Aftershock – Kritik

Erst die Party, dann das Sterben.

Aftershock 01

Leinwandreisen, an denen Eli Roth beteiligt ist, enden tödlich, das ist bekannt. Nicht nur in Osteuropa, auch in Südamerika. Genauer gesagt in Chile: Dort besucht Gringo (gespielt von Roth selbst, der den Film auch produziert hat und am Drehbuch beteiligt ist) seinen Kumpel Ariel (Ariel Levy). Gemeinsam mit dessen angesagtem, weil wohlhabendem Jugendfreund Pollo (Nicolás Martínez) wollen sie einen klassischen Junggesellentrip starten. So steht das komplette erste Drittel von Aftershock ausschließlich im Zeichen des Partymachens. Einleitend zeigt der Film musikvideoartig die drei Mittdreißiger, wie sie auf der Tanzfläche eines schicken Clubs sich selbst zelebrieren. Daran schließen sich Werbeclipmomente mit entsprechender Hochglanzästhetik an. Man könnte fast meinen, man wäre wieder mit den Typen aus Hangover (2009–2013) unterwegs, zumal Nicolás Martínez problemlos als Zach-Galifianakis-Double durchgeht.

Aftershock 04

Der Inhalt ihres Streifzuges durch diverse Partys, eine Weinverkostung und einen Swimming Pool beschränkt sich mittels einer MTV-Dating-Show-Dramaturgie auf die Bemühungen, weibliche Gesellschaft „klarzumachen“. Diese anfängliche Akzentuierung dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass der Chilene Nicolás López, Regisseur und Co-Autor von Aftershock, bisher vor allem Beziehungskomödien in Szene gesetzt hat. Gringos und Ariels unbeholfenes Vorgehen sorgt ebenso wie Pollos machistische Art für genretypisch derbe Witze und einige Schmunzelmomente – ein paar Situationen könnten glatt einem Judd Apatow-Film entsprungen sein. Amüsant ist hier insbesondere, wie sich manche Frauenfiguren ihrer Reduzierung auf naive Aufrissobjekte entgegenstellen. Als Gringo das russische Model Irina (Natasha Yarovenko) anmacht, indem er ihr auf Pollos Rat hin vorlügt, er könne sie mit einem Agenten in Los Angeles bekannt machen, verweist diese kurzerhand auf ihr sechsstelliges Jahresgehalt.

Wenn in einer weiteren Clubszene schließlich der Raum zu beben anfängt, und der lokale Diskostar von einer riesigen Lautsprecherbox zerquetscht wird, hat López die Feder anscheinend an den Co-Autor übergeben. Aufs Partymachen mit Eli Roth folgt eben nicht der Hangover, sondern der tödliche Aftershock. Der spaßige Teil ist vorbei und der Überlebenskampf beginnt.

Aftershock 06

Sämtliche Figuren sind kaum mehr als die Verkörperung altbekannter Stereotype der zotigen Romantic Comedy. Es scheint ein wenig so, als wollte Roth diesen verwöhnten und arroganten „Weicheiern“nun zeigen, wo der Hammer hängt, indem er sie mittels Erdbeben abrupt aus ihrer bunten Glamourwelt in die düsteren und blutigen Gefilde seiner Splatterfilme hinüberschüttelt. Ähnlich wie bereits in Hostel (2005) lässt Roth die Figuren mit der pervertiert zugespitzen Umsetzung eines zunächst nur in ihren Köpfen vorherrschenden Gemeinplatzes, in dem „Third-World“-Projektionen Teil der Entertainment-Erwartung sind, kollidieren. Plötzlich finden sich die drei Freunde und die frisch kennengelernten Partyhäschen im totalen Chaos wieder, in dem jeder nur noch für sich selbst kämpft. Wer hier anderen eine helfende Hand reicht, sollte nicht davon ausgehen, sie zurückzubekommen.

Fortan müssen sich die sechs Überlebenden ihren Weg aus den Clubruinen durch die Trümmer der zerstörten Hafenstadt Valparaíso bahnen. Dabei sind die immer wieder eintretenden Nachbeben noch eines ihrer geringsteren Probleme. Die größere Gefahr stellt eine Bande von durch das Erdbeben freigekommenen Häftlingen dar, die die Gruppe verfolgen, um ihren im Gefängnis unterdrückten Sexualttrieben endlich Luft zu machen. Und so dezimiert sich die Gruppe vor den Kulissen eines Katastrophenfilms gemäß den Regeln des Terrorfilms. Die völlige Absenz einer klaren Helden- oder auch nur Hauptfigur sorgt dabei für Unvorhersehbarkeit. Und wieder sind es die Frauenfiguren, die überraschen, wenn sie sich als ausdauernder erweisen, als man es ihnen nach ihren anfänglichen Auftritten als zierliche Blickfänge zugetraut hätte.

Aftershock 08

Wie in den meisten Horrorfilme können auch hier erzählerische Schwachstellen nicht vermieden werden, doch sollten Genrefreunde sich davon nicht zu sehr aus der Bahn werfen lassen. Gepunktet wird jedenfalls mit einigen wohl platzierten Schreckmomenten und vor allem mit der handwerklich wirklich gelungenen Inszenierung, die angeblich durch gerade einmal zwei Millionen Dollar ermöglicht wurde. Besonders erfreulich ist dabei, dass weitestgehend auf CGI verzichtet wurde. Aftershock bietet solides Party-Horror-Kino im wörtlichsten Sinne und gewährt unterhaltsame 90 Minuten, wenn man den Film als das annimmt, was er ist: eine Spielwiese, auf der Horror-Ikone Roth zum einen seinem jungen Protegé López die Möglichkeit gibt, auch mal die härtere Gangart auszuprobieren und sich damit einem internationalen Publikum vorzustellen, und zum anderen kaum eine Gelegenheit auslässt, sich in seiner Filmrolle als amerikanischer Klischeetourist zum Affen zu machen.

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