The Saints - Sie kannten kein Gesetz

Abgesang aufs Gangsterpärchen.

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Spricht man von einem „müden Film“, dann ist das in der Regel abwertend gemeint. Es soll heißen, dass ein Film über altbekannte Mechanismen funktioniert, dass der Inszenierung oder den Darstellern die Intensität abgeht oder dass er einfach müde macht, als einzige Reaktion ein Gähnen hervorruft – langweilig ist. Aber Müdigkeit und Langeweile, das sind doch zwei sehr unterschiedliche Dinge. Langeweile bedeutet, kein Verhältnis zu etwas zu finden, während Müdigkeit nicht nur Schlafbedürfnis meint, sondern auch eine mit diesem Zustand einhergehende Art der Wahrnehmung, die der Melancholie näher ist als der Langeweile – vor allem, wenn das Schlafen nicht möglich ist. „Ich habe vier Jahre nicht geschlafen. Ich bin müde“, sagt Ruth (Rooney Mara) zu dem neben ihr sitzenden Polizisten und beendet damit diesen Abend zu zweit, der in einem anderen Film hätte romantisch sein können. Doch aus der Perspektive der Müdigkeit ist Romantik nur noch eine vage Erinnerung, die keine großen Kinogefühle mehr zulässt.

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Ruth ist müde, weil sie wartet, auf Bob (Casey Affleck), ihre große Liebe aus wacheren Zeiten. Lowery beschränkt die Darstellung ihrer Zweisamkeit auf eine Anfangssequenz, in der Bob und Ruth durch ein lichtdurchflutetes Feld streifen, zwei Körper im Blickfeld der Kamera, zwischen die sich immer wieder ein paar abendliche Sonnenstrahlen drängen, auf der Tonspur ein Streit, den wir nicht einordnen können, weil wir diese Menschen nicht kennen. Diese Ästhetik und das Setting der Geschichte in den 1970er Jahren lassen schnell an die frühen Filme von Terrence Malick denken, die neuerdings wieder stärker ins Blickfeld gerückt sind. Doch The Saints - Sie kannten kein Gesetz (Ain’t Them Bodies Saints) reitet nicht auf der Malick-Welle, lässt sich nicht mitreißen, sondern hält auch dagegen. Die himmlischen Tage, die mit dem poetischen Stil der Eingangsszene beschworen werden, sie sind nur noch ein Horizont, so weit entfernt, dass jeder Blick in seine Richtung nur müde machen kann. Denn Ruth und Bob waren ein Gangsterpärchen, Ruth hat aus einer verzweifelten Lage heraus einen Cop angeschossen, und Bob sitzt dafür im Gefängnis. Sie hat ein Kind von ihm, das er nicht kennt. Er hat versprochen, sie irgendwann wiederzusehen, sie hat versprochen zu warten.

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Der Film beginnt nicht mit dieser Konstellation, er ist diese Konstellation, denn die kriminelle Vergangenheit von Bob und Ruth ist uns ebenso versperrt wie den beiden eine gemeinsame Zukunft. Lowery erzählt keine Geschichte, er bringt uns so nah wie nur möglich an das Gefühl der Abwesenheit, indem er Ruth und Bob filmische Verbindungen schenkt, ohne sie je in derselben Einstellung zu zeigen. In ungemein kräftigen, impressionistischen Bildern von Bradford Young eingefangen, mit einem manchmal etwas zu penetranten, aber atmosphärisch doch passenden Score unterlegt, folgen wir mal Ruth und mal Bob in ihrer Einsamkeit, die Lowery völlig ohne Traurigkeit und Tränen hervorruft und die von Affleck und Mara ohne dramatische Emotionsausbrüche gespielt wird. Für Ruth tritt allmählich der bereits erwähnte Polizist Patrick (Ben Foster) in die Lücke, der sich unaufdringlich und gutmütig um sie und ihre Tochter kümmert.

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Mit Setting und der angedeuteten Vergangenheit von Bob und Ruth beschwört Lowery das Motiv des Gangsterpärchens, das gerade um die Wende von Sixties und Seventies, in der sein Film spielt, verstärkt aufgetaucht ist – in den Badlands (1973) oder bei Bonnie und Clyde (1967). Doch diese Beschwörung ist zugleich ein finsterer Abgesang, denn The Saints beginnt, wo diese Filme endeten – mit Verhaftung und Trennung. Zwar bricht Bob bald aus dem Gefängnis aus, doch seine Liebesbriefe sind auch den Sheriffs längst bekannt, und so bedeutet ein flüchtiger Bob nur eine strengere Überwachung von Ruth, seine Flucht führt von der Disziplinierung in die Kontrolle und macht ein Wiedersehen nicht wahrscheinlicher, sondern schiebt es auf noch tragischere Weise auf.

Die Trennung des Gangsterpärchens, sie ist nicht nur Verbot einer Liebe, sondern vor allem Unterbindung einer rohen Allianz, weil Liebe in den besten dieser Filme von krimineller Energie nicht zu trennen ist. Das Gangsterpärchen ist kein glückliches Paar, das plötzlich auf die schiefe Bahn gerät, es entsteht vielmehr mit der ersten Begegnung, aus der spontanen Verbindung zweier Menschen, deren Begehren nicht in Zweisamkeit aufgeht, sondern nach außen drängt, in die Badlands. In The Saints kreisen Bob und Ruth dagegen nur noch um sich selbst, sind zum Briefeschreiben verdammt wie Lowery zum Erfinden von kleinen Ersatzgeschichten und Nebenfiguren, weil seinem Gangsterpärchen das Außen abhanden gekommen ist.

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Begegnung und Verbindung sind nicht alles. Das Gangsterpärchen ist ebenso angewiesen auf die Öffnung eines Möglichkeitsraums und eines Zeitfensters, auf das Ziehen einer Fluchtlinie, die Entdeckung einer eigenen Frontier. Das Kino des New Hollywood war vielleicht ein solcher Raum, auch wenn sich texanische Weiten im Narrativ häufig genug als Schlinge entpuppten, die sich nur lockerten, um am Ende umso straffer zugezogen zu werden. Bei Lowery sind die Fluchtlinien längst verstopft, jedes mögliche Wiedersehen im Voraus verdammt, weil der Polizist immer schon da ist. Die Schlinge ist von Anfang an zugezogen, das macht den Film so schmerzhaft, so müde.

Trailer zu „The Saints - Sie kannten kein Gesetz“


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