All Is Lost

Eine Meditation auf die Todesangst.

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André Bazin meinte einmal, die Tiefsee-Bilder im Kino würden die ganze Mythologie des Wassers sichtbar machen, die auf ein geheimes, tiefes, unvordenkliches Einverständnis in uns selbst treffe. Der philosophische Spagat, der in dieser These steckt, ist enorm: Das Kino wird zum Medium der Anthropogenese, im Unterwasser-Film erleben wir den Mythos unseres eigenen Ursprungs. Vielleicht sind wir heute immunisierter, haben das Innere der Ozeane mit Bildern leergesogen, sind resistent geworden gegen die überwältigende Poetik dieses grenzenlosen Universums. Vielleicht tritt aber mit All Is Lost auch ein Film in unser Bewusstsein, der uns abermals an den Anfang stellt, an den Anfang der Frage von Mensch und Ozean, ganz gleich, ob wir das Rätsel denken oder fühlen oder beides. Zu oft sehen wir den schiffbrüchigen Mann (Robert Redford) von unten, als dass wir darüber hinwegsehen könnten. Von unten, das heißt aus der Tiefe des Meeres, aus dem Nichts und aus dem grundsätzlichsten Lebenselement zugleich. Überhaupt ist dieser Blick vielleicht schon Grund genug, das Kino als philosophische Praxis anzuerkennen, ist es doch ein Perspektivismus, der sich schon einmal damit abfinden muss, dass die Wirklichkeit, wenn überhaupt, nur als gebrochenes Licht erscheint.

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Der Großteil von All Is Lost spielt aber an der Wasseroberfläche; dort kämpft ein Mann alleine ums Überleben. Irgendwo im Indischen Ozean ist sein Segelschiff mit einem über Bord gegangenen Frachtcontainer kollidiert, der ein tiefes Leck in den Rumpf gerissen hat. Regisseur J.C. Chandor gewährt dem Film kaum eine Anlaufphase: Das Drama beginnt in medias res, und gleich zu Beginn erfahren wir auch dessen bitter-ironisches Signum. Aus dem Container werden Schuhe herausgespült. Woher sie kommen und wohin sie hätten verschifft werden sollen, ist klar, denn obwohl dieser Container im ortlosen Raum umherdriftet, ist er ausreichend bestimmt, als Sinnbild, das sich nicht zuletzt aus dem Vorgängerprojekt des Filmemachers erklärt. Nachdem Chandor in Der große Crash – Margin Call (Margin Call, 2011) die dramatische Kollision globaler Ströme zu einem Zahlenspiel rationalisiert hat, entmystifiziert er in All Is Lost den Eisberg. Dieser Zusammenstoß mit dem Schuhcontainer hat nichts Schicksalhaftes, nichts Tragisches, er kündet vielmehr von dem rauen Zynismus einer ganz und gar unmystischen Globalisierungspanne. Dass diese schwimmende Allegorie ebenso schnell wieder davontreibt, wie sie angespült kam, ist das eigentlich Komische und gleichzeitig das eigentlich Hoffnungslose – eine bizarre, aber umso hervorstechendere Mischung, eine brillante Passage eines durchgängig beeindruckenden Filmkunstwerks.

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Das Außergewöhnliche von All Is Lost liegt aber nicht in seiner unkonventionellen Grundstruktur. Zwar sieht man einen Film mit nur einem Darsteller, der beinahe gänzlich ohne Sprache auszukommen hat, denkbar selten. Das Bemerkenswerte ist hier aber eine Wirkung, die zusätzlich noch entfesselt werden muss, die nicht einfach schon durch das Setting gegeben ist. So sehr der Film auch alles um seinen Darsteller zentriert, so sehr bleibt er nach allen Seiten hin offen, wie der Raum, in dem er verortet ist, der Ozean, der bereits an allen Rändern des Bildkaders mit seiner Ewigkeit droht. Für die Dauer des Films wird dieser Raum kein Ende finden, keine Erdung und keine Stabilität. Wer hier zusieht, wird selbst verloren gehen.

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Das Erschütternde an der kosmischen Angst ist der Frieden, der sich in den Affekt mischt. Er ist nicht sichtbar, eher ist er das gespenstische Echo der Empfindung. Wir werden uns dem Drama des Schiffbrüchigen nicht entziehen können. Die Machtlosigkeit, der er ausgesetzt ist, empfinden wir in unserer hilflosen Zuschauerrolle. Wir erleben Redford nicht einfach als panisch und mutlos, wir erleben, wie er geradezu eine Aura der Todesangst heraufbeschwört, der wir widerstandslos preisgegeben werden und zu der wir gleichzeitig in Distanz treten können. Der Unglückliche hat keinen Namen – das ist ebenso wahr, wie es falsch ist. Im Englischen heißt er „Our Man“, und das heißt: Wir identifizieren uns nicht mit seiner Geschichte, sondern mit seiner Wahrnehmung, seinem Empfinden, und genau hier erreicht All Is Lost die Unabgeschlossenheit, die ihn so meisterhaft auszeichnet.

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Was hier offen bleibt, ist die Wahrnehmung selbst, unsere Wahrnehmung, das, was wir durch den Film erfahren und was wir gleichzeitig von ihm trennen dürfen und müssen. So wird es schwierig werden, zumindest in diesen Tagen, nicht an Lampedusa zu denken, mehr noch, uns der Spur einer Ahnung zu widersetzen, die wir durch den Film miterleben: eine entsetzliche Meditation auf die Todesangst. Man mag das vielleicht als die höchste Kunst des Kinos erachten, wenn es der Film schafft, aus sich selbst herauszutreten, mehr noch, etwas loszutreten, was er selbst nicht mehr ist. All Is Lost jedenfalls ist so ein Kino, das nicht nur verschiedene Perspektiven auf sich gewährt, sei es die Kapitalismuskritik, der Kampf des Menschen gegen die Natur, die einfache Frage von Leben und Tod, und wann sie einander ablösen, sondern selbst schon unterschiedliche Wirklichkeiten besitzt, die sich ineinanderschieben, sich widersprechen, einander aufheben mögen. So gesehen scheinen die Unterwasser-Bilder auch nicht nur auf den Schiffbrüchigen zu blicken, der dort oben als zuckendes Schema treibt, vielmehr blicken sie auf das Kino selbst, auf eine Lichtkunst, durch alle Schichten des Lichts hindurch.

Trailer zu „All Is Lost“


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