Alki Alki – Kritik

Mein Freund, die Sucht: Axel Ranisch gibt der Alkoholabhängigkeit zwei Gesichter und folgt ihnen auf ihrem unaufhaltsamen Bergab.

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Das Rätsel währt nicht lang und wird elegant aufgelöst: „Schlaf gut“, sagt Anika (Christina Große) den beiden betrunkenen Männern, die in ihrem Bett liegen. Der Gebrauch des Singulars fordert das Gesehene auf seltsame Weise heraus. Er wirkt tatsächlich noch absurder, weil die beiden Männer geradezu massig sind; ihre vom Trunk so trägen Körper widersetzen sich der Zusammenfassung im Singular. Der erste Mann heißt Tobias (Heiko Pinkowski). Es ist Anikas Ehemann, ihm galt das „Schlaf gut“. Der zweite heißt – so ein selbsternannter Troubadour (Robert Gwisdek alias Käptn Peng), den Axel Ranisch immer wieder ins Bild lässt, um das Geschehen singend zu kommentieren – Flasche (Peter Trabner). In den ersten Minuten des Films mochte man ihn für einen Voyeur, einen Saufkumpanen oder das dritte Glied einer routinierten Ménage-à-trois gehalten haben. Er ist all das, und er ist es nicht. Flasche ist Tobias’ Alkoholabhängigkeit; die zu Fleisch gewordene Sucht. Flasche stiftet zum Trinken an, Flasche trinkt mit, Flasche trägt Tobias nach dem Gelage ins Bett und flüstert ihm in einer innigen Umarmung zu, dass er ihn lieb hat; und weil die Idee prächtig aufgeht, mutet die Zärtlichkeit viel weniger homoerotisch als selbstbefriedigend an.

Dämon mit freundlichem Gesicht

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Die Spannung zwischen dem Singular und dem Plural, dem Süchtigen und seiner Sucht durchzieht den ganzen Film. Alki Alki kontrastiert beide weniger, als sie zu einem Kontinuum zu vereinen, in dem unentwegt der Platz des einen und des anderen ausgehandelt werden. Als Gestalt ist Flasche zwar nur für Tobias sichtbar, doch auch Anika, die fürsorgliche Ehefrau, muss ihn und seine Sucht auseinanderhalten, um an seine Genesung zu glauben. Tobias wiederum kann die Sucht nur besiegen, wenn er sie gefügig macht, ihr die Eigenständigkeit abspricht, sie sich wieder zu eigen macht, als etwas, das man beherrschen kann. Die Regieentscheidung, die Sucht darstellerisch an einen Dritten auszulagern – weniger also ein Figurensplitting als ein Triebkraftsplitting vorzunehmen –, beleuchtet auf eigene Weise das Verhältnis zwischen dem Süchtigen und der Sucht und damit die Natur der Sucht selbst. Zunächst zeigt sie ihre Verselbstständigung und Allgegenwart: Flasche ist weder beiseitezuschieben noch zu übersehen. Der pummelige Mittvierziger ist immer dabei, ob es ums Trinken geht oder nicht. Er ist da, wenn Tobias und Anika Sex haben; er ist da, wenn Tobias auf die drei gemeinsamen Kinder aufpasst; er ist da, wenn Tobias mit seinem Architektenkollegen Thomas (Thorsten Merten) der Kundin einen Sanierungsvorschlag unterbreitet. Er ist da und sagt: Trink doch, du darfst. Es ist ein Dämon mit einem freundlichen Gesicht.

Soziale Selbstbefriedigung

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Und er ist umso freundlicher, je unfreundlicher, fordernder, bedrängender die Gesichter der anderen – Anika, der Kinder, Thomas – werden, je unweigerlicher Tobias in die Einsamkeit treibt. Die Figur der Flasche zeigt, wie die Abhängigkeit zu einem Kumpanen aufsteigt, die Befriedigung sozialer Bedürfnisse an sie ausgelagert wird, während die Stützen im anderen, dem Leben in Nüchternheit, wanken. Man könnte es soziale Selbstbefriedung nennen, ein Vortäuschen eines sozialen Lebens, während Tobias und sein nüchternes soziales Umfeld einander immer mehr entgleiten. Alki Alki dokumentiert ziemlich genau das gegenseitige Entfremden, die Versuche, wieder zueinander zu finden und dann, immer wieder, mit bitterer Beständigkeit, das Enttäuschen. Flasche ist noch da.

Rausch und Kater

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Alki Alki ist schonungslos. Der Film scheut sich nicht vor dem animalischen Zechen, nicht vor der Gewalt, nicht vor dem Zerschmettern der so behutsam erwachsenen Hoffnung. Die Kamera kennt keinen Ekel, ist ganz nah am zermürbten Fleisch, an der verschwitzten Stirn. Das Gefühl der Zerstörung durchzieht den Film, der Zerstörung des eigenen Körpers, des eigenen Lebens. Das Gefühl eines unaufhaltsamen Bergab, das im Laufe des Films an Geschwindigkeit gewinnt: Die Sucht wächst, die Hemmungen fallen. Das Gefälle zwischen Tobias und den anderen – der Frau, den Kindern, dem Firmenkompagnon – wird größer und will mit Alkohol gefüllt werden, immer mehr Alkohol. Dabei verzichtet Alki Alki nicht darauf, die Euphorie zu zeigen. Weil sie aber nur im Rausch währt, weil sie auf so wackeligen Füßen steht und betrügerisch ist, flackert sie immer nur kurz auf, bis zum Kater eben.

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Die Rauschszenen bilden einen fulminanten Gegenpol zur Härte des Verzichts, dem sich Tobias dann irgendwann verschreibt. Inmitten von deutlich jüngeren Partygängern und zu den Klängen einer maskierten Band dröhnen sich Tobias und Flasche zu, heizen sich gegenseitig an. Sie begegnen einer märchenhaften Dame, der Russin Galina Schnurkinowa (Iris Berben), die Tobias Großes verspricht. Alles ist möglich. Dann wird Flasche von Tanzenden in die Höhe getragen: Die Sucht ist im Zenit. Am Ende, nach dem Kreuzweg über Krankenhaus und Entzugsklinik, liegt Flasche wieder sternförmig da, eine schwere Leiche im Wasser. Aber auch diese letzte Hoffnung weiß Alki Alki auseinanderzureißen. Als Tobias zurück ins Zimmer geht, sitzt Flasche quicklebendig da. Die Sucht ist nicht totzukriegen.

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