Nach der Revolution

Das ewige Dröhnen des sozialen Ausnahmezustands und die Leere nach der Revolution.

After the Battle

Dass Ägypten nach seiner rauschhaften Revolution mit lang anhaltendem Kater erwacht ist, dass im Aufstandstaumel auf dem Tahrir-Platz geschworene Solidaritätseide schneller vergessen wurden, als man „Demokratische Wahlen“ sagen kann, haben die Ereignisse des letzten Jahres bewiesen. „Tahrir“ ist wohl auch deshalb so schnell zu einem Symbolbegriff geworden, weil die dortigen Geschehnisse mit der ägyptischen Alltagsrealität nicht in Einklang zu bringen waren. Es war ein kurzer, utopischer Moment, in dem sich eine Gesellschaft blitzartig der Möglichkeit ihrer Einigkeit bewusst wurde, nur um alsbald wieder durch die brutal herabsausenden sozialen Schranken zerteilt zu werden.

Insofern liefert Yousry Nassrallahs Post-Tahrir Bestandsaufnahme Nach der Revolution (Baad el Mawkeaa) ein authentisches Bild dieser zerrütteten ägyptischen Gesellschaft ab auch wenn dies mindestens ebenso seinen Makeln wie seinen Stärken geschuldet ist. In der recht zusammengeschustert wirkenden Romanze zwischen einer feurigen Revolutionärin aus der privilegierten Oberschicht (Mena Shalaby) und einem der berüchtigten Reiter (Basem Samra), die am 2. Februar 2011 auf Pferden und Kamelen in die protestierende Menge einfielen, treffen zwei paradigmatische Vertreter der unteren und oberen Gesellschaftsschichten aufeinander.

Eigentlich ist alles, was sich im Film ereignet, auf diesen simplen, fast naiven Kern zu reduzieren: gebildete Weltverbesserin trifft auf einen der ewig Chancenlosen. Doch in unzähligen, meist hitzig geführten Streitereien gerät diese scheinbar klare Konfliktlinie unablässig aus dem Fokus. Frustrierend inkohärente Figuren rennen dabei unablässig gegeneinander und gegen die ganzen Unrechtsstrukturen an, die Ägypten überhaupt erst in die Staats- und Gesellschaftskrise gestürzt haben: Unterdrückung der Frau, rigide Ehrverständnisse, wirtschaftliche Ausbeutung, Sozialneid, Korruption und, ja, Gewalt gegen Tiere. In beinahe jeder Diskussion verknoten sich diese Stränge, bis man keine Ahnung mehr hat, ob da jetzt Mann gegen Frau, Arm gegen Reich oder Recht gegen Kriminalität ankämpft.

After the Battle 01

Doch diese allgemeinen Bezugslinien hängen permanent in der Luft, sie durchkreuzen die Figuren zu jedem gegebenen Zeitpunkt und ergreifen von ihnen Besitz. Die Protagonisten sind charakterliche Leerstellen, in die sich je nach Situation jede beliebige gesellschaftliche Bruchstelle einschreiben kann, sie sind menschliche Schauplätze für soziologisches Schwafeln im luftleeren Raum.

Dennoch ist Nach der Revolution sicherlich aufrichtig in seiner Ratlosigkeit. Überall ist Konfusion, ist kommunikativer Stillstand bei höchster Umdrehungszahl, ist das gebrüllte Verweigern der Erkenntnis, dass hier keine Träume mehr formulierbar sind, dass man nach dem sozialen Wirbeln des Arabischen Frühlings nicht mehr weiß, wer wo steht und mit wem man redet.

Einige Schwerpunktsetzungen Nasrallahs sind dabei durchaus bemerkenswert: Das Spiegeln des menschlichen Wahnsinns in der gleichgültigen Leidensbereitschaft der Tiere etwa, oder die Obsession der Ägypter mit Digitalkameras, die nach der Facebook-Revolution immer und überall dabei sind, um in der Echokammer des WWW jeden noch so nichtigen Augenblick sofort in die niemals abschwellende postrevolutionäre Aufgeregtheit einzuspeisen.

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All dies ändert jedoch nichts an der Einsicht, dass Nach der Revolution ein erschreckend reizloser Film ist. Er ist sichtlich der Aktualität geschuldet, mit einem penetranten Hang zu Rechthaberei und Kitsch und ohne wirklichen filmischen Einfallsreichtum. Die Sets sind in allen Regenbogenfarben ausgeleuchtet, die vielen Dialoge werden fast ausnahmslos im Schuss-Gegenschuss-Verfahren aufgelöst, die Musik drückt in den unpassendsten Momenten düster gegen die Bilder, und die Kamera wackelt stets genug, um nicht den Kontakt zu den allenthalben eingefügten Youtube-Schnipseln zu verlieren. Wie man es auch wendet: Entweder wirken die inszenatorischen Entscheidungen Nasrallahs nicht zu Ende gedacht, oder allzu naheliegend, oder schlicht konservativ. Im zugegebenermaßen schönen Schlussbild scheint der Film auch für sich selbst Bilanz zu ziehen: Da erklimmt ein einsamer Mann eine der riesigen Pyramiden, die Kamera verlässt ihn nach einiger Zeit und steigt und steigt und steigt, fast eine Ewigkeit, bis endlich die Spitze in Sicht kommt. Ägypten hat noch einen weiten und steinigen Weg vor sich, soll uns dieses Bild mitteilen. Und ebenso Nach der Revolution: Da ist noch viel Luft nach oben. 

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