Adieu Philippine

Mitten im Nouvelle-Vague-Fieber vom recht unbekannten Jacques Rozier geschaffen, ist der wunderbare Adieu Philippine jedoch einer der charakteristischsten Filme des neuen französischen Kinos der 1960er Jahre.

Adieu Philippine

zoomicon

„Wir können euch nicht verzeihen, dass ihr niemals Mädchen so gefilmt habt, wie wir sie lieben, Jungen so, wie wir sie jeden Tag auf der Straße treffen, Eltern so, wie wir sie verachten oder verehren, Kinder so, wie sie uns erstaunen oder gleichgültig lassen, kurz, ihr habt nie die Dinge so gefilmt, wie sie sind“, beschuldigte Jean-Luc Godard im April 1959 das etablierte Kino und gab damit zugleich den Maßstab vor, an dem sich die Nouvelle Vague selber messen wollte. Diese Suche nach Authentizität und schauspielerischer Natürlichkeit findet in Jacques Roziers Debütfilm Adieu Philippine (1960) ihren Höhepunkt. Das geheime Meisterwerk der Nouvelle Vague ist eigentlich weniger eine Fiktion als vielmehr eine Reportage über seine Figuren. Rozier lässt seine Laiendarsteller ihre Dialoge auf der Basis eines vorgegebenen Handlungsschemas improvisieren. Mit den unzertrennlichen Freundinnen Liliane (Yveline Céry) und Juliette (Sefania Sabatini) genießt der 20-jährige Michel (Jean-Claude Aimini), Kameraassistent beim Fernsehen, seine letzten Wochen der Freiheit, bevor er zum Militärdienst nach Algerien eingezogen wird.

Adieu Philippine

zoomicon

Aufgrund technischer Probleme musste die ursprünglich direkt aufgezeichnete Tonspur aufwändig nachsynchronisiert werden. Dennoch gelingt es dem Film auf wunderbare Weise, neben den alltäglichen Gesten auch die Alltagssprache der französischen Jugend einzufangen. Mit viel Witz entwirft Adieu Philippine eine präzise Momentaufnahme des jungen Frankreichs mit seiner Faszination fürs Fernsehen und seiner unausgesprochenen Angst vor dem Algerienkrieg. Zum Beispiel erfindet Rozier die filmisch banale Dialogszene um einen Bistrotisch komplett neu durch das freie Sprechen der Schauspieler, das ausgelassene Kichern der Mädchen, die coolen Sprüche Michels und einen Schnitt, der durch Kadrierung und Rhythmus die Spontaneität der Dialoge trifft. An anderer Stelle begleitet die Kamera die beiden Mädchen in einer zweieinhalb Minuten (!) dauernden, durch wenige Jump Cuts unterbrochenen Seitwärtsfahrt auf ihrem Spaziergang durch Paris und übernimmt in den Bewegungen ihren federnden Schritt im Rhythmus der Off-Musik. In dieser Szene, die die neue Bewegungsfreiheit des Kinos zelebriert, ist die überschäumende jugendliche Lebensfreude des Films am intensivsten zu spüren.

Filmkritik von Almut Steinlein

Veröffentlicht am 12.11.2009

Kommentare zu Adieu Philippine

Es gibt bisher noch keine Kommentare.

Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Adieu Philippine. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.

Kommentar schreiben

*
*
*


*

Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.

Blog: Berlinale im Dialog

Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog

 
 

Film-Angaben

Titel: Adieu Philippine

Frankreich 1960

Laufzeit: 111 Minuten

Altersfreigabe: ab 16 Jahren

 

Regie: Jacques Rozier

Drehbuch: Jacques Rozier, Michèle O'Glor

Bildgestaltung: René Mathelin

Montage: Monique Bonnot

Musik: Jacques Denjean, Maxime Saury, Paul Mattei

Darsteller: Jean-Claude Animi, Yveline Céry, Stefania Sabatini, Vittorio Caprioli, Davide Tonelli, Nadine Staquet

 

Kinostart: 24.04.1963

 

Copyright Adieu Philippine

© Action Cinémas / Théâtre du Temple

 

Neue Kritiken

alle neuen Kritiken

 

Neueste Kommentare

 

Boardwalk Empire

Die erste Staffel der HBO Serie auf DVD weiter

 

Christoph Terhechte: abhängig, ohne Verpflichtungen

Interview mit Christoph Terhechte, Leiter des Forums der Berlinale. weiter

 

Überlebensstrategien im Japan der Nachkriegszeit

Retrospektive des japanischen Filmemachers Kawashima Yuzo im Forum auf der Berlinale 2012. weiter