichen ästhetischen Konzeptionen der genannten Regisseure treffen sich mit Ades großem Wurf in der langsamen Entfaltung von Situationen, die beim Zuschauer nachhaltig ein schleichendes Gefühl des Unbehagens aufkommen lassen.
Filmkritik von Frédéric Jaeger
Veröffentlicht am 14.02.2009
Kommentare zu Alle Anderen
Max 19.07.2009 21:48
Leider erweist sich der Film durch seinen unerträglich, unentschieden und langweilig wirkenden Schauspieler und seine hilflose, um Anpassung bemühte Freundin als zunehmend stinklangweilig. Schließlich sind wir aus dem laufenden Film gegangen, was uns bisher noch nicht passiert ist. Als Theaterstück vielleicht etwas konzentrierter inszeniert möglich.
Schade, von uns nur Leuten zu empfehlen, die wir ärgern wollen.
Peter Gerber 20.08.2009 17:27
Die Persönlichkeit insbesondere der männlichen Hauptfigur zeigt kaum eine Entwicklung;ein Hauptgrund wohl dafür, dass ich als Zuschauer den Eindruck hatte, dass die Handlung auf der Stelle tritt;insbesondere ist das Verhalten dieser Figur für mich häufig psychologisch nicht nachvollziehbar; absolut positiv fand ich in diesem Film die beeindruckende schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin - für mich allerdings kein Grund, diesen Film weiterzuempfehlen.
Frank Andreas 23.08.2009 14:00
Bonjour Tristesse. Die Allgemeine Leere des Films erstaunt.
Gesagt mit Intelligenz wird fast nichts, auch die Ehrlichkeit bleibt auf der Strecke. So auch die Liebe. Also Zeitgeist???
Zwei langweilige Stunden Cinema, nur fuer die Suizidalen!
Toppo und Sebastian 06.09.2009 01:02
Den bisherigen Kommentaren ist nichts hinzuzufügen. Nach zwei Stunden stinkend langweiligem Kino wäre jedes weitere Wort reine Zeitverschwendung...
Sitti 14.09.2009 09:58
Der Film ist die reinste Folter ! Ich habe jahrelang nicht mehr so einen amateurhaften, langweiligen Film gesehen.
birthe 03.10.2009 16:10
tja, bin hier wohl die Einzige, der dieser Film gefallen hat. (Kenne aber auch noch andere (-; ...)
Mir gefiel gerade die Authentizität der beiden Darsteller, so langweilig der eine, so herausfordernd der andere auch rüberkommen mag. Was bleibt ist ein Gefühl, dass die Auseinandersetzung mit dem Alltag (auch im Urlaub) durchaus subtilere Momente enthält, die gemeistert werden wollen. Das Ende der Geschichte wurde nicht vorweggenommen, sondern liegt im Ermessen des Betrachters. Das macht diesen Film reizvoll.
Dank an beide Hauptdarsteller!
Frédéric 04.10.2009 13:57
@birthe: Du bist nicht die Einzige, siehe meine Kritik. Und mit mir waren noch viele andere begeistert. Kommentare äußern nur oft Leser, deren Gemüter gerade besonders erhitzt sind, repräsentativ ist das aber sicherlich nicht!
Pia Roth 08.05.2010 16:03
einer meiner absoluten Lieblingsfilme !!
wie detailliert und tiefgründig die Regiesseurin Beziehungs-und Gefühlsinhalte ins Zentrum ihres Films stellt, mit welcher GEnauigkeit und Subtilität sie die Thematik des Berufs als Priorität des männlichen Protagonisten in zumindest dieser Lebensphase darstellt und gleichzeitige Ringen seiner überaus lebedigen Freundin um Nähe, Begegnung und Beziehungsintensität hat mich sehr berührt und ist im Kino bisher absolut einzigartig !
Zudem waren und sind mir beide Darsteller äusserst sympathisch.
ein Innovativer, überaus mutiger Film !
HK 07.04.2011 22:58
Leider wird keine für mich erkennbare 'Geschichte' transportiert und für das, was man ohnehin um sich erleben kann ist es insgesamt schon sehr flach. Naja, diesmal Architekt und PR-Hippe. Toll.
Da liest sich ja die Kritik oben interessanter ("Im Gegenteil, die Regisseurin setzt gezielt auf Mittel der fiktionalen Narration, wie etwa in der Nacherzählung eines Traumes und dessen Deutung, oder im Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer im Prolog, und selbst ein zur Waffe umfunktioniertes Küchenmesser kommt zum Einsatz").
