Adieu au langage

Mit Augenschmerzen und Euphorie lässt man sich von Godard in die Untiefen der Kinozukunft schleudern.

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Wahrscheinlich hat Jean-Luc Godard mit Adieu au langage den ersten 3D-Film gedreht, von dem es niemals eine 2D-Variante geben wird. Niemals. Denn es ist unmöglich, dieses Biest durch Wegnahme einer Dimension zu zähmen. Schmeißen wir also alles über Bord, was bisher gemacht wurde mit der stereoskopischen Technik: weg mit der geheuchelten Räumlichkeit, weg mit den gesteigerten Immersionseffekten. Stattdessen lassen wir uns abstoßen, lassen wir uns den Blick entreißen, lassen wir zwei Schichten Flachheit anstelle einer illusionären Tiefe treten. Ab jetzt schaut jedes Auge einzeln. Und jedes Ohr hört für sich.

Störsignale aus der Bildtiefe

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Adieu au langage klamüsert die 3D-Technik auseinander, damit sie zuschauerfeindlich wieder rekonstruiert werden kann. So wie der Kopf auf Frankensteins Körper genäht wird – nur einer der vielen Verweise des Films auf das, was technologisch zusammengezwungen wird, auch wenn’s nicht zusammengeht. Zum Einstieg gibt es aber noch eine kurze Instruktion. Weiße Schrift auf schwarzem Grund: „2D“. Dann flackern zwei Buchstaben vor der Leinwand auf, riesenhaft und in Grellrot: „3D“. Verstanden? Vorne, hinten, übereinander. Schon vorher gab es Filme, in denen die antirealistischen Effekte des 3D betont wurden, zum Beispiel in Dredd (2012) oder Piranha 3D (2010, hier sogar durch ein Zitat geehrt). Godard radikalisiert diese Traditionslinie allerdings so weit, dass sie nichts mehr von ihren Wurzeln im Erzählkino bewahrt.

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Er hat einen Experimentalfilm gedreht, bei dem wir Zuschauer die Versuchskaninchen sind. Das heißt, uns wird audiovisuell Gewalt angetan. Wie viel verträgt unsere Wahrnehmung? Als Beispiel soll einer der verblüffendsten Special Effects des Films herhalten. Ein konventionelles, das heißt in Tiefenschichten segmentiertes 3D-Bild: Eine Frau sitzt links auf einer Bank, ein Mann steht vor ihr. Dann wendet er sich nach rechts ab, und eine der beiden Kameras folgt ihm, während die andere bei ihr bleibt. Die Augen schmerzen hinter der Brille, der Geist macht Kapriolen: Bilokation? Dann dreht er sich wieder um, zieht „seine“ Kamera zurück nach links, die beiden mechanischen Augen schnappen erneut ins rechte Verhältnis, der Tiefeneffekt ist zurück. Das Premierenpublikum in Cannes jubelt, wohl halb aus Erschöpfung, wie nach einer Achterbahnfahrt.

Schielende Dialektik

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Wenn Filme zu schauen bedeutet, sehend zu denken, dann erteilt Adieu au langage Unterricht im Schielen. Seine Bilder wie seine Aussagen bekommt man nicht wirklich fokussiert, sie bersten vor innerer Anspannung, tragen untereinander Kämpfe aus. Godard arbeitet wie stets mit dialektischen Gegensätzen, mit Doppeldeutigkeiten und Sinnverschiebungen, die sich im Knirschen zwischen links und rechts von Auge, Ohr, Gehirn ereignen. So entstehen freilich keine klaren Aussagen, aber ein ganz bestimmter Stil, audiovisuell zu spinnen.

Und auch seinen Humor, seine Faszination für sprachlichen Nonsens und derbe Pointen hat JLG nicht verloren. Einige Französischkenntnisse vorausgesetzt, versteht sich. Denn auch die Untertitel sind hier kein sklavischen Übersetzungsmaschinen, sondern Teil des 3D-Spiels. Endlos kann Godard zum Beispiel mit dem Filmtitel (etwa: „Lebewohl, Sprache“) herumtricksen, sodass er irgendwann zu „AH dieux“ („Ah, Götter!“), „OH langage“ („Oh, Sprache“) gerinnt. Was kurz himmlisch erschien, waren doch nur Worte, Worte, Worte. Immer wieder zieht Adieu au langage seine emporschwingenden Theorien herb ins Profane hinab, etwa wenn ein Mann (Kamel Abdelli), auf dem Klo sitzend, seiner Freundin (Héloise Godet) einen Ausweg aus den Kaskaden endlos aneinandergereihter dialektischer Paarungen vorschlägt. Laut furzt und platscht es auf der Soundspur, wenn er spricht: „Alles Scheiße“.

Keine Widersprüche!?!

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Wie stets ist Godard tunlichst darum bemüht, jede stabile Logik, jeden sich festsetzenden Sinn aufzusprengen. Weil das Greifen nach Allgemeingültigkeit für ihn immer totalitaristisch schmeckt. Stattdessen gleitet er – wie seine philosophischen Gewährsmänner des französischen Poststrukturalismus – abschüssige Assoziationsbahnen hinab, um manchmal, wie zufällig, bei einem verweilungswürdigen Gedanken anzulangen. „Metapher“ betitelt Godard eine Hälfte des Filmes; Metapher heißt auf Griechisch „Transport“. Und so werden wir mal ruckelnd, mal fließend mitgenommen: Nackt auf der Treppe stehend, spricht die Frau vom gewundenen Flussbett des Kongo, dann folgt kurz das Bild eines zusammengerollten Schmetterlingsrüssels, damit zuletzt, zurück im Treppenhaus, die Kamera zur Seite kippt und das Bild sich im Kreis dreht. Die Gedanken, die Bildideen, kurzum: die Bewegungen laufen in Spiralen.

Zu einigen Denkfeldern kehrt der Film so fast obsessiv immer wieder zurück. Beispielsweise streut Godard beständig krumme Verweise auf die Eurokrise, die allesamt von einem deutlichen Antigermanismus befeuert sind. Hitler stromert manches Mal durch Archivbilder. Eine französische Frau wird immer wieder von einem ziemlich bossy Deutschen mit Schnurbart, Benz und Knarre verfolgt („Ich mach dich fertig, du Scheißnutte!“). Und dann gibt der oben angesprochene Scheiße-Philosoph eine poetische Miniatur der Krise zum Besten. Er sagt, auf Französisch: „Links und rechts haben die Plätze getauscht, aber oben und unten sind gleich geblieben. Warum?“ Seine Freundin, auf Deutsch, antwortet mit dem Gebell eines SS-Mannes: „HIERRR GIBT ES KEIN WARRRRUM!“ Merkels Alternativlosigkeit, so könnte eine naheliegende Ausdeutung lauten, hüllt sich in Evidenz und duldet keine Widersprüche.

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Doch das ist nur ein Schrappnell im deutungsoffenen Dauerfeuer von Goodbye to Language. Viele andere gibt es zu erahnen, erleiden oder natürlich: zu verpassen. Aber der Diskurs darf hier ganz Godard-untypisch mal hintangestellt werden, denn vor allem ist sein neuer Film eine somatisch beispiellose Tour de Force, die – ohne Übertreibung – in vollkommen unerschlossene Regionen des Filmischen vorstößt. Alle Tore stehen wieder offen: Eine neue Stunde Null des Kinos.

Trailer zu „Adieu au langage“


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