Hauptsache, das gesamte Team hatte einen 'wahnsinnig anstrengenden' aber netten Aufenthalt irgendwo im Süden.
... 07.04.2011 23:17
also hab den film grad auf arte gesehen. und finde ihn großartig. kein bisschen langweilig, es passiert so viel, obwohl nicht viel passiert. einfach ein großartiger ehrlicher film!!! arbeite selbst beim film und kann nur an alle beteiligten ein ganz großes lob aussprechen, ein deutscher film, der wirklich gut ist.
SMB 10.04.2011 10:10
Spannend lähmender Film 8.4.2011
Mir gefiel der Film sehr gut - vor allem wegen der schauspielerischen Leistung von Birgit Minichmayr. Gleichzeitig war er entsetzlich nervtötend, beschwerlich, kaum auszuhalten - welch eine Freude, wenn dann endlich mal ein Messer gezückt wird und eine Handlung einsetzt - und gerade darin sehe ich seine Stärke und seinen Anlass zum Nachdenken. Wer hat nicht schon auch neurotisch lange um eine Tiefe (der Beziehung, nicht des Filmes )gerungen, die es nicht gab???
JM67 25.04.2011 20:21
Dieser Film mit seinen feinmaschigen Dialogen drückt sehr gut die Komplexität der zwischenmenschlichen Beziehungen aus.
Hat mich an die Filme von Jacques Rivette
erinnert.
Allerdings hätten es, meine ich, 90 Minuten auch getan und die mit Akribie gefilmten Sexszenen bringen nichts zur Sache.
Birgit Minichmayr ist eine grossartige Schauspielerin.
JM67 25.04.2011 20:26
Verzeihung!
Meinte in meinem Kommentar natürlich Eric
Rohmer und nicht Rivette.
talia 21.06.2011 01:08
also ich fand den film schlicht und einfach sehr gut!
es soll dem zuschauer auch keine "geschichte" an sich erzählt werden, sondern es wird einem das gefühl vermittelt, wirklich "nah" am geschehen dran zu sein! im alltag weiß man auch nicht, was als nächstes geschieht und hier ist es ebenso! ich finde beide darsteller herausragend und man habt bei beiden sehr wohl eine veränderung bemerkt! er versucht sich stärker dem alpha-männchen hans anzugleichen, gitti geht ein stück mit sana mit, bleibt jedoch auf der hälfte stehen und merkt, dass sie es bei aller liebe zu ihrem freund, nicht fertig bringt, so ein leben wie "die anderen" zu führen!
ich glaube, dass beide zum schluss eine chance haben, da chris feststellt und merkt, dass er das ebenso wenig möchte un d er gitti so liebt, wie sie ist!
für sie war es meiner meinung nach wichtig, zu fühlen, dass auch er das begreift und weiß, was er will! denn sie liebt ihn. da steht garnicht zur frage! gegensätze ziehen sich an, können wiederum verherend aufeinader wirken. trotzdem arbeitet der film sehr stark heraus, dass eine beziehung unter den umständen "machbar" ist.
inga 22.06.2011 13:17
Man sieht in dem Film deutlich den negativen Einfluss des erfolglosen Architekten auf seine anfangs begeisterte PR-Freundin. Zum Schluss ist sie schlapp, macht nichts mehr, er hat ihr alle Energie geraubt und sie will ihn verlassen. Traurige Entwicklung, die Wanderung sollte wohl zeigen, was passiert. Sie geht hinter ihm her, aber er hat kein Ziel.
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Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Alle Anderen
Deutschland 2008
Laufzeit: 119 Minuten
Regie: Maren Ade
Drehbuch: Maren Ade
Produktion: Janine Jackowski, Dirk Engelhardt, Maren Ade
Bildgestaltung: Bernhard Keller
Montage: Heike Parplies
Darsteller: Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Hans-Jochen Wagner, Nicole Marischka, Mira Partecke, Atef Vogel, Paula Hartmann, Carina Wiese, Laura Zedda, Claudio Melis
Kinostart: 18.06.2009
DVD-Angaben
Titel: Alle Anderen
Vertrieb: EuroVideo
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 119 Minuten
Extras: Laufzeit Bonusmaterial ca. 50 Minuten ; Audiokommentar mit Birgit Minichmayr, Lars Eidinger und Maren Ade; Exklusives Special: Ein Sommer ohne Chris; Exklusives Special: Ein Sommer ohne Gitti; Deleted Scenes; Outtakes; Interviews; Trailer
Verleih ab: 04.03.2010
Verkauf ab: 11.03.2010
Copyright Alle Anderen
Fotos: © Prokino
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
